Fünf Schriftrevivals von Berthold Wolpe

Fünf vergessene Klassiker aus den 1930er Jahren bilden die gerade erschienene Wolpe Collection. Monotype digitalisierte die Familien des Rudolf-Koch-Schülers Berthold Wolpe und baute sie für heutige Anforderungen aus.



Die neuen Designs Albertus Nova, Wolpe Fanfare, Wolpe Pegasus, Wolpe Tempest und Sachsenwald wurden unter der Leitung von Toshi Omagari im Monotype Studio digitalisiert und erweitert. Die Wolpe-Kollektion setzt das fort, was ihr Schöpfer vor über 60 Jahren aufgrund von Verfolgung, Auswanderung und dem Zweiten Weltkrieg teils unvollendet zu Papier brachte. Gleichzeitig wurden die Schriften von Limitierungen befreit, die sich aus der damaligen Satztechnik ergaben.

Die Neuerscheinungen basieren auf Berthold Wolpes Originalvorlagen, die seit Jahrzehnten im Londoner Monotype Archiv aufbewahrt werden. Das Redesign der Wolpe Collection verleiht jeder einzelnen Familie einen außergewöhnlichen Dreh, wobei Eigenwilligkeiten und Kanten der Originale erhalten blieben. Ebenfalls wiederbelebt wurden Kurven und Ausschmückungen, die aufgrund der Beschränkungen des Bleisatzes der 1930er und 1940er Jahre ignoriert oder verändert wurden, im digitalen Zeitalter aber eine willkommene Abwechslung darstellen. Darüber hinaus enthalten die restaurierten Familien einst aussortierte, alternative Zeichen sowie neue nützliche Strichstärken und eine erweiterte Sprachunterstützung, inklusive griechischer und kyrillischer Zeichen.

Wolpes Werk erfreute sich zu Lebzeiten unterschiedlicher Popularität, wobei keine seiner Schriften ausschließlich für eine bestimmte Epoche entstand. Während die Albertus-Familie auch im Foto- und Digitalsatz weiterlebte, wurden andere nie digitalisiert und gerieten fast in Vergessenheit.

Albertus Nova (klassisch, warm, verbindlich)

Albertus Nova ist ein vielseitig verwendbarer Entwurf für Drucksachen und Web-Design, der um Kapitälchen und weitere Zeichen erweitert wurde und jetzt die fünf Strichstärken Thin, Light, Regular, Bold und Black bietet. Das Monotype Design Team hat die Originalentwürfe der Großbuchstaben J und Q mit aufgenommen sowie jede Menge Alternativ-Versalien aus der Feder Wolpes eingebaut, zum Beispiel ein außergewöhnliches M mit einem tiefen Scheitelpunkt und einem schrägeren Anstrich, ein W mit gekreuzten Mittelstrichen, eine 2 mit geschlossener Schleife und ein offenes &. Es kamen auch neue, reizvolle Alternativ-Zeichen dazu, beispielsweise ein A mit oberem Querbalken, sichelförmige e und E sowie ein Q und ein R mit langem, geschweiftem Abstrich.

Wolpe Fanfare (modern, leicht, energetisch)

Die Wolpe Fanfare entstand in den Jahren 1935 bis 1940, als Berthold Wolpe beim Verlag Fanfare Press arbeitete und Hunderte von Buchdeckeln mit ihnen beschriftet wurden. Typisches Merkmal: Kapitälchen, die oberhalb der Grundlinie »schweben«. Die hohe Auflösung digitaler Medien macht Wolpe Fanfare zu einer unverbrauchten Neuentdeckung für den Display-Einsatz, die gleichermaßen modern und futuristisch anmutet. Nun gibt es sie erstmals in fünf Strichstärken (Thin, Light, Regular, Bold, Black) sowie einem Inline-Schnitt. Außerdem kam ein Condensed-Schnitt mit verkleinerten Großbuchstaben hinzu, der die Titelsatz-Optionen ebenfalls erweitert.

 

Wolpe Pegasus (einzigartig, bewusst anders, akademisch)

Das Aussehen der Wolpe Pegasus basiert auf der Original-Pegasus, 1937 von Monotype als Textbegleiter zur Albertus in Auftrag gegeben. Sie spielt bewusst mit den Inkonsistenzen ihrer Vorgängerin, was man bereits an den formal ähnlichen Lettern b, d, p und q erkennt, die üblicherweise gemeinsame Details tragen – nicht bei Pegasus. Selbst die Serifen der Großbuchstaben sind unterschiedlich konstruiert. Wolpe hat diese Unterschiede ganz bewusst eingebaut, um ein lebhaftes Textbild zu kreieren. All diese Merkmale hat Monotype bewusst beibehalten. Zusätzlich wurden Regular- und Bold-Schnitte sowie Kapitälchen und Ziffernsätze ergänzt, so dass auch Pegasus die Anforderungen der heutigen Textgestaltung meistern kann.

 

Wolpe Tempest (kurvig, extravagant, animiert)

Tempest wurde von Fanfare Press für die Gestaltung von Buchumschlägen hergestellt. Die Schrift ist, obwohl Mitte der 1930er Jahre entworfen, immer noch frisch und zeitgemäß. Die nun erweiterte Wolpe Tempest setzt das ursprüngliche Konzept fort – die Abweichung von den statischen Sans-Serif-Kursivschriften der damaligen Zeit – und bietet jetzt drei Strichstärken (Regular, Bold, Black), die das unverkennbare Profil und Skelett von Tempest bewahren. Des Weiteren bietet die Familie Alternativen für die Buchstaben A, B, D, E, L, M, N, P, R, X, Y und Z, mit schwungvollen An- und Abstrichen, die sich hervorragend als Akzentuierungen im Titelsatz, bei Logos und in Überschriften eignen.

 

Sachsenwald (frisch, herausfordernd, statisch)

Monotype hat die Original-Sachsenwald-Frakturschrift erstmals digitalisiert und mit einem alternativen X versehen, die sie lesbarer macht. Wolpe entwarf Sachsenwald einst für einen deutschen Verlag, der den Auftrag aber kurz vor dem Zweiten Weltkrieg annullierte. Er versuchte daraufhin die Schrift von London aus für eine breite Öffentlichkeit nutzbar zu machen. Die Buchstabenformen sind weicher und weniger dekorativ als traditionelle gebrochene Schriften. Das Verbot der Frakturschrift in Deutschland sowie der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte eine größere Verbreitung von Sachsenwald. Umso erfreulicher, dass Monotype den außergewöhnlichen Entwurf nun wiederbelebt. Genau richtig für die zunehmende Beliebtheit von Frakturschriften im Musik-, Mode- und Editorial-Design.

Die Wolpe Collection von Monotype ist über Myfonts zu beziehen. Momentan gelten noch stark vergünstigte Einführungspreise.

Das Londoner Type Archive zeigt noch bis zum 30. Oktober eine Wolpe-Ausstellung. Zu sehen sind sowohl die neue Wolpe Collection in aller Ausführlichkeit sowie das zugrundeliegende Archivmaterial, einschließlich der Originalzeichnungen von Berthold Wolpe. Interessierte können sich hier anmelden.

Morgen lesen Sie auf PAGE Online ein Interview mit Toshi Omagari, Type Designer im Monotype Studio.

Ein knapp zehnminütiges Video berichtet über die Entstehung.


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