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Beschriftete Haut

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ätowierung und europäische Schriftkultur: Eine beeindruckende Kulturgeschichte in Ulrike Landfesters »Stichworte«.

Bei Rockstars gehört sie zum guten Ton, sogar die Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff hatte eine, Harry Potter trägt seine auf der Stirn, Travis Barker von Blink 182 am ganzen Körper und den Hals hinauf, bei den Bayreuther Festspielen hingegen trennte man sich gerade kurz vor der Premiere von einem Starbariton wegen gestochener Jugendsünden: ätowierungen sind allgegenwärtig und zudem in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Doch wie sind sie dort hingekommen? Und welche Rolle spielt die Schriftkultur dabei?

Das beleuchtet die Germanistin Ulrike Landfester von der Universität St. Gallen auf nahezu 500 Seiten, auf den sie einen großen Bogen spannt – von eingeritzten Kriegsbotschaften auf Sklavenköpfen 430 v. Chr., Kain aus dem 1. Buch Mose über Herodot und das antike Rom, frühen Reiseberichten aus Polynesien zu Goethe, Kafka, zu Nummerntatöwierungen im Konzentrationslager Auschwitz hin zu den Science-Fiction-Stories »The Illustrated Man« von Roy Bradbury und eben Harry Potter – und immer steht dabei die Schrift oder die gestochene Kalligrafie im Mittelpunkt.

Sie zeigt, wie durch fortschreitende Alphabetisierung das Interesse an der Materialität der Schrift zunahm, diskutiert Artaud, Derriad und philosophische Schriftkritik – und wie, in Zeiten moderner Lasertechnologien, die eingeritzte Schrift auf dem Weg ist so flüchtig zu sein wie die geschriebene in digitalen Zeiten.

Ulrike Landfester: Stichworte. Tätowierung und europäische Schriftkultur. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2012. 492 Seiten, ISBN 3882215615, 39,90 Euro.

Oben: John White, Ein edel Weib von Pomeiooc. Nach 1585-86. Unten: John White, Nobilis Matrona Pomeioocensis. Nach 1585-86.
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John White, Von etlichen der fürnembsten Herrn in Virginia Marckzeichen. Nach 1585-86.
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Links: Jacques le Moyne des Morgues, A Young Daughter of the Picts. C. 1585. Rechts: Jacques Le Moyne des Morgues, Contrafeyt einer Jungfrawen auß den Picten. Nach 1564.
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Die Pilgertätowierungen des Ratge Stubbe. C. 1676.
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Wilhelm Gottlieb Tilesius, Ein Wilder von der Insel Nukahiva. C. 1810
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Cesare Lombroso, Tatuaggi di delinquenti. 1876.
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La bella Angora / die Königin der Tätowierten. C. 1920.
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Produkt: eDossier: »Goodbye Times! 7 frische Alternativen«
eDossier: »Goodbye Times! 7 frische Alternativen«
Wir zeigen Serifenschriften für Lesetexte, die der Times weit überlegen sind

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Hallo Mari, geschmacklos zu sein ist natürlich überhaupt nicht unsere Absicht! In dem Abschnitt geht es lediglich darum, die Bandbreite der Buchthemen aufzuzeigen. Aber ein »oder« zwischen den Sätzen ist vielleicht die bessere Wahl …

  2. Hallo Christian,
    das ist uns natürlich bewusst. Was gemeint ist: Der Blitz ist auch ein Zeichen auf der Haut.

  3. Sorry, “….und immer steht dabei die Schrift, die gestochene Kalligrafie im Mittelpunkt” in Bezug auf “…..zu Nummerntatöwierungen im Konzentrationslager Auschwitz”: das finde ich mehr als geschmacklos.

  4. ich will ja nicht klugschei… aber Harry Potter hat kein Tatoo. Der Blitz auf der Stirn ist eine Narbe, von Lord du weißt schon wer.

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