Typo Design international – Reise nach Argentinien

La Pasión Latina: Seit einer Art Typo-Urknall im Jahr 2001 hat sich in Argentinien eine einzigartige typografische Kultur herausgebildet. Klaus-Peter Staudinger stellt sie und ihre Protagonisten vor.



Humanistische Sans Ronnia

Tango, Gauchos, Albiceleste – Argentinien ist für uns der Inbegriff gleichsam archaischer wie zivilisierter Leidenschaft. Aber natürlich darf man seine Kultur nicht auf Tanz, Rinderzucht oder Fußball reduzieren. Argentinien ist das achtgrößte Land der Welt und nach Brasilien das zweitgrößte in Lateinamerika. Die Buchmessen haben uns die großartige Literatur nahegebracht, aber auch im Typedesign ist Argentinien Weltklasse.

Dabei sind es vor allem vier Foundries, die ganz vorne mitmischen – jede von ihnen mit einem sehr eigenen, prägnanten Profil. Allesamt in oder um die Hauptstadt Buenos Aires gelegen, sind sie ebenso Vorbild wie Vertriebsplattform für die nachfolgende Generation.


Sudtipos, den Zusammenschluss der Schriftgestalter Ariel Garofalo, Claudio Pousada, Diego Giaccone und Alejandro (genannt: Ale) Paul, gibt es bereits seit 2001. Frontmann ist der vielfach preisgekrönte Paul, ein Meister der stilisierten Schreibschrift in der Tradition von Hermann Zapf und Ed Benguiat. Seine aus über 30 Einzelschriften bestehende Bluemlein-Script-Kollektion ist eine Reminiszenz an vergessene US-amerikanische Schreibkünstler der 1930er Jahre.

Dem Sudtipos-Repertoire ist anzumerken, dass der 1972 geborene Ale Paul lange Zeit als Artdirektor im Bereich Packaging und Branding tätig war. Viele der kalligrafisch ausgelegten Schriften wie Aventura, Chocolate, Inoxida oder die Hybridschrift Coche entwirft er gemeinsam mit dem erfahrenen Buchstabenkünstler und Logogestalter Angel Koziupa.

In ihren Kollaborationen verfolgen sie das Ziel, die südamerikanische und die argentinische Kultur im Besonderen zu repräsentieren. Für die beiden bedeutet das Temperament, Harmonie und Detailreichtum – entwickelt aus der handgeschriebenen Schrift heraus.

Lineare Rolling Pen von Sudtipos’ Frontman Ale Paul

Einen etwas anderen Weg geht TypeTogether, die 2006 von der gebürtigen Tschechin Veronika Burian und dem Argentinier José Scaglione gegründete Typefoundry. Die beiden lernten sich im renommierten MA-Typeface-Design-Studiengang an der University of Reading kennen. Ihre erfolgreiche Kooperation betreiben sie seither weitgehend getrennt in unterschiedlichen Ländern oder sogar Kontinenten lebend. Dadurch wie auch durch ihre vielfältige Lehrtätigkeit erweitert sich der gemeinsame Erfahrungsschatz beständig – was wiederum der multilingualen Anlage ihrer Fonts zugutekommt.

Dies, vor allem aber der hochwertige Ausbau als gut lesbare Textschriften prädestiniert sie fürs Editorial Design.

Eine weitere Spezialität von TypeTogether sind Custom Fonts, die meist im Bereich des gehobenen Corporate Designs zum Einsatz kommen, wie die Abwandlung ihrer erfolgreichen Bree für das neue Erscheinungsbild des Nachbarlands Peru.

José Scaglione steht einem möglichen argentinischen Lokalkolorit in seinen Arbeiten skeptisch gegenüber. Dies sei eher eine Sache persönlicher Erfahrung als kultureller Prägung. »Für mich gibt es den argentinischen Stil nicht – auf populäre Klischees gebe ich wenig. Meiner Ansicht nach hat Argentinien durch überregionalen Austausch einen Level erreicht, wo wir Schriftentwerfer dem Rest der Welt als gleichwertige Partner, nicht als Lehrer oder Studenten begegnen«, sagt er.

