Kontrovers: Was sagt die Designbranche zum neuen Facebook Logo?

Jürgen Siebert (fontblog.de), Olaf Schroeter (Metadesign), Rüdiger Goetz (KW43 Branddesign) und andere verrieten uns exklusiv ihre Meinung …



Facebook_Logo_Neu_2015Der Social Media-Riese Facebook führte ganz still und leise ein neues Logo ein, das auf den ersten Blick nicht unbedingt als Redesign erkennbar war.

Zunächst merkte es keiner, dann wurden die meist negativen Stimmen dazu laut. Im weiteren Verlauf der Diskussionen gab es auch ein paar positive Meinungen.

Spätestens jetzt weiß es jeder, viele haben bereits ihre Meinungen kundgetan. PAGE lässt nun exklusiv Stimmen aus der Designbranche sprechen. Hat Facebook alles richtig gemacht? Oder ist das Logo austauschbar geworden? Warum hat die Pressestelle des Social-Media-Netzwerkes den Refresh nicht kommuniziert?

Lesen Sie die Meinungen unserer Typo-Experten, Marken-Kenner und kreativen Köpfe von Metadesign, fontblog.de, Designbüro Frankfurt, KW43 Branddesign und der Typonauten GmbH. Weitere folgen …

Vorher:

FB_wordmark_OLDNachher:

Facebook_Logo_Neu_2015Das sagt die Branche:

Jürgen Siebert, fontblog.de:

Facebook hat alles richtig gemacht, das beweisen Kommentare wie »Neues Logo, und keiner hat’s gemerkt«. Genau so muss das sein, wenn sich eine Marke entschließt, ein einst eigenwilliges (Start-up-)Logo zu »neutralisieren« und damit für den universellen Gebrauch vorzubereiten. Dass es seine Aura behielt, dafür sorgte die kluge und faire Entscheidung, Eric Olson, den Designer der alten Logo-Grundschrift Klavika (Process Type) mit dem Redesign zu betrauen. Facebook schützt sich mit dem Redesign des Logos vor Mimikry-Marken, also Trittbrettfahrer-Dienste, die sich visuell mit der leicht verfügbaren Klavika als »amtliche Facebook-Partner« ausweisen möchten.

 

Tim Heiler, Designbüro Frankfurt:

Facebook ist nicht Coca-Cola, man muss das Logo in einem ganz anderen Kontext betrachten. Für eine Online-Marke, die auch auf kleinen und kleinsten Bildschirmen funktionieren muss, ist die verbesserte Lesbarkeit ein grosser Gewinn. Die neuen Rundungen geben dem Logo ein offeneres Erscheinen, die Marke wird einfach und menschlich.
Das neue Logo ist so unauffällig, sicherlich würde hier niemand einen Konzern mit kontroversen Geschäftspraktiken erwarten. Die Wortmarke ist bei weitem nicht das wichtigste Markenzeichen von Facebook. Im täglichen Nutzen begegnet man viel eher dem weissen f auf blauem Grund, dieses bleibt aber unverändert. Es bleibt die Frage, ob diese Version wieder zehn Jahre überleben wird.

 

Olaf Schroeter, Head of Creation, Metadesign:

Die neue Wortmarke wirkt auf mich zeitgemäßer, aber auch wesentlich austauschbarer. Insgesamt ist die Veränderung sehr überschaubar. Eher ein Facelift als ein Relaunch. Für mich stellt sich die Frage, warum diese Überarbeitung nahezu unbemerkt blieb und auch seitens Facebook nicht groß kommentiert wurde. Vielleicht weil wir es hier mit einer rein digitalen Marke und deren Arbeitsweise zu tun haben: Alles befindet sich in einem agilen Prozess. Funktionen und Features werden permanent hinterfragt, optimiert und verbessert. Und vielleicht müssen wir uns daran gewöhnen, dass in diesem Kontext ein Logo als identifikationstiftendes Element eine untergeordnete Rolle spielt. Das macht man halt so mit. Und so sieht’s dann auch aus.

 

Prof. Rüdiger Goetz, Geschäftsführung Kreation KW43 BRANDDESIGN, Grey Worldwide Düsseldorf:

