Im Gespräch: Interview mit Tim Ahrens

Tim Ahrens lebt und arbeitet in London. Seine Schrift Herb entwickelte er schon während seines Type-Design-Studiums in Reading. Jetzt erscheint sie – leicht überarbeitet – unter seinem Label Just Another Foundry



Tim Ahrens studierte an der Universität Karlsruhe Architektur und anschließend Typeface Design an der University of Reading in England. Er lebt in London und arbeitet als Architekt und Schriftgestalter. Seine Fonts werden von Linotype und seinem eigenen Label Just Another Foundry veröffentlicht.

www.justanotherfoundry.com

Du warst an der Entwicklung des FontShop-Tools FontFonter beteiligt, mit dem sich verschiedene Schriften an real existierenden Websites testen lassen (fontfonter.com). Wie kam es dazu?

Stephen Coles von FontShop International wurde auf den Facitizer aufmerksam – ein ähnliches Tool, das ich für meine Website entwickelt hatte – und fragte mich, ob ich ihnen so was auch für die Web FontFonts entwickeln könnte. Und da mir klar war, dass erst durch die Auswahl mehrerer Fonts die Idee des Facitizers so richtig zur Geltung kommen würde, habe ich zugesagt und den FontFonter für und in Zusammenarbeit mit FontShop entwickelt.

Dabei habe ich das Skript, das auf dem Server läuft, angepasst und erweitert, eine spezielle TrueType-Variante der Fonts angefertigt, die bei Safari und Chrome eingesetzt wird, und das Interface der Webseite programmiert. Das grafische Design der Website stammt von FontShop, schließlich wissen sie am besten, was zu ihrem Firmenauftritt passt.

Auch das Hosting der Fonts habe ich übernommen, da ich einen sicheren Webfont-Server zur Verfügung stellen konnte. Natürlich lässt sich kein hundertprozentiger Schutz vor unbefugtem Download der Schriften erreichen, aber das direkte Herunterladen ist erheblich erschwert.

Alle deine Schriften haben jetzt Web-Versionen. Was unterscheidet diese Fonts von den Print-Varianten?

Der wichtigste Unterschied für den Anwender ist, dass er nicht die Schriftdateien kauft, sondern die Webfonts quasi mietet. Sobald man seine Domain freigeschaltet hat, kann man die Schriften aktivieren und auf den Webseiten so verwenden, als seien sie auf dem Computer des Besuchers installiert. Technisch gesehen liegen auf meinem Server die Fonts nicht als OpenType vor, sondern als WOFF, EOT und in einem TrueType-ähnlichen Format. Leider beherrschen die Browser noch keine OpenType-Features, das wirft uns zurück in die Zeit, als man für Kapitälchen oder alternative Formen separate Fonts brauchte.

Wie sieht deiner Meinung nach die typografische Zukunft im Web aus?

Die Auflösung der Displays wird bald so hoch sein, dass man beim Gestalten kaum mehr Rücksicht auf Einschränkungen gegenüber dem Print-Design nehmen muss. Auch die Kontrolle über typografische Feinheiten wie Kerning, Ligaturen, Kapitälchen oder Zeilenumbrüche wird immer besser. Es wird spannend sein zu sehen, wie sich diese neue Freiheiten hinsichtlich der Typografie mit den Freiheiten, der Flexibilität und der Interaktivität des Webs verbinden.

Welche neuen Schriften dürfen wir demnächst von Just Another Foundry erwarten?

Eine, die noch im August erscheinen wird, ist eigentlich gar nicht so neu: Meine Schrift Herb, die ich im MA Typeface Design an der Universität Reading entwickelt habe. Nachdem das Design fast drei Jahre geruht hat, sind mir noch einige Dinge an den Buchstabenformen aufgefallen, die ich überarbeitet habe. Auch die Frage, ob und wie sich die Buchstaben berühren, habe ich besser geklärt.

Die zweite Schrift, die ich just in diesem Moment veröffentliche, ist die Erste eines externen Designers in meiner Foundry. Es handelt sich um die Peacock von Brian Jaramillo, eine serifenlose Displayschrift, die viel Charakter und Witz hat, dabei aber recht klassisch und nicht gewollt wirkt. Diese Schrift habe ich auf Grundlage von Brians Illustrator-Zeichnungen als Font gebaut, zugerichtet und in Absprache mit ihm noch ein paar Zeichen umgestaltet, ergänzt und der Sache den letzten Feinschliff verpasst.

Als nächstes werde ich mich auf eine gerundete Serifenlose konzentrieren, die ich in Zusammenarbeit mit meiner Frau Shoko Mugikura entwickle, wobei ich auch hier wieder eher in Form von Korrekturen meine Erfahrung einbringe, als die kreative Initiative zu übernehmen oder die stilistische Richtung vorzugeben

Und dann ist da noch die JAF Garamond in Planung…

Ist deine Frau auch Typedesignerin?

Shoko ist Grafikdesignerin und hat auch in Reading studiert, allerdings nicht Schrift-, sondern Buchdesign. Gerard Unger hat einmal gemeint, mit ihr sei eine sehr talentierte Schriftgestalterin verloren gegangen. Wie es aussieht nun doch nicht. Für mich sind insbesondere ihre Kommentare zu meinen Designs hilfreich, denn sie sieht sie aus der Perspektive des Anwenders.

Nützt dir dein Architektur-Studium gelegentlich beim Typedesign?

Letztes Jahr habe ich hauptsächlich im Bereich der Orientierungssysteme gearbeitet, da konnte ich meine Erfahrung in Architektur und Schrift perfekt miteinander verbinden. Im Moment möchte ich unbedingt noch ein paar Schriftprojekte fertig stellen, könnte mir aber gut vorstellen, wieder mehr in die Richtung Wayfinding zu gehen.

Was für ein Projekt würdest du in Zukunft gerne realisieren?

Es wäre spannend, eine Schrift zu entwickeln, bei der der Einsatzbereich genau bekannt ist, vielleicht auch mit technischen Einschränkungen. Etwa für ein konkretes Projekt im öffentlichen Raum, oder eine Schrift für einen Ebook- oder Handy-Hersteller.

Hast du Vorbilder?

Es gibt einige Schriftdesigner, die ich bewundere. Wenn ich mich auf einen festlegen müsste, wäre das auf jeden Fall Adrian Frutiger.

Kannst du dir vorstellen wieder in Deutschland zu leben oder ist England inzwischen deine Heimat?

Inzwischen sehe ich die Vor- und Nachteile beider Länder. Schwer zu sagen, wie es wäre, aber ich kann mir durchaus vorstellen, wieder zurückzukehren. Als Schriftdesigner bin ich ja im Moment sehr flexibel.


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