Kreativität und Fantasie

Erlers Thema: Alle vier Wochen finden in Hamburg die Creative Mornings statt. Das letzte Motto war »Fantasy« und zu Gast die Hamburger Zukunftsforscherin und Trendexpertin Birgit Gebhardt.



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Foto: Mitja Schneehage

Die Google-Bildersuche zum Wort »Fantasie« spuckt ziemlich irres Zeug aus. Fliegende rosa Pu­del, regenbogenfarbene Lichtstrudel und transluzente nackte Frauen, die auf Himmelspfaden in den Wolken wandeln. Fantastische Welten oh­ne Bezug zur Realität. Kitschigen Spinnkram. Der Begriff ist eben nicht nur positiv besetzt. Und wo ein Kind für seine tolle Fantasie gelobt wird, schlägt Erwachsenen schnell Skepsis entge­gen, wenn sie rumfantasieren (lustigerweise ist ei­ne Bedeutung des griechischen Ursprungsworts phantasía auch »Gespenst«).

Ersetzt man das Wort »Fantasie« jedoch durch »Kreativität«, passt es wieder, zumindest für uns Designer. Denn Kreativität ist das, wofür wir bezahlt werden. Wir arbeiten in der Kreativbranche, nicht in der Fantasiebranche. Eigent­lich schade, weil das fantastische Spektrum so viel reicher
zu sein scheint. Fantasie kennt keine Grenzen. Krea­tivität aber hat letztlich immer ein biss­chen auf dem Teppich zu bleiben. Muss ja umsetzbar sein. Und bezahlbar.

Um in die Zukunft zu blicken, bedarf es beider­lei: Kreativität und Fantasie. Und das ist die gute Nachricht, die die Zukunftsforscherin und gelern­te Innenarchitektin Birgit Gebhardt gleich an den Anfang ihres Vortrags setzt: Das Handwerkszeug, das wir Kreative besitzen, eignet sich hervorragend, um mindestens ein paar Trends aufzuspüren – und vielleicht sogar die Zukunft zu sehen. »Es gibt einen großen Bedarf an der Art und Weise, wie Kreative arbeiten«, sagt Gebhardt, »und ich glaube tatsächlich, dass sie diese Art und Wei­se der Wirtschaft verkaufen können – und nicht nur die Produkte, die sie entwickeln.«

Das Handwerkszeug, das wir Kreative besitzen, eignet sich hervorragend, um mindestens ein paar Trends aufzuspüren – und vielleicht sogar die Zukunft zu sehen.

Bei mir rennt Gebhardt damit offene Türen ein, weil ich das oft erlebe. Dass es nämlich die Designer sind, die ihren Auftrag mutig nach vorne denken und Vorschläge machen, die wesentlich weiter gehen als die eigentliche Designaufgabe. Nicht selten ist das dann richtig gute Unternehmensberatung jenseits von PowerPoint: begreif­bar, anwendbar und meis­tens auch noch schön. Schauen wir also mal nach und ent­de­cken wir unsere fantastischen Fähigkei­ten. Seien wir selbstbewusst!

Wir sind kreativ und fantasiebegabt. Zugleich arbeiten wir strukturiert und analytisch, weil die Prozesse es erfordern. Wir sind gute Hand­wer­ker, weil man von uns sauberes Arbeiten bis zum fertigen Produkt verlangt. Wir können visualisieren und erklären, weil wir die Fantasie unserer Auftraggeber beflügeln müssen. Wir denken die Dinge zu Ende und sorgen dafür, dass sie tatsächlich existieren – meist in viel zu knappen Zeiträumen. Mit viel Disziplin machen wir Unmögliches mög­­lich. Wir den­ken »out of the box«, weil wir für unterschied­liche Branchen arbeiten, und hel­fen so unseren Kunden, über ihren Tellerrand zu schauen. Und wir sind technisch »State of the Art«, weil es gar nicht anders geht.

»Trendforschung und Kreativsein bedeuten: genau beobachten und darüber nachdenken, wie sich die Dinge entwickeln werden und was das einem erzählt«

so Gebhardt, »über unser Wesen und über unser Werden.«

Und das nehme ich mit von Birgit Gebhardt: Wir sind noch lange nicht angekommen am Ende unserer Mög­lichkeiten!

PS: Birgit Gebhardt spricht in ihrem Vortrag stets von der Wirtschaft, für die unsere Fähigkeiten als Designer gebraucht werden. Aber das Spektrum an Betätigungsfeldern ist natürlich viel größer. Ein Beispiel: 2017 sind Bundestagswah­len. Das werden wichtige Wahlen, weil es an die Grundfesten der Demokratie gehen könnte. Im Moment reden alle davon, dass man »jetzt endlich mal wieder politisch werden müsste«, um De­mo­kratie und Freiheit zu stützen. Eine hohe Wahlbeteiligung würde da schon einiges bewirken, das ist längst bewiesen. Nutzen wir also unsere Kreativität und unsere Fähigkeiten. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

 


Erler
Foto: Enver Hirsch

Johannes Erler ist Partner des Designbüros ErlerSkibbeTönsmann, das die Creative Mornings im Hamburger designxport veranstaltet, und Mitbegründer des Designkollektivs Süpergrüp. Zu den anderen Beiträgen aus »Erlers Thema« geht es hier.




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