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Das sind die spannendsten Werkschau-Brandings

Die visuellen Auftritte der Rundgänge und Jahresausstellungen an den Hochschulen schlagen die Brücke zwischen kreativem Experiment und professionellem Event-Design. Wir zeigen, wie Studierende die experimentelle Kreativität ihrer Jahresausstellungen in den begleitenden Kampagnen und Erscheinungsbildern spürbar werden lassen

»I am not a robot« lautet das Motto des Rundgangs an der FH Salzburg. Mit dem Design rebellieren die Studierenden gegen technisch-­abgehobene Lösungen und machen mit aufrüttelnden Captcha-­Bildrätseln auf politische und soziale Problematiken aufmerksam

Rauschende Partys und mehrtägige Ausstellun­gen – an den Kunst- und Designhochschulen werden das Semesterende und der Übergang vom Studi­um ins Berufsleben gebührend gefeiert. Jede Schule pflegt hier eigene Traditionen, die die Pandemie auf eine harte Probe stellte. Während die HfK Bremen eine Covid-kompatible Outdoor-Ausstellung konstru­ierte, inspirierte das Bedürfnis nach Begegnungen mit hochschulexternem Publikum an­dern­orts hybride und digitale Ideen. So tes­tete die Macromedia Hochschule in Freiburg einen Rundgang im Spatial-Metaverse und lud zur virtuellen Vernissage in Avatarform ein.

Die Macromedia Hochschule Freiburg lud 2021 zur virtuellen Bachelor­ausstellung ein. Sie entstand als zehntägiges kreatives Experiment im Spatial-Metaverse und übersetzte nicht nur die Präsentation der Arbeiten ins Digitale, sondern auch die Begegnungen mit dem externen Publikum, das sich mit eigenen Avataren zur Vernissage einfand

Doch zu den Events gehört mehr als reines Ausstellungsdesign. Meist werden sie von öffentlichkeits­wirksamen Erscheinungsbildern und Kampagnen begleitet, eine Website bietet Einblicke in die Projekte, die ein Katalog zudem detailliert in Printform festhält. Diese Konzepte müssen sehr unter­schiedlichen Anforderungen gerecht werden, denn sie dienen als offizielles »Aushängeschild« für die Professionalität der Hochschulen und wollen gleich­zeitig die fehlertolerante und experimentelle Atmosphäre in den Studiengängen abbilden.

Diese Spannung prägt auch den Entstehungspro­zess. So verdankt die FH Salzburg ihren Rundgang der Eigeninitiative von sechs Bachelor­absol­ven­­t:in­nen, die ihren provokanten Designansatz sogar vor der Stadt vertreten mussten. An der UdK Berlin reichen Masterstudierende freie, künstlerische Entwürfe zum Pitch ein und das ausgewählte Design wird gemeinsam mit der Marketingabteilung realisiert. »So geben wir den Studierenden eine gewisse Freiheit mit auf den Weg«, erklärt Fons Hickmann, Professor für Kommunikationsdesign an der UdK, »und das Bewusstsein dafür, dass man sich auch im Berufsalltag Räume schaffen kann, um kreativ und künstlerisch zu arbeiten.«

 

Wer wagt, gewinnt

Die FH Salzburg bricht mit ihrem Rundgang-Design mehr als eine Gestaltungsregel

An der FH Salzburg gibt es unterschiedliche Studiengänge im Bereich Medien und Design, die ihre Arbeiten bisher immer nur separat ausstellten. Das änderten sechs Studierende, die im Wintersemes­ter 2021/22 als Bachelorarbeit einen gemeinsamen Rund­gang, dessen Identity und Kampagne gestalteten. Sie planten das komplette Programm inklu­sive Agen­tur-­Speeddating und kuratierten Projekten sowie Performances aus allen Fachbereichen. Die Professorin für Mediendesign, Viktoria Schneider-Kirjuchina, stand ihnen dabei als Betreuerin zur Seite.

»Der Rundgang sollte nicht nur den technischen Fokus der Hochschule widerspiegeln, sondern auch unsere Anteilnahme an politischen und sozialen Pro­blemen«, erklärt Team-Lead Alina Traun. Das Design greift dies in aufrüttelnden Fotos von Wald­brän­den, Aufständen und Protesten auf. Das Team verwendete diese Motive für mehrere Captcha-Bild­rätsel, die es auf der Website zu lösen gilt, während sie in den Printmedien als die Gestaltung überlagern­de Elemente auftauchen. Eine Motivauswahl, die im traditionsreichen Salzburg zunächst auf Gegenwind stieß. Um Plakate und Flyer öffentlich verteilen zu dürfen, mussten die Studierenden ihren Entwurf vor Vertreterinnen und Vertretern der Stadtverwaltung präsen­tieren und schließlich auf »leichter verdauliche« ­Fotos zurückgreifen.

