Wie Kalligrafie im Jüdischen Museum zum Erlebnis wird

Über die Ausstellung »Gehorsam« im Jüdischen Museum Berlin wird so heftig gestritten, dass sie jetzt verlängert wird. Unbestritten aber ist die großartige Kalligrafie von Brody Neuenschwander für die er neue Techniken und allerlei Tricks anwandt.



GEHORSAM – Ausstellungsansicht

Viele große Filme von Peter Greenaway tragen die Handschrift des Kalligrafen Brody Neuenschwander, einem vielseitig studiertem Amerikaner mit Wohnsitz in Brügge.

»Prospero’s Bücher«, »Die Bettlektüre«,  er arbeitete an Videoinstallationen des britischen Regisseurs mit und an Opern von dessen Frau Saskia Boddeke.

Greenaway und Boddeke haben im Jüdischen Museum Berlin jetzt eine provokante Ausstellung inszeniert: »Gehorsam«, die sich der umstrittenen Geschichte von Abraham und Issak aus dem Alten Testament annimmt, zentral im Christen- und Judentum und im Islam. Abrahams Bereitschaft seinen Sohn zu opfern zeigt nicht als Zeichen der Loyalität gegenüber Gott, sondern als Missbrauch von Macht und blindem Gehorsam.

Durch 15 Räume des Jüdischen Museum zieht sie sich. Ein Budenzauber oder Bilderrausch, ganz wie man will, platt oder plakativ, mutig oder ein billiger Abklatsch von Greenaways früherer Arbeitet, ergreifend oder ganz schon kitschig.

Die Gemüter kochen hoch, im Feuilleton und im Gästebuch des Museums selbst.

Unbestritten aber ist die Kalligrafie Brody Neuenschwanders, die sich durch die gesamte Schau zieht. Über eine Woche lang hat er vor Ort Hand angelegt.

Schon im ersten Raum ist eine ganze Wand mit den Worten »I am Isaac« und »I am Ishmael« in vielen Sprachen und wie von Kindern geschrieben, überzogen. Dafür hat Neuenschwander bekannte Tricks angewandt, mit geschlossenen Augen geschrieben, rückwärts oder mit links.

Im Goldenen Raum, der das Opfer Isaacs interpretiert, überzieht Kalligrafie in Rot die goldenen Wände während ein Video den Schreibprozess zeigt, in dem die relevanten Passagen auf Papier gebracht werden – in hebräischer, lateinischer und arabischer Schrift.

Dabei wurde auf einem neu konzipierten Tisch, das Papier der Länge nach vorbei gezogen werden Neuenschwander schrieb, der dabei nicht den Stift selbst angeschaut hat, sondern seine Schreibbewegungen auf einem Monitor verfolgt. Eine

»kalligrafische Bauchspiegelung«

wie er sie selbst auf seinem Blog nennt – und erzählt, dass vor allem die hebräischen Buchstaben eine wirkliche Herausforderung waren. Während er schrieb, wurde das Papier gezogen und Saskia Boddeke achtete auf die Rechtschreibung. Gab es einen Fehler, musste der Take wiederholt werden.

Die meisten Kalligrafien hat Neuenschwander, der zuletzt auch für Dries van Noten arbeitete, ohne Entwurf und Vorzeichnung auf die Wände gebracht und viele der Kompositionen direkt an der Wand selbst entwickelt.

Nach und nach steigert sich die Gewalt in der Ausstellung – bis im vorletzen Raum Kinder aus Kriegsgebieten zu Wort kommen und man schließlich, in einem Blut beschmierten Raum mit der Frage »Or are you a Abraham?« entlassen wird. Da verlässt die Schau die Historie – und taucht mit Neuenschwanders erstem Graffiti im öffentlichen Raum in die Gegenwart ein …

Gehorsam. Eine Installation in 15 Räumen von Saskia Boddeke & Peter Greenaway, Jüdisches Museum Berlin, verlängert bis 15. November 2015.




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