Schanze, 1980

Man traut seinen Augen nicht: das Hamburger Schanzenviertel in den 80ern.



Those were the days … als die Hamburger Schanze noch für alle da war, es noch keinen Latte-Macchiatto-Strich und gefühlte 150 Mutti-Kind-Lädchen gab, als im Flora-Theater in schönster verblichener Varieté-Atmosphäre »1000 Töpfe« untergebracht war, der Curry-Geruch der Laue-Gewürzfabrik durch das Viertel strömte und die taz so großartige Headlines wie »Bullen jagen Bullen« dichten konnte, weil immer mal wieder ein Rind aus dem Schlachthof ausbrach.

Der Fotograf und Grafiker Thomas Henning hat in der 80ern dort gewohnt, sich beim legendären »Foto Wörner« eingedeckt und ist dann mit seiner Nikon F durch die Straßen gezogen und hat eingefangen, was er sah: Die Bernsdorffer Straße, die wie großartiges unbebautes Brachland wirkte, die ungelenk todschicke Boutique »Ihr Modestudio« am Schulterblatt, das Treffen beim Schlachter, der in der Vereinsstraße die besten Weißwürste Deutschlands machte und sich in der Amandastraße mischte, was eigentlich nicht zusammengehörte: Jung und Alt, Zugezogene und Alteingesessene, Arbeiter und Studenten statt kreativer Monokultur.

Eine verblüffende Zeitreise, bei der Henning die Sozialfotografie von amerikanischen Größen wie William Eggleston im Hinterkopf hatte und die Komposition genauso im Blick behält wie die Authentizität des Motivs – und einen einfach staunen lässt, wie anders dort alles einmal war und wie unglaublich weit weg sich 30 Jahre anfühlen können.

Eines hat sich allerdings nicht verändert: der Schriftzug von 1000 Töpfe und deren schwarz-gelbes Design …

Thomas Henning: Schanze, 1980, Junius Verlag, 94 Seiten, 19,90 Euro


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