Unter den Captchas verbirgt sich auf der Website, in Einladungen und einem Katalog ein technoid anmutendes Design, das jedoch immer wieder kreativ gegen klassische Gestaltungsprinzipien rebelliert. So verbannten die Designer:innen jegliche Farbe aus Pla­katen, Website und Social Media und verzichteten zugunsten verrauschter Animationen auf die schnel­le Lesbarkeit ihrer stilisiert-verpixelten Headlineschrift. Dennoch ist der Auftritt alles andere als unübersichtlich – die Helvetica Neue erzeugt als Textschrift Seriosität und klar strukturierte Layouts führen mit feinen, sichtbaren Rasterlinien sofort zu den wesent­lichen Informationen.

Team
Luca Carubia, Katja Gröbl, Anna Klementova, Sebastian Scholtze, Alina Traun und Anna Sophie Wehmeyer

Vielfalt in Motion

Das Rundgang-Design der UdK Berlin visualisiert die Interaktion und Begegnungen mit dem Publikum

Zum jährlichen Rundgang der UdK Berlin im Sommer öffnet eine Vielzahl an Standorten in der ganzen Stadt ihre Türen. Das zugehörige Design entsteht im Wechsel in einer der vier Klassen des Gestaltungs-Masterstudiengangs. Die UdK-Marketingabteilung brieft die Studierenden zu Semesterbeginn und wählt gemeinsam mit den Lehrenden einen finalen Entwurf aus. Die­ses kursinterne Pitch-Verfahren eröffnet den angehen­den Designer:innen die Chance, einen freien, experimentellen Entwurf im großen Stil und mit finanzieller Unterstützung durch die Hochschule umzusetzen.

In diesem Jahr überzeugte Marcus Bücken aus der Kommunikationsdesignklasse von Pro­fessor Fons Hickmann mit einem ambitionierten Ansatz: »Das Design sollte die Wege des Publikums in Interaktion mit den vielfältigen Räumen und kreativen Ideen der UdK zeigen.« Er setzte dies als flexibles Layout aus drei Elementen um: verschlungene Wege in gelber Sonderfarbe auf einem stilisierten, dunklen Gebäu­de­umriss mit individuell skalierter Typografie. In jedem Standort hing das passende der 23 unterschiedlichen Plakate mit dem jeweiligen Grundriss, während im Ber­liner Stadtbild ganze Plakatwände mit den verschiede­nen Motiven zum Rundgang einluden. Zudem produzierte Marcus Bücken ineinanderfließende Anima­tio­nen für digitale Anzeigen und Social Media.

Bei der Umsetzung des komplexen Designs profitier­te er von seinen vier Jahren Berufserfahrung. Überrascht davon, dass sein Konzept angenommen wurde, hatte er alle Hände voll damit zu tun, die Motive in den unterschiedlichen Formaten zu animieren. Diese Herausforderung entspricht allerdings genau seinem Geschmack, denn der Designer entschied sich für das Masterstudium an der UdK, um seinen Stil weiter zu schärfen. Das Rundgang-Design bot ihm »die perfekte Gelegenheit, völlig ungefiltert kreativ zu sein, und das mit enorm hoher Sichtbarkeit«. Denn jährlich finden sich über 10 000 Kunst- und Kulturinteressierte in den Fakultäten ein.

Zum Rundgang-Design gehört auch immer ein besonderes Produkt für den UdK:shop. Marcus Bücken gestaltete eine Tonvase, die UdK-Alumnus Daniel Valencia Ferrá nun im Keramik-3D-Druck produziert

Kreativität beflügeln

Ein luftiges Design lädt zur analogen Jahresausstellung der HfK Bremen ein – trotz Covid

Die HfK Bremen wechselt für ihre jährliche Abschlussausstellung immer den Ort und leitet aus diesem sowie aus dessen Geschichte alle weiteren Entscheidungen zur Gestaltung der Veranstaltung und Identity ab. Gemeinsam mit den Lehrenden pla­nen die Studierenden des Abschlussjahrgangs eine Ausstellung, und einige Freiwillige übernehmen das Design. Normalerweise feiert die HfK den Abschied von ihren Absolvent:innen analog. Doch Covid erforderte auch hier ein Umdenken, denn neben der realen Interaktion mit dem Publikum fehlte den De­signer:innen die Grundlage ihrer Ausstellungen: ein Ort, den es zu verwandeln gilt.

