Happy Birthday, Erik Spiekermann

Heute wird Typolegende Erik Spiekermann 70 Jahre alt. PAGE gratuliert herzlich und wollte wissen, was er in den nächsten zehn Jahren vorhat.



PAGE: Feierst du in großer Runde oder im kleinen Kreis mit einer guten Flasche Wein?

Erik Spiekermann: Ich verstecke mich zu Hause. 50 war ein Riesenfest in der MetaHaus Baustelle, 60 ein großes Fest im Ullsteinhaus Friedrichstraße (damals Spiekermann Partners), den 65. habe ich in der Potsdamer Straße mit Edenspiekermann gefeiert. Ich habe alle Lebenspreise, Ehrenmitgliedschaften und andere Medaillen bekommen, jetzt reicht es. Das viele Lob ist peinlich.

Was machst du heute anders als vor 30, 40 Jahren?

Leider fast nichts. Ich sage Freunden (davon habe ich viele, wenn sie etwas wollen) immer noch alles zu und komme dann in Schwierigkeiten, weil ich es auch machen muss. Ich kann aber auch gut Nein sagen, wenn es sich offensichtlich um Leute handelt, die unsere Arbeit nicht schätzen. Also schon lange keine Free Pitches mehr.

Du bist ein im besten Sinne des Wortes unbequemer Geist. Wird man mit dem Alter nachsichtiger oder erst recht unbequem, weil man nicht mehr so viel Rücksicht nehmen muss?

In gewissen Dingen bin ich altersmilde. Schlechtes Kerning regt mich nicht mehr auf, aber Dummheit, Faulheit und Intoleranz schon noch. Aber ich lasse mir keine Scheiße erzählen über Sachen, bei denen ich mich auskenne. Ich habe gelernt, nur über Dinge zu reden, von denen ich etwas verstehe. Im Umkehrschluss erwarte ich, dass mein Gegenüber auch anerkennt, dass ich die meisten Problemstellungen schon einige Male gesehen habe und ganz gut einschätzen kann, was wichtig ist und wer nur wichtig tut.

Beim Blick auf die heutigen End-20er-Designer, siehst du Parallelen zu dir früher oder ist das eine komplett andere Generation?

Ich habe wahrscheinlich eine umfassendere Allgemeinbildung (weiß also Vieles, das ich nicht googeln muss). Ich kann Karten lesen, Fragen stellen, lange Texte lesen, aber kurze Texte schreiben. Mich stört bei vielen jungen Kollegen, dass sie nicht mehr neugierig sind und alles glauben, was in irgendeiner App verkündet wird. Aber abgesehen von der schwindenden Fähigkeit, mechanische Sachen zu reparieren und sich ohne Smartphone orientieren zu können, sind meine Kolleginnen und Kollegen sehr aufgeweckt, weitgereist und an Neuem interessiert. Und mir scheint, dass sie auch wieder politisch aktiv werden, was ja dringend nötig ist. Bewundern muss ich, wie sie mit den digitalen Werkzeugen umgehen. Und manche können auch noch ein Fahrrad reparieren.

Was hast du in den nächsten zehn Jahren vor?

Wir untersuchen hier bei p98a, wie das post-digitale Buch (ja, das gibt es! habe ich irgendwo gelesen) aussehen wird und wie wir digitale und analoge Typografie miteinander verbinden können. Bücher und Buchstaben sind zum Anfassen, egal wie sie hergestellt werden. Also drucken wir Plakatbuchstaben in 3D oder lasern bzw CNC-fräsen sie. Und schicken die Layoutdaten direkt vom Computer auf die analoge Druckplatte. Es ist schwieriger als wir dachten, aber man wird dazu noch von uns hören. Außerdem lese ich mehr längere Texte (auch weil ich Bücher gestalte und setze), will wieder mit dem Gitarrespielen anfangen und vor allem weiter jeden Tag auf dem Fahrrad sitzen. Ansonsten sollte das Älterwerden abgeschafft werden. Ist echt scheiße.

Wer jenseits von Auszeichnungen und Preisen noch mehr über Erik Spiekermann erfahren möchte, zum Beispiel welches Tier seinem Wesen am meisten entspricht, sollte sich das Video im neuen Format »PAGE 10×10« anschauen.


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