Warum die Trends Achtsamkeit und Schlaf so wichtig werden

Matratzen-Start-ups, Sleep-Tonics, Silent Rooms in Kaufhäusern und Apps zum Abschalten sind ein großer neuer Markt. Wir sprachen mit Trend Director Pernille Kok-Jensen über den Trend, der sich um Selbstverwirklichung, Gesundheit – und Kreation dreht.



Pernille Kok-Jensen, Trend Director bei der Agentur für qualitative Forschung und Trend-Research MARE in Amsterdam, erklärt, warum der Hype um den Schlaf nicht zu verstehen ist ohne den Megatrend zur ganzheitlichen Gesundheit und das individuelle Bestreben, die ultimative Version unserer Selbst zu werden.

Warum sehnen sich augenblicklich so viele Menschen danach, zu schlafen?
Pernille Kok-Jensen: Der gute Schlaf beginnt idealerweise bereits morgens und zieht sich über den ganzen Tag. Wir müssen herauszoomen und Schlaf in einem größeren Kontext betrachten, um zu verstehen, dass Schlaf mehr ist als die Nachtruhe in unseren Betten. In einer Welt, wo alle ständig unterwegs sind, ist es viel schwerer, auf einmal langsam zu machen.
Viele Menschen sind bereits überreizt und leicht gestresst, sobald sie aufstehen. Und das dauert den ganzen Tag an. Der konstante Informationsfluss, die flackernden Bildschirme, die Arbeit, die sozialen Situationen, der Verkehr und so weiter. Man könnte glauben, wir sollten am Ende des Tages so erschöpft sein, dass wir alle sofort in einen seligen Schlaf fallen – aber wir vergessen, dass wir Zeit brauchen, um die zehntausend Bilder, die auf unsere Radare projiziert wurden, zu dekomprimieren und zu verdauen. Um eine sinnvollere Art der Ermüdung kultivieren zu können, braucht es eine andere, ganzheitlichere Idee von Schlaf.

Worin zeigt sich der neue Wert des Schlafens?
Wir bei MARE beobachten seit gut zwei Jahren eine Fülle von Life-Hacks, Produkten und Dienstleistungen, die uns dabei helfen sollen, die ultimative Version von uns selbst zu werden. Wir nennen diese Bewegung »Holistically Happy«. Aus Sicht der Konsumenten spielen hier Angebote eine zentrale Rolle, die uns dabei unterstützen, achtsam zu sein, den Moment zu genießen und ein ausgeglichenes Leben zu führen. Zugleich suchen wir nach Life-Hacks als Möglichkeit, zu reflektieren und im Hier und Jetzt zu sein – weg von Bildschirmen und Newsfeeds, die unsere permanente Aufmerksamkeit verlangen. Wobei das Paradoxe ist, dass diese Life-Hacks oft gerade von Apps oder digitalen Plattformen kommen.

Gibt es konkrete Beispiele?
Ein gutes Beispiel, das bereits früh in diese Richtung deutete, war der Silence Room des Londoner Kaufhauses Selfridges vor einigen Jahren. Der von dem Architekten Alex Cochrane entworfene Raum war vollkommen isoliert vom Rest des Ladens. Wer ihn betreten wollte, musste die Schuhe ausziehen und alle elektronischen Geräte abgeben. Ein anderes Beispiel ist das New Yorker Studio Inscape, das in Kursen oder per App immersive Meditations- und Entspannungsübungen vermittelt und so traditionelle Praktiken mit modernen Technologien verbindet.

Wie erklären Sie sich den neuen Wert des Schlafs?
Alles, was schwer zu bekommen ist, wird schnell zum Luxus. Man denke nur an Natur, frische Luft und sauberes Wasser. Auch Schlaf ist in der Tat schwer zu bekommen – und das obwohl wir alle ihn so verzweifelt bräuchten. Früher ging es darum, den Status »beschäftigt« aufrechtzuerhalten. Hart zu arbeiten und gehetzt zu sein, war in Krisenzeiten eine etwas subtilere Form zu sagen, dass es einem gut geht. In der rastlosen Gegenwart von heute gewinnt hingegen der an Status, der zeigt, dass er die Kontrolle über das eigene geschäftige Leben hat, eben indem er in der Lage ist, sich Zeit zu nehmen – auch zum Schlafen.

Für welche Branchen oder Marken wird Schlaf relevant sein?
Achtsamkeit erobert die Unternehmenswelt im Sturm. Geführte Achtsamkeits-Retreats, Büro-Yogakurse und unternehmensfinanzierte Meditationsprogramme sind auf dem Vormarsch und zeigen die Bereitschaft der Führungskräfte, hier zu investieren. Büros beginnen die Vorteile einer verbesserten Work-Life-Balance zu erkennen. Unternehmen setzen wachsende Budgets für neue Programme zur Verbesserung des Wohlbefindens ihrer Mitarbeiter ein. In diesen Kontext wird Schlaf zu einem wesentlichen Baustein.
 
Wie wird die Zukunft schlafen?
Schlaf ist schon heute ein Maß für Erfolg und eine Fähigkeit, die zukünftig noch weiter kultiviert, gefördert und optimiert werden wird.

Das Interview führte Judith Mair.

Pernille Kok-Jensen, Trend Director bei der Agentur für qualitative Forschung und Trend-Research MARE in Amsterdam.

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