TypeTogether-Erfolgsschriften wie Tablet Gothic oder Breevon von José Scaglione


Das erste argentinische Typolabel überhaupt hat Alejandro Lo Celso 2001 ins Leben gerufen: PampaType, die er allerdings lange Zeit von Mexiko aus betrieben hat, wo er in Puebla an der Universidad de las Américas lehrte.

Der 1970 geborene Designer zählte zum ersten Jahrgang des Postgraduiertenprogramms in Reading und studierte anschließend am Atelier National de Recherche Typographique in Nancy. Inzwischen ist PampaType nach Argentinien zurückgekehrt – ins schmucke La Plata, Hauptstadt der Provinz Buenos Aires.

Lo Celsos gut ausgebaute Werksatzschriften wie Borges, Quimera oder zuletzt Arlt besetzen vor allem das Genre der Buchtypografie. Und so sind seine wichtigsten Fonts inspiriert von den Werken argentinischer Dichter.

Als Designer, der überzeugt ist von kultureller Verschiedenheit und der die lateinamerikanische Obsession nach eigener Identität teilt, erklärt er: »Die Kultur beeinflusst den lokalen Schöpfer, aber dieser hat eine klare Verantwortlichkeit in Bezug auf seine eigene Kultur – indem er sie reflektiert, infrage stellt, diskutiert, fördert, verändert und letztlich so etwas Neues schafft.«

Rayuela, Borges oder Arlt von PampaType-Betreiber Alejandro Lo Celso

Mit einem ähnlichen Anliegen gründeten die beiden Schriftkünstler Darío M. Muhafara und Eduardo Rodríguez Tunni 2007 ihr Typolabel, das sie schlicht Tipo nannten. Ihr Anspruch ist es, hochqualitative Schriftfamilien herauszugeben, denen zwar erkennbar ein südamerikanisches Flair anhaftet, die sich aber dennoch oder gerade deswegen auf dem globalen Markt behaupten können. Aktuell sind die Basile, die zusammen mit Felix Lentino gestaltete Malena oder Tunnis Lineare und Median.

Gern darf es auch mal ein wenig extravaganter sein wie bei der markig fetten Titulata oder der neuesten Kreation Think, einer ebenso barock wie modern anmutenden Linearen. Bei Tipo sind auch Schriften anderer namhafter Designer wie Rubén Fontana oder Pablo Cosgaya vertreten, die eher zur Lehrergeneration der jungen Typoszene Argentinien gehören.

Schrift von Rubén Fontana


Diese Dichte an herausragenden Schriftgestaltern ist umso erstaunlicher, als Südamerika kein großes typografisches Erbe besitzt.

Für den gesamten Schriftgebrauch importierte man über Jahrhunderte nahezu alles aus Europa (oder Nordamerika). Im 19. Jahrhundert schufen dann jesuitische Missionare eigene Druckformen, und zu Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich in Argentinien allmählich eine eigenständige Literatur mit Protagonisten wie Roberto Godofredo Arlt und Jorge Luis Borges.

Nach ständigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen versetzte die fast 10 Jahre währende Militärdiktatur, die 1983 nach dem Falklandkrieg beendet wurde, das Land eine lange kulturelle Stagnation. Erst der 1945 am nördlichen Rand von Patagonien geborene Luis Siquot brachte Fachwissen in die (typografische) Gestaltung ein.

Nach seiner Designausbildung und ersten Berufserfahrungen in Córdoba und São Paulo erhielt Siquot in den späten 1960ern ein Stipendium für die Ulmer Hochschule, gelangte dann aber wegen deren Schließung an die Hochschule für bildende Künste Hamburg. Ab 1991 veröffentlichte er als Erster seine selbst digitalisierten Vintage-Typedesigns wie Abaton, Arecibo oder die differenziert ausgebaute Familie Juanita mit Lubalins mythischer ITC. Zugleich gab er sein Wissen aber auch stets an die nächste Generation weiter.

