»Browsern fehlt es an typografischer Intelligenz«

Gute Typografie ist im Web nach wie vor nicht ganz leicht zu erreichen. Developer und Typo-Fan Harry Keller erklärt, warum.



Als ihm seine Eltern 1995 einen Mac schenkten, ta­ten sie das mit dem Hintergedanken, ihn von Com­pu­tergames fernzuhalten. Während also alle sein Freun­de »Resident Evil« spielten, spielte Harry Keller mit Photoshop 1.0. Später studierte er Medieninformatik an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin und entdeckte dort nicht nur seine Faszination fürs Pro­grammieren, sondern auch sein Fable für Typografie.

Nach Stationen bei »11 Freunde«, Edenspiekermann und A Color Bright gründete er 2015 in Berlin die Digitalagentur diesdas.digital. Hier entwickelt er gemein­sam mit ei­nem Team von Developern und Designern Marken, Websites und Apps. Wir sprachen mit dem designaffi­nen Energiebündel über hängende Initialen, Variable Fonts und Browserintelligenz.


Bis Browser irgendwann einmal mitdenken, übernimmt Developer Harry Keller diese Rolle – mit einem Lächeln


Variable Fonts, also Schriften, die sich stufenlos verstellen lassen, sind das Thema der Stunde. Was hältst du davon?
Harry Keller: Fürs Web sind variable Schriften schon allein deswegen großartig, weil nicht länger mehrere Schnit­te durch die Leitung gehen müssen, wenn man beispielsweise Light, Regular und Bold braucht. Das reduziert logischerweise die Ladezeit der Seite. Finde ich als Entwickler super, gibt Designern bei glei­cher Datenmenge mehr Gestaltungsfreiheit und freut auch User, die weniger Zeit auf leere Bildschir­me starren müssen, wenn in der U-Bahn mal wieder die Verbindung mau ist.

Was schätzt du, wann werden wir erste Anwendungen sehen?
Zunächst wird es eine Übergangsphase geben. Wenn Google Chrome jetzt Variable Fonts unterstützt, wer­de ich zusätzlich zu den Web-Fonts einen variablen Font einfügen können, den alte Browser nicht verste­hen und auch nicht runterladen. Chrome weiß dagegen: Aha, hier ist ein Variable Font, also nehme ich den und die anderen nicht. Natürlich ist das zunächst mit etwas mehr Aufwand verbunden, weil wir immer beide Welten bedienen müssen.

Dann werden wir also bald Websites mit Variable Fonts sehen, aber noch immer keine Texte mit funktionierender Silbentrennung?
Durchaus möglich, Silbentrennung haut nach wie vor nicht wirklich hin, deshalb gibt es ja auch kaum Blocksatz im Web. Wenn ich es mal probiert habe, funktionierte es in drei Browsern und im vierten hat­te ich seltsam abgeschnittenen Text. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Silbentrennung in den verschiedenen Sprachen unterscheidet. Das müsste der Browser also wissen, wenn ich zum Beispiel in ei­nem deutschen Text ein englisches Zitat habe.

Silbentrennung ist aber nicht das einzige Problem.
Tricky sind nach wie vor Einzüge zur Trennung von Absätzen, das Manipulieren einzelner Buchstaben, zum Beispiel für die Spationierung, oder auch ein ausgeglichen umbrochener Text für Headlines. Oder hängende Initialen. Die bedeuten stets ein riesiges Gefummel. Will man Initialen typografisch richtig setzen, folgen sie einer internen Logik: Die Grundlinie der Initiale soll die Grundlinie des Textes aufgreifen. Leider gibt es in CSS aber kein richtiges Grund­linienprinzip. So sehen Initialen in verschiedenen Browsern immer unterschiedlich und fast immer falsch aus.