Facebook hat ein neues Logo und alle regen sich darüber auf, dass sich augenfällig nicht wirklich etwas verändert hat und diese (Nicht-)Veränderung damit mutlos und überflüssig wäre. Jede Wette: Hätte sich stattdessen etwas visuell dramatisch verändert, wäre der gleichen Aufschrei aus der anderen Richtung gekommen. So, liebes Facebook, das ist nun mal Social Media: Jede Meinung findet ihren Kanal und ihre Aufmerksamkeit. Und negative Meinungen finden grundsätzlich noch mehr Aufmerksamkeit als positive. Das hast du nun davon 😉
Aber ernsthaft: Mit etwas Abstand muss man sicherlich konstatieren, dass der Verlust der typographischen Eigenständigkeit eher gering ausfällt. Sehr formal eigenständig war der Schriftzug aber vorher ohnehin nicht. Die Wiedererkennbarkeit und Marken-Typik hängt im wesentlich von dem Farbcode und dem Namen selbst ab. Der ist einen Hauch besser lesbar geworden und damit stärkt er auch folgerichtig das stärkste Markenkapital, den Namen Facebook selber. Zudem ist die neue Type durch ihren organischeren Schnitt auch etwas freundlicher ausgefallen und hat weniger technische Anmutung als vorher. Auch das entspricht inhaltlich mehr dem, was Facebook sein möchte. Und für wen es das sein möchte: für so ziemlich alle – die maximal vorstellbare Zielgruppengröße. Da ist sicher ein buchstäblich »abgeschliffenes« Design auch angemessen. Eine ungewöhnliche visuelle Form, die Aufmerksamkeit und Abgrenzung erzielt, braucht Facebook dagegen nicht mehr. Jede markante Änderung wäre dagegen ein Risiko, bestehende Nutzer zu verunsichern.

 

Hannes von Döhren, HVD Fonts GmbH:

Ich finde das neue Logo gelungen. Es wird zwar den meisten Usern nicht auffallen aber es fühlt sich einfach geschmeidiger an. Ich sehe das eher als eine Evolution – Anpassung an den Zeitgeist.

Im direkten Vergleich ist es etwas sympathischer und weniger klobig als die Klavika. Gut finde ich als Type Designer auch, dass Facebook die neue Wortmarke zusammen mit Eric Olson, dem Gestalter der Klavika (also dem Vorgänger-Logo) entwickelt hat. So zollen sie ihm Respekt und eine gewisse Handschrift bleibt auch erhalten.

 

Stefan Krömer und Ingo Krepinsky, Geschäftsführung, die Typonauten GmbH:

Ein Facelift, das man sich sparen kann. Aber Mikrotypografen glücklich macht. Ob facebook dadurch ein menschlicheres Gesicht bekommt, ist äußerst fraglich. Die Wortmarke wird dadurch jedenfalls (noch) austauschbarer. Warum überhaupt noch eine Schrift für die Wortmarke festlegen? Wäre dann nicht der Schritt konsequenter, keinerlei Formatierung bis auf das facebook-Blau festzulegen?

 

Heiko Dertinger, Geschäftsführer Kreation, Brandoffice:

Was die Marke Facebook als Identifikationssymbol braucht, sind das „f“ und die Farbe Blau. Beides bleibt erhalten, insofern ist es müßig sich über die etwas verbesserte Lesbarkeit durch die feinere Strichstärke sowie das geschlossene ‚a‘ zu freuen oder den Verlust an Eigenständigkeit durch die sachlichere Schrift zu kritisieren.

Viel bedeutender erscheint die Frage, warum nicht nur Facebook sondern auch einige andere Marken (z.B. Apple, Microsoft, Ebay, Tom Taylor, USA Today) ihre Logos vereinfachen, indem sie sie versachlichen. Eine mögliche Erklärung aus Markensicht wäre, dass in einer komplexer werdenden Welt ’smartness‘ sowie ‚ease-of-use‘ beliebte Produktversprechen sind. Dies wird visualisiert durch unaufgeregtes, schlichtes, oft sachliches Design. Genauso wie vor etwa 20 Jahren mit dem Aufkommen von Premium-Marken Metallic-Look oder 3D-Effekte en vogue wurden, um Wertigkeit darzustellen. Doch wenn alle das Gleiche tun, geht die Eigenständigkeit verloren. Denn Design, insbesondere Corporate Design, ist dazu da Marken unterscheidbar zu machen. Hier sollten nicht nur die Facebook-Grafiker, sondern alle Designer, einen Weg finden Einfachheit auszudrücken ohne auf Typik zu verzichten.

 

Verena Gerlach, fraugerlach.de:

Lustig. Ich hatte das neue Logodesign auch nicht bemerkt, und muss zugeben, dass mich das kleine Facelift von Facebook auch nicht weiter interessiert. Ja, es ist eine extrem mächtige Marke, aber ich persönlich sehe Facebook eher als Service, den ich (auch unter größten politischen Bedenken) gerne nutze. Das Logo sehe ich eher wie einen notwendigen An- und Ausknopf.
Ausserhalb des Netz tritt diese Firma/Marke/der Service eh nur mit dem weißen f auf blauen Grund auf – zum Beispiel wenn Firmen auf ihre Facebook-Seiten hinweisen. Merchandising Artikel gibt es nur in satirischer Form.
Wenn man mich ganz frisch mit den beiden Logos konfrontieren würde, würde ich garantiert das neue für das alte und umgekehrt halten. Das kann man jetzt deuten, wie man möchte …

 


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