Über das Label siquot’types vertreibt er seine Fonts heute von Córdoba aus, wo er hauptsächlich als Plakatkünstler arbeitet und gelegentlich im privaten Rahmen unterrichtet.

Antiqua-Variante von Argentiniens Typo-Pionier Luis Siquot

Ein weiteres Jahrzehnt später fruchtete schließlich der Unterricht des heute 73-jährigen Rubén Fontana an der Universität in Buenos Aires und es kam zu einer Art Typo-Urknall, der – ausgehend von Argentinien und Mexiko – in sehr kurzer Zeit dem lateinamerikanischen Kontinent eine eigene Schriftkultur bescherte.

Endlich nahmen sich talentierte Gestalter auch der Schrift selbst an. Interessanterweise war dies nicht zuletzt auch eine Folge der großen argentinischen Wirtschaftskrise 2001.
Da Grafikdesign sich – zumal, wenn man nicht über gewachsene internationale Kontakte verfügt – nur begrenzt exportieren lässt, sahen einige Designer im Typedesign eine Chance, einen größeren Markt zu erreichen.

Vor allem das Packaging Design bekam durch die neue Exportorientierung größere Bedeutung – und somit war gleich ein Subgenre für die Typo-Freaks entstanden, das in den ersten Jahren gerade von Sudtipos gern und reichlich bedient wurde.

Die ehemals von Fontana herausgegebene Zeitschrift »Tipográfica« organisierte 2001 eine internationale Konferenz, die die eigentliche Initialzündung für Argentiniens Typo-Boom darstellte. 2004 folgte die Biennale Letras Latinas, die seit 2008 als Tipos Latinos südamerikanisches Schriftschaffen in die Welt trägt.

Brand Live, Mon Amor für Headlineschriften oder fürs Packaging


2005 erhielt Buenos Aires den UNESCO-Titel »Stadt des Designs«. In der Tat ist die Metropole, in der gut ein Drittel der rund 40 Millionen Einwohner Argentiniens leben, der wichtigste Ausbildungsort für Design im Land.

Rubén Fontanas Wirken machte die Fakultät für Architektur, Design und Stadtplanung der staatlichen Universität von Buenos Aires (FADU/UBA) zu einer internationalen Größe der Typoszene.

Insbesondere das Postgraduiertenprogramm Diseño de Tipografía (CDT) wartet seit 2009 neben Fontana als Direktor mit dem Who is Who der argentinischen Schriftdesigner als Dozenten auf und ist ein Dreh- und Angelpunkt für lateinamerikanische Studenten geworden. Wichtige Lehrstuhlinhaber für Schriftdesign und Typografie sind Pablo Cosgaya und Enrique Longinotti. Cosgaya, Jahrgang 1965, hat mit Gleichgesinnten kürzlich die Foundry Omnibus-Type gegründet mit einem Schwerpunkt auf hochqualitative Webfonts.

Holzschnittartige Bahiana von Cosgaya zusammen mit Dani Raskvsky


Nach wie vor ist viel Bewegung in Argentiniens Typoszene – und immer wieder tauchen, nicht zuletzt durch den intensiven Typo-Unterricht an der FADU/UBA neue Talente auf.

Eines davon ist sicherlich Maximiliano Sproviero, Jahrgang 1987. Seine 2008 gegründete Foundry Lían Types hat schon ein beachtliches Œuvre aufzuweisen. Sproviero hat vor ein paar Jahren mit rein kalligrafischen Fonts begonnen, sich aber mittlerweile immer mehr auf Textschriften verlegt – ohne seine skripturalen Vorlieben zu verleugnen.