Webdesigner arbeiten ja gerne mit Containern. Was passiert mit dem Text, wenn man diese Rahmenkonstruktionen verschiebt?
Das Verschieben ist nicht das Problem, eher die Text­größe. Beispiel: Ich möchte, dass eine nur aus drei Buchstaben bestehende Headline so groß wie möglich auf einem Bild steht. Ändert sich die Headline dann aber zu drei Wörtern, hätte ich gerne, dass sich der Text entsprechend skaliert, aber immer noch so groß ist wie möglich. Ich würde dem Browser also gerne sagen: »Setz den Text in eine Zeile und mach ihn so groß, wie es geht, ohne ihn zu umbrechen.« Mit Zusatztools lässt sich das erreichen, vom Brow­ser selbst her funktioniert es aber nicht, denn er besitzt keine typografische Intelligenz.

Könnte man diese Browsern beibringen?
Im Moment ist das eher eine Wunschvorstellung. Aber möglich ist es ganz bestimmt. Denken wir nur an das Stichwort »Machine Learning« – vielleicht lie­ße sich das auch auf Typografie anwenden. Mit Tausenden gut gesetzten Printbüchern als Grundlage lernt dann der ty­pografische Algorithmus: Wenn ich einen Fließ­­text mit einer Schrift habe, die der Times ähnelt, dann setze ich den Durchschuss auf 1,4. Man könn­te bestimmt viel automatisieren, sodass ich als Entwickler nicht mehr überall Hand anlegen muss. Leider ist der Browser kein Medium, das auf Typo­gra­fie ausgelegt ist. Man kann heute schon viel machen, zum Beispiel die Abstände abhängig von der Schriftgröße festlegen. Aber da geht noch mehr.

OpenType-Features funktionieren inzwischen ja weitestgehend browserübergreifend.
Nur leider werden diese Features trotzdem in der Praxis selten genutzt: Weil das Wissen bei Entwicklern und Designern fehlt oder einfach aus Performance-Bedenken: Jedes Zeichen, das man nicht vom Server zum Endgerät übertragen muss, spart Ladezeit: Der Hauptgrund, weshalb es im Web oft keine echten Kapitälchen gibt.

Warum dauert das Fortschreiten der Web­typografie so lange?
Technologisch hat sich in den letzten Jahren sehr viel Grundlegendes getan: Wir haben unglaublich hochauflösende Screens, Unterstützung von OpenType-Features, Web-Fonts sind nichts Besonderes mehr, und generell wird Typografie als wichtiger Be­standteil des Interface Designs ernst genommen. Trotzdem ist es ein sehr langer, bürokratischer Prozess, bis eine Technik eine so breite Unterstützung hat, dass alle sie implementieren.

Weil sich die Browserhersteller nach wie vor nicht einig sind?
Sie sind ja nicht die Einzigen. Es gibt auch noch die W3C-Gremien, in denen neue Technologien und For­mate fürs Web dis­kutiert und verabschiedet werden, bevor eine Empfehlung an die Browserhersteller geht. Selbst wenn sich irgendwann alle einig sind, dauert es noch einmal zwei Jahre, bis das neue Feature tatsächlich im Browser landet.
Der Weg zum Konsens ist lang, auch weil das Web als Plattform so zersplittert ist. Es braucht viele Absprachen und eine ganze Weile, bis man sicher sein kann, dass etwas ohne Probleme sowohl auf einem günstigen Android-Smartphone als auch auf einem iMac funktionieren kann. Der Prozess der Standardisierung ist aber ein Riesenfortschritt, der uns Ent­wicklern das Leben leichter macht. Die Kehrseite ist halt, dass der Fortshritt gerade bei einem eher speziellen Thema, wie es die Webtypografie ja ist, sehr langsam vorangeht.

Und in der Zwischenzeit behelft ihr Entwickler euch mit Zusatztools, die die Browserschwächen ausbügeln?
Manchmal geht es tatsächlich nicht ohne. Mit dem JavaScript-Plug-in FitText beispielsweise kann ich da­für sorgen, dass sich ein Text in der Größe dem umliegenden Container anpasst. Und die Library Typeset.js kümmert sich um typografisch richtige Interpunktion. Generell aber versuche ich, mich von Zusatztools fernzuhalten. Sie haben immer auch Ne­beneffekte, die nicht zu kontrollieren sind. FitText etwa muss man die Proportionen des Texts mitgeben, also sagen, ob er condensed oder eher superbreit läuft. Werden aus irgendwelchen Gründen die Web-Fonts nicht geladen und man hat ein Fallback zum Beispiel auf Arial, funktioniert es nicht mehr, weil FitText trotzdem mit der Metrik der anderen Schriften arbeitet. Auf diese Weise holt man sich jede Menge Komplexität ins Projekt und erhöht natürlich auch die Ladezeiten.

Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Developern und Designern? Haben diese oft Wünsche, die sich nicht oder nur schwer realisieren lassen?
Das ist ein schmaler Grat: Die besten Ergebnisse ent­stehen ja meist genau aus diesem Spannungsfeld, wenn Designer einen herausfordern, über das Notwendige hinauszugehen – nur dann werden Sachen richtig gut. Gleichzeitig darf man den Bogen natürlich nicht überspannen und Unmögliches fordern, aber das haben die Gestalter, mit denen ich täglich ar­beite, alle gut raus. Übrigens ist es ein Irrglaube, dass sich Designer durch die Bank besser mit Typografie auskennen: Oft ziehe ich in der Entwicklung einfach ungefragt Sachen glatt, die vorher unsauber waren.

Was war in typografischer Hinsicht das schwierigste Projekt, das du je realisiert hast?
Definitiv der Onlineshop für die Foundry TypeMates: Dort haben wir einen Haufen interaktive Module zum Testen der Schriften gebaut, mussten zum Teil Dutzende von Web-Fonts pro Seite laden und vor allem das immer noch viel zu komplizierte Schriftlizenzierungsmodell in einen Onlineshop drahten. Hinsichtlich Detailtypografie waren das ZEITmaga­zin Online und ein Webmagazin für Red Bull anspruchsvolle Projekte.
Bei Edenspiekermann haben wir einmal für ein Projekt alle tatsächlich verwendeten Schriftgrößen mit dem Typedesigner zusammen manuell gehintet. Ein absurder Aufwand, der aber unerlässlich war. Denn es geht ja nicht immer nur darum, dass man alles gut lesen kann, sondern auch darum, den Charakter der Schrift zu erhalten, um mit ihr auch Emotionen zu transportieren.

„Typografie ist keine okkulte Kunst mehr, sondern im Mainstream angekommen“

Du unterrichtest Kommunikationsdesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Wie ist es um (Web-)Typografie in der Ausbildung bestellt?
An der HTW spielt das Thema eine große Rolle. Ansonsten kommt es darauf an, was man studiert. Ich habe Medieninformatik studiert und hatte zum Glück auch zwei Semester Typografie. Generell ist sie ja kei­ne okkulte Kunst mehr, sondern im Mainstream angekommen. Jeder Markengestalter weiß heute, dass Schrift ein wichtiges Element ist. Bei vielen der Leute, die mit Text arbeiten, ist das leider noch nicht angekommen.

Du meinst uns Journalisten?
Tatsächlich kommt es recht oft vor, dass Entwickler und Designer sich richtig viel Gedanken um die typografische Gestaltung einer Webseite machen, und dann kommen die Schreiber und machen aus Stress oder Unwissenheit alles falsch. Anführungszeichen, Bindestriche, Apostrophe und so weiter.

Also lieber nur bildlastige Projekte realisieren?
Im Gegenteil. Ich würde echt gerne mal wieder ein Onlinemagazin machen – mit Redak­teu­ren, denen Typografie wichtig ist. Das Web ist noch immer in erster Linie ein Textmedium, und gute Ty­pografie ist keine hübsche Dekoration, sondern hat konkre­ten praktischen Nutzen und strahlt Wer­tigkeit und Vertrauenswürdigkeit aus. Wer eine Website gestaltet oder umsetzt und nicht zumindest über Schriftgrößen, die richtigen Schnitte, Zeilen­durch­schuss, Abstände und verwendete Schriftarten nach­denkt oder wer sich als Redakteur nicht mit den Grund­lagen der Mikrotypografie auskennt, der beherrscht schlicht sein Handwerk nicht.

Ob skalierbare Textgrößen, Initialen, Einzüge zur Trennung von Absätzen oder die Ausrichtung einzelner Buchstaben: Für wirklich gelungene Webtypografie muss Developer Harry Keller noch viel zu oft manuell nachhelfen

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