Das Ende der Enthaltsamkeit

Bissig und herrlich amüsant: Jessica Broscheit illustriert die Alkohol-Fibel des Barclubs Golem.



 

Der Rausch als letzte Bastion, um der auferlegten Selbstdisziplinierung zu entfliehen, den ökonomischen Zwängen und dem alltäglichen Trott, das Trinken als Kultur und (Un-)Kultur, seine philosophische Bespiegelung, theatrale Umsetzung und um vieles mehr – Cocktailrezepte inklusive – geht es in »Das Ende der Enthaltsamkeit. Über Bars, Cocktails, Selbstermächtigung und die Schönheit des Niedergangs«.

Erzählungen, Abhandlungen, Liedertexte, Einakter eines Who-is-Who der Hamburger Szene haben die Betreiber des Golem, Alvaro Rodrigo Piña Otey und Anselm Lenz, zusammengetragen, unter den Autoren, die, von theoretisch bis sehr redselig, um die Kultur des Rausches kreisen sind Heinz Strunk von Studio Braun, Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, Filmkritiker Georg Seeßlen, Kunsthistoriker Roberto Ohrt und viele mehr.

Unterteilt sind ihre Traktate in sieben Zirkel, die Jessica Broscheit jeweils mit einer herrlich bissigen Illustration einleitet.

Dazu hat sie mit einer alten Lithographie-Vorlage eines Bischofs eine siebenteilige Serie entwickelt, die das moralisch strenge Motiv bricht – und das auf vielfältige hintersinnige Weise. So setzt sie dem Kirchenfürsten Mickey Maus Ohren auf und zieht ihm die Zwangsjacke an, löst seine Konturen auf oder vervielfältigt sie im Kaleidoskop, drückt ihm, statt dem Apfel der Erkenntnis, eine Birne in die Hand und einen Schnuller in den Mund.

Das Motiv des Bischofs hat sie gewählt, »weil dort, wo die moralischen Fahnen oft am höchsten hängen, die tiefsten Abgründe sind«.

Und auch in der alten Lithographie-Technik der Punktaufrasterung hat Jessica Broscheit mit der Enthaltsamkeit, mit dem sich Verlieren, damit, den Fokus wieder scharf zu stellen, um dann aber doch wieder ganz im Prozess aufzugehen, gespielt. Fast »meditativ, hyponotisch« nennt sie den Prozess der Punktaufrasterung, den sie als besonders langwierigen mit Absicht gewählt hat. »Die Arbeit besteht aus Tausenden von Punkten, der Prozess hat was von Enthaltsamkeit«, beschreibt sie ihn, »und fühlt sich wie ein Fass ohne Boden an.« Und dazu ist man »in den Punkten so gefangen, dass man das Gesamte gar nicht mehr sieht, ist ganz verblendet vom Moiré«.

 

Anselm Lenz, Alvaro Rodrigo Piña Otey (Hg.): »Das Ende der Enthaltsamkeit. Über Bars, Cocktails, Selbstermächtigung und die Schönheit des Niedergangs«, Edition Nautilus, 272 S., 19,90 Euro


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