Ziemlich gegenteilig, also klar von der Konstruktion her kommend, arbeitet der Illustrator und Grafikdesigner Pablo Alfieri mit Schrift. Seine spielerisch für die Projekte des mit Partnern betriebenen Studios Playful & Plenty zusammengesetzten Kreationen sind oft grell, nicht selten dreidimensional und bilden gelegentlich den Ausgangspunkt für witzige filmische Animationen.

Originelle Displayschriften entwirft Sebastian Gagin. Der 28-jährige Designer betrachtet sein Land als Mix europäischer, kolonialer und eingeborener Kultur. Als Besonderheit seiner Landsleute betrachtet er ihre »Findigkeit«, wie er es nennt. »Es geht darum, pfiffig zu sein, nach Lösungen angesichts der Knappheit von Ressourcen zu suchen und neue Antworten für jedes Problem zu finden.

«Für ihn ist der Hauptunterschied zu Europa oder Nordamerika aber das Spielerische, Furchtlose und Offene: »Ein Stil, der etablierten, alten Traditionen nicht allzu viel Respekt entgegenbringt – sodass es fett und farbenfroh zugeht, zur gleichen Zeit aber auch darauf ausgerichtet ist, nach bester Qualität zu streben.«

Jahrbuch für Illustration von Sébastian Gagin

Ganz ähnlich arbeitet der gleichaltrige Rodrigo Fuenzalida, der eigentlich aus Venezuela stammt, in Argentiniens Hauptstadt. Seine Fonts Fux und Titan machen neugierig auf mehr. Auch die Designs des Studios Mambo sind gelegentlich typografisch ausgelegt. Für einige ihrer Identity-Projekte zwischen Fashion und Editorial habe sie eigene erfrischende Schriften kreiert.

Unbedingt erwähnenswert ist auch Holabosque, ein junges Duo, das aus der Graffitiszene kommt und häufig mit handgeschriebenen Botschaften und Zeichenteppichen ganze Locations inszeniert. Dabei spielen sie auch gern in Mustern und Farben mit den ethnischen Besonderheiten lateinamerikanischer Kultur.

Fux Font und Titan von Rodrigo Fuenzalida

Eine der vielversprechendsten Kooperationen ist derzeit das unter dem Label Y&G firmierende Duo Yani Arabena und Guillermo Vizzari.

Die 1985 und 1984 geborenen Gestalter haben das Postdoc-Programm der FADU/UBA absolviert und stellten bei der Abschlusspräsentation ihre wunderbaren, bei Alejandro Paul und Ana Sanfelippo entworfenen Schriften Abelina und Esmeralda Pro aus. Letztere ist seit Kurzem bei Sudtipos erhältlich.

Die Kalligrafin und der Buchstabenexperte haben schon einzeln tolle Sachen gemacht, wie Arabenas lebendige Handschriften oder Vizzaris über 1000 Glyphen umfassender Font Ragazza – aber in ihrer Zusammenarbeit entwickelt sich ein einzigartiger Stil, der sicher noch über Argentinien hinaus von sich reden machen wird.

Es ist nicht nur die sorgfältige und ideenreiche Herangehensweise, sondern die unbedingte Hingabe, die man ihren Arbeiten ansieht und die sie so besonders machen.

Y&G – Yani Arabena und Guille Vizzari – verbinden kalligrafische Frische mit professionellem Typedesign

Trotz aller offensichtlichen Bemühungen um Internationalität macht letztlich gerade das die argentinische Typo aus: die Liebe zum Detail, zu tradierten Formen wie auch zur Kalligrafie, kombiniert mit leidenschaftlicher Verspieltheit – la pasión latina!


Eine Linkliste zu Designern und Institutionen in Argentinien finden Sie hier. 

Dieser Artikel wurde in PAGE 11.2013 veröffentlicht. Hier können Sie die Ausgabe bestellen …




Kommentieren

Einfach mit dem PAGE Account anmelden oder Formular ausfüllen

Name *

Email *

*Pflichtfeld

Ihr Kommentar *