Für ihre Jahresausstellung entwarf die HfK Bremen kurzerhand ein eigenes Open-Air-Konzept auf dem Domshof. Zwischen Tauben und Touristen fanden dort Kunst-, Kultur- und Designveranstaltun­gen statt. Das Projekt gewann mit seinem ungewöhnlichen Raum­konzept und einer ­luftigen Identity einen ADC-Goldnagel in Spatial Experience Bild: Lukas Klose

2021 sollte sich das mit dem Open Space Domshof ändern, einer städtischen Initiative zur kultu­rellen Erschließung des großen Platzes vor dem Bremer Dom. Professor Jan Charzinski, der den Design­fach­bereich der Hochschule leitet, entwarf mit seinen Studierenden ein Raumkonzept, in dem die Jahresausstellung trotz der Kontaktbeschränkungen statt­finden sollte. Die gut belüftete Open-Air-Konstruktion aus durchlässigen Gitterböden tauften sie »Influencers Taubenheim«. Doch nur ein Teil des Raumes war der HfK-Jahresausstellung vorbehalten – vier Monate lang nutzten auch andere Musik-, Kunst- und Kulturevents die offene Bühne.

Auf der Taubenheim-Website findet man Informationen zum Projekt, dem monatlichen Programm und dem digitalen Teil der Jahresausstellung

Diese Vielfalt fing die Identity der Designstu­die­renden Christine Claussen und Ruben Lyon in einem dreiteiligen typografischen System ein. Sie definierten für jeden Bereich des Taubenheims einen eigenen Font – Sprat, Rail Grotesk und Anthony –, wobei einzelne Buchstaben jeweils bei den anderen auftauchen, um so den Austausch und die Interak­tion der Hochschule mit dem öffentlichen Raum und der Bremer Kulturszene zu symbolisieren. Word­ing und Farbwelt des Designs sind vom Bremer Domshof – genauer: den dort allgegenwärtigen Tauben inspiriert. Ihr blaugrünes Federkleid nahmen Lyon und Claussen in der begleitenden Website als pastellige Verläufe auf. Im Taubenheim selbst inszenierten Lyon und Classen sechs ausgewählte Abschlussarbeiten und die verkleinerte Jahresausstellung in Printplakaten, Social Media und mit weithin sichtbaren Flaggen.

Team
Design Professor Jan Charzinski, Christine Claussen, Ruben Lyon; Fotos Lukas Klose; Website Lotta Stöver

Bild: Lukas Klose

Metamorphose

Das Design der HTWG Konstanz feiert Abschied und Neuanfang zugleich

Mysteriös leuchtende Membranen, filigrane Haut und schillernde Kostüme: Das Werkschau-Design der HTWG Konstanz zeigt die Metamorphose von Studierenden zu professionellenGestalterinnen und Gestaltern

In Konstanz ist das Design der Werkschau Ehrensache. Jedes Semester findet sich eine Gruppe Studierender, die zusammen mit den abwechselnd betreuenden Professor:innen eine Werkschauparty, zweitägige Ausstellung und die begleitende Identity entwickelt. Dazu gehört auch das Organisieren von Sponsoringgeldern für die Produktion der Plakate und des Katalogs. So lernen sie, ein Event von Grund auf selbst zu planen und selbstständig umzusetzen. Für das Werkschauteam im Wintersemester 2021/22 bedeutete dies, »die Freiheit, sich noch einmal krea­tiv auszuleben, etwas für unser Portfolio zu schaffen und gleichzeitig unsere Freund:innen zu verabschie­den«, so Felix Steidle.

Das Design konzentriert sich ganz auf die Ab­solvent:innen und ihre Metamorphose zu berufs­tätigen Kreativen. »Cocoon ist eine Hommage an das Über-sich-Hinauswachsen. Es geht darum, die alte Haut abzuschütteln und den nächsten Schritt zu wagen«, erklärt Moritz Ernst. Als zentrales Motiv wählte das Team deshalb 3D-visualisierte Kokons, die in Collagen mit schillernden Porträts der »frisch geschlüpften« Designer:innen eine surreale Bildsprache erzeugen. Zudem dienen sie als abstrakt durchleuchtete Hintergründe auf Plakaten und in Social Media. Die Projekte sind auf einer Website und im großformatigen Werkschau-Katalog inszeniert. Dieser wird durch einen verlängerten Schutzumschlag selbst zum Kokon: Man muss erst mehrere Schichten abwickeln, um schließlich die Porträts der frisch gebackenen Designer:innen und ihre Arbeiten zu enthüllen.

Team Antonia Denneler, Juliane Ebinger, Moritz Ernst und Felix Steidle

Dieser Artikel ist in PAGE 09.2022 erschienen. Die komplette Ausgabe können Sie hier runterladen.

PDF-Download: PAGE 9.2022

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