Traumberuf Kinderbuchillustrator

Was man bei einem von Deutschlands wichtigsten Kinderbuchverlagen von Illustratoren erwartet, erklärt Anuschka Albertz vom Ravensburger Verlag im Interview.



Jede Menge Zeichner träumen davon, Kinderbücher zu illustrieren – entsprechend umkämpft sind die Aufträge. Was man wissen muss, um ans Ziel zu gelangen, erklärt Anuschka Albertz im Interview. Die promovierte Historikerin ist verlegerische Geschäftsführerin beim Ravensburger Verlag – mit rund 450 im Jahr verlegten Büchern und 1900 lieferbaren Titeln hierzulande wohl einer der produktivsten Lieferanten von Lektüre für Kinder und Jugendliche.

Das Interview entstand im Rahmen der Recherche eines umfangreichen Artikels aus PAGE 06.2016, in dem wir zusammen mit Brancheninsidern jede Menge hilfreiche Tipps für die Illustratorenkarriere zusammengetragen haben. Ab dem 3. Mai ist das Heft am Kiosk erhältlich, ebenso wie in unserem Online-Shop.


PAGE: Welche Eigenschaften muss ein Illustrator haben, um für Ravensburger in Frage zu kommen?

Anuschka Albertz: Das hängt ganz von dem Bereich ab, für den wir Illustratoren suchen, denn wir machen Bücher für Kinder und Jugendlich von 0 bis 14+. Für alle Altersgruppen brauchen wir Illustrationen.

Für unsere Kleinkindbücher ist es wichtig, dass sich die Illustratoren auf die Sichtweise der kleinen Kinder einlassen können – für sie sind Bilder der »Text«, mit dem sie die Bücher lesen. In Sachbüchern spielt es eine Rolle, dass die Illustration sachgenau und altersgerecht ist, was einfach klingt, aber es nicht ist. Die Illustratoren müssen Sachinformationen verdichtet darstellen können und gleichzeitig kindlich bleiben. Für die jungen Kinder ist generell wichtig, dass Illustrationen einen zur Realität wahrnehmbaren Bezug haben.

Für die Kinderliteratur bis 10 Jahren spielt Originalität, Witz und Liebwert in der Illustration eine große Rolle. Aber auch hier bleibt wichtig, dass sich die Kinder in den Kinderdarstellungen wiederfinden können. Bei Coverillustrationen für Jugendbücher ist derzeit wichtig, dass diese ästhetisch und technisch sehr kunstvoll sind. Hier wechseln die Moden aber auch immer mal wieder.

Grundsätzlich ist es in vielen Bereichen schwierig, gute und marktgängige Illustratoren zu finden, die konzeptionell denken und ein Buch durchillustrieren können.

 

Doppelseite aus »Psst! War da was?« der kalifornischen Kinderbuchautorin und -Zeichnerin Gianna Marino

 

Sind diese Qualitäten bei ausländischen Illustratoren (etwas aus Frankreich oder Großbritannien) eher zu finden – und ist dies einer der Gründe dafür, warum so viele Kinderbücher ins Deutsche übersetzt werden?

Das kann ich so pauschal nicht bestätigen – und es gibt viele andere Gründe, warum viele Kinderbücher ins Deutsche übersetzt werden, die nicht direkt mit der Illustration zu tun haben. In Großbritannien gibt es mehr unterschiedliche Illustrationsstile im Markt und in Frankreich sind vor allem die Kleinkindbücher oft deutlich moderner als in Deutschland. Die französischen Illustratoren schaffen die Gratwanderung zwischen Realitätsbezug, Kindlichkeit und Modernität oft ziemlich gut.

 

Vom englischen Original übernommene Cover-Illustration von Keri Smith

 

Wie viele Bewerbungen gehen bei Ravensburger ein? Bei wem kommen diese an? Spielen Buchmessen nach wie vor eine Rolle bei der Kontaktaufnahme?

In der Anzahl sind die Bewerbungen sehr unterschiedlich und auch wo sie ankommen. Allerdings sammeln wir die Illustrations-Porfolios zentral und zwar ausschließlich elektronisch. Nach wie vor spielen die Buchmessen eine große Rolle – nirgendwo ist es als Illustrator einfacher, mit Redakteuren und Designentwicklern in direkten Kontakt zu kommen. Und hier ist es auch nach wie vor wichtig, dass man etwas Haptisches zu zeigen hat.

Das Allerwichtigste aber ist, dass das Portfolio aussagekräftig sein muss: Als Kinderbuchverlag möchten wir gerne Vignetten und Vollszenen sehen sowie Kinderillustrationen, da nun mal in den meisten Kinderbüchern auch Kinder vorkommen. Außerdem freuen wir uns, wenn jemand sein Portfolio auf unser Verlagsprofil anpasst. Wir können als Kinderbuchverlag aus Aktmalerei in Acryl wenig für uns ableiten.

 

Doppelseite aus Band 1 der Reihe »Leonie Looping«: »Das Geheimnis auf dem Balkon«, illustriert von Constanze von Kitzing

 

Wieviel kann man als Illustrator mit einem Kinderbuch verdienen oder andersherum gefragt – wieviele Kinderbücher müsste man im Jahr publizieren, um davon leben zu können?

Das kann man nicht pauschal beantworten, da es je nach Buch einen sehr unterschiedliche Illustrationsaufwand gibt. Die vielleicht wichtigste Information aber ist: Ja, man kann als Illustrator von Kinderbuch-Illustration sehr gut leben – vorausgesetzt, man illustriert marktgängig. Was nicht heißen soll, dass es altmodisch, kitschig oder total kommerziell sein muss. Wer sich verwirklichen möchte, muss auch bereit sein, das wirtschaftliche Risiko mitzutragen.
Honorarverhandlungen laufen ebenfalls sehr unterschiedlich ab. Feste Richtlinien gibt es nicht, wohl aber branchenübliche Honorarsätze für bestimmte Segmente, in denen sich die Verlage in der Regel bewegen.

 

Neuausgabe eines Klassikers, mit Illustrationen von Julian Press

 

Was erwartet der Verlag von den Illustratoren bei der praktischen Zusammenarbeit? Kommt es dabei oft zu Änderungswünschen von Seiten des Verlages und wie sollte dies möglichst reibungslos ablaufen?

Da der Anspruch an den Illustrator vom durchillustrierten Kindersachbuch mit Klappen bis zum Cover im erzählenden Jugendbuch reichen kann, formulieren wir bereits bei der Anfrage sehr klar unsere Erwartungen. Die Zusammenarbeit zwischen Illustrator, Autor und Redaktion kann sehr intensiv und eng sein oder einfach nur ein genaues Briefing. Änderungen gehören zum Entstehungsprozess dazu, sie sollten allerdings von Verlagsseite immer sachlich begründet sein. Verlage freuen sich übrigens auch, wenn Illustratoren die vereinbarten Terminpläne einhalten und – sollte es dazu kommen – Verzögerungen offen kommunizieren. Überhaupt ist ein offener Austausch für eine gute Zusammenarbeit zentral.


Schlagworte:




Branding, Corporate Design, Design, Strategie

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