»Jeder Gestalter wünscht sich, dass sein Baby fliegt.«

Ein Gespräch mit Type Director Hendrik Weber über die Gestaltung der Schriftfamilie Unitext.



PAGE: Die zuletzt vorgestellten Hausschriften großer Unternehmen und Marken – Coca Cola, IBM, Ebay oder Google – sind alle serifenlos und ziemlich neutral. Wie erklärst du dir diesen weltweiten Trend?
Hendrik Weber: Das ist eine gute Frage, denn der Sinn eines Identity Facelifts ist ja – unter anderen Gesichtspunkten – eine noch optimalere Abgrenzung von Wettbewerbern im Markt, nicht sich ihnen anzunähern. Ich habe mich auch gefragt, warum Verlage, Finanzmarken und sogar Automobilunternehmen immer mehr dieselbe Art Neutralität ausstrahlen. Vermutlich liegt dem der Zeitgeist zu Grunde. Einerseits sind es die Marken- oder Designagenturen, die eine Reduktion als Designasset voranstellen, aber auch Entscheidungsträger haben sich dem Trend bereits verschrieben. Ob in Architektur oder Design, der Hang zu Neo-Avantgardismus ist erkennbar, diesmal auch global. Kunden wollen dem entsprechen, was sie gegenwärtig als Trend zu erkennen glauben und wissen nicht, welchen Dienst sie sich damit erweisen. Dem Typedesigner bleibt meistens, sich dieser Bewegung anzupassen.

Deine Unitext ist ein spannender Hybrid zwischen statischer und humanistischer Sans. Was hat dich zu dieser Mischung bewogen?
In meinen Augen begründete sich die Beliebtheit der Helvetica darin, dass sie mit ihren Charaktereigenschaften eine sehr gut ausgewogene Neutralität ausstrahlt. Sie ist weder zu statisch noch zu humanistisch, weder zu dynamisch noch zu progressiv. In den letzten Jahren hat sich aber eine leichte Verschiebung hin zur starken Neutralität, zur Statik etabliert. Meine Idee war es, einer – möglicherweise – bevorstehenden Rückbesinnung, hin zur Menschlichkeit zuvor zu kommen: eine offenere, menschlichere Statik zu definieren.

Warum ist diese Familie besonders nützlich für Corporate Design und Branding?
Einer der Hintergründe war es, eine möglichst robuste Schrift zu entwickeln, die sich auch in großen Formaten sehr kompakt setzten lässt, damit mehr Platz zu schaffen und so der Entfaltung des leeren Raumes zu dienen.

Gerade bei Erscheinungsbildern ist Platzersparnis ein wichtiger Faktor. Dennoch muss die Schrift aber auch gut funktionieren ohne bei der Laufweite nachjustieren zu müssen. Die Schrift lebt durch ihre Kompaktheit.

Gleichzeitig sehe ich die Schriftfamilie aber auch als Basis für weitere Adaptionen. Ein Modell, das wir gegenwärtig überlegen, auch um den Bedürfnissen im Markt gerecht zu werden.

Gibt es Produktklassen, etwa Kosmetik oder Mode, die du beim Entwerfen der Schrift im Auge hattest?
Die Unitext-Schrift ist einfach und kompakt, aber auch freundlich, damit die natürliche Stimme einer Marke durchkommt. Das Design ist in sieben Schnitten plus Kursive erhältlich, bietet Brüche und diverse Ziffernsätze und ist in den Bereichen Reise und Freizeit, Werbung, Logos, Text und Leitsysteme zu Hause.

Kannst du dich noch erinnern, wie das Entwerfen von Unitext begann? Gab es einen Auslöser?
Dem Trend, den wir momentan erleben, auf wärmere Art entgegen zu kommen. Modern und klar zu sein, ohne Übertreibungen.

Mit welcher Strichstärke oder mit welchen Buchstaben beginnt das Design für eine solche Schrift?
Tatsächlich habe ich mit dem Medium-Gewicht angefangen, was ungewöhnlich ist. Aber dadurch kam die Kompaktheit am besten hervor und die Idee zeichnete sich besser ab.

Eine deiner Thesen lautet: eine gute Markenschrift sollte auch immer ein paar Ecken und Kanten haben, die sie unverwechselbar und menschlich machen. Gibt es diese bei Unitext?
Klar. Ich schätze mal, dass gerade die enge Laufweite als Manko gesehen wird. Dafür bin ich allerdings der Konzeptidee treu geblieben. Weit, kompakt, robust, lesbar. Eine andere Form von Klarheit, eben etwas freundlicher.

Wie feierst du den Moment, wenn du deine Schrift zum ersten Mal im öffentlichen Einsatz siehst?
Eher unterbewusst, weil ich schon an nächste Aufgaben denke. Aber natürlich wünscht sich jeder Gestalter dass sein Baby fliegt. Dann irgendwann schaut und staunt man, weil man eben gerade dieses oder jenes Einsatzgebiet niemals vor Augen hatte.


Jan Hendrik Weber ist Type Director bei Monotype. Hier gibt es mehr über seine Schriftfamilie Unitext. Noch bis zum 27. April 2018 gibt es sie auf MyFonts zum Einführungspreis von jeweils knapp 100 Euro.

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