»Vielleicht ist es längst die größere Provokation, Tabus zu würdigen«

Alle vier Wochen finden in Hamburg die Creative Mornings statt. Das Märzmotto war »Tabu« und zu Gast Malin Schulz, Artdirektorin der Wochenzeitung »DIE ZEIT«. Johannes Erler fasst zusammen …



Foto: Mitja Schneehage

Es ist das Wesen von Tabus, dass man kaum über sie spricht. Sie begleiten und lenken uns auf stille Weise. Umso gewaltiger bemerkt man ihre permanente Anwesenheit, wenn man über sie nachdenkt. Und es ist ziemlich schwer, über Tabus zu schreiben, ohne dabei moralisch zu werden. Da kann man sich schnell die Finger verbrennen. Ich versuche trotzdem mal was.

Malin Schulz, Artdirektorin und Mitglied der Chefredaktion der »ZEIT«, hilft mir, indem sie ihren Vortrag raffiniert niedrigschwellig mit der Comic Sans beginnt. Es gibt ja Menschen, die halten sie ernsthaft für den typografischen Sündenfall. Das ist putzig und zeigt gleich, welche Spannweite das Wort »Tabu« hat und dass es nur kontextual funktioniert: Für den Nerd ist Comic Sans tabu, den anderen 99,99 Prozent ist sie scheißegal. Aber darf man sie deshalb nutzen? Und darf man all die typografischen Dos and Dont’s, die wir Designer eingetrichtert bekommen haben, einfach aushebeln, weil das da draußen eigentlich niemanden interessiert? Die Antwort ist – nicht zum letzten Mal in diesem Text – ein beherztes Jein!

Vielleicht ist es längst die größere Provokation, Tabus zu würdigen.

Im Laufe ihres Vortrags stößt auch Malin immer wieder auf dieses Jein und auf den Kontext, der den Tabubruch möglich macht. Hitler auf dem Cover? Ist »ZEIT«-Lesern peinlich. Sex, Körperflüssigkeiten, Penisse? Geht als Infografik super! Terroropfer abbilden? Oder das tote Flüchtlingskind am Strand von Bodrum? Es gibt würdevolle Möglichkeiten. Etwa indem man den Bildern Raum gibt und sie ausführlich erklärt, statt nur fix mal zu zeigen. Aber: »Bilder von toten Kindern beschreiben auch das Ende einer Dramaturgie. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht überreizen. Was soll danach noch kommen?«

»Auf unserem Cover würden wir niemals ein Tabu brechen, nur um gut zu verkaufen«, sagt Malin zum Schluss. Das kommt gleichermaßen glaubwürdig wie auch ein bisschen überraschend, weil es kaum noch in eine Zeit zu passen scheint, die den ständigen Tabubruch als Innovationsmotor feiert und in der die Lüge, eines der archaischsten aller Tabus, gesellschaftsfähig geworden ist und »Fake News« ein Witzwort, das auch die schlimmste Entgleisung noch relativiert.

Ich mag das ja, wenn man behutsam umgeht mit dem Begriff »Tabu«. Es ist so simpel geworden, Tabus zu brechen, zum Beispiel aus der sicheren Deckung der sozialen Netzwerke. Aber als Volkssport wirkt es auf mich zunehmend destruktiv, langweilig und irgendwie auch spießig. Und vielleicht ist es längst die größere Provokation, Tabus zu würdigen.


                                              PAGE lesen und nichts mehr verpassen.


Tabus haben, viel mehr als Regeln oder Gesetze, etwas Spirituelles. Und häufig kann man sie nicht erklären, weil sie eher einer tiefen Ahnung davon, was falsch ist, entspringen als erklärbaren Fakten. Tabus sind so etwas wie ein Urkonsens, entwickelt aus Unmengen an Erfahrungen und Zeit. Das macht sie wertvoll – und gleichzeitig schwierig, weil ganz fest zementiert. Denn natürlich müssen auch Tabus ständig überdacht, bezweifelt und in den richtigen Momenten über Bord geworfen werden. Nur eben nicht mal eben so. Sie sind dann nämlich weg und nur schwer einzufangen, wenn man sie doch wieder braucht.

Und so ist dies am Ende weniger ein Plädoyer für oder gegen Tabus, sondern für ein bewusstes, nachdenkliches und empathisches Handeln. Die Lage ist nervös, ein Tweet zu schnell in der Welt. Und die altmodisch anmutende Langsamkeit, mit der eine Zeitung wie die »ZEIT« entsteht, die sich zudem noch ein so antiquiert klingendes Ressort wie »Glauben und Zweifeln« gönnt, stellt sich plötzlich als große Stärke heraus. Das ist nicht retro, das ist modern.

PS: Das Wort »Tabu« stammt übrigens aus dem Polynesischen und gehört zu den seltenen Begriffen, die aus Sprachen der »Naturvölker« in unser Vokabular gefunden haben. James Cook brachte es 1777 von seiner Südseereise nach England mit – und traf eine echte Wortschatzlücke westlicher Zivilisationen.

PPS: Malin, wie findest du eigentlich Marker Felt?

 

Das gesamte Video:

 


page0417_erler-neu

Johannes Erler ist Partner des Designbüros ErlerSkibbeTönsmann, das die Creative Mornings im Hamburger designxport veranstaltet, und Mitbegründer des Designkollektivs Süpergrüp. Zu den anderen Beiträgen aus »Erlers Thema« geht es hier.

Foto: Robert Grischek


Schlagworte:




Kommentieren

Einfach mit dem PAGE Account anmelden oder Formular ausfüllen

Name *

Email *

*Pflichtfeld

Ihr Kommentar *

 
 

Das könnte Sie auch interessieren