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Vorsicht bei Infografiken zu Corona 

Weil Jan Schwochow nur selten einer anderen Grafik traut, schaut er stets genau hin. Bei dieser zigtausendmal geteilten Darstellung entdeckte er einige Ungereimtheiten.

CoronagrafikSchwochowTeaser

Infografik-Spezialist Jan Schwochow, Gründer der Berliner Agentur Sapera (ehemals Infographics Group), versuchte erst einmal, die Zahlen dieser Grafik nachzurechnen. Es kursieren von ihr unzählige Kopien im Netz und im öffentlichen Raum hat er sie auch bereits gesehen. Die Punkte, die ihm auffielen hat er für uns zusammen gefasst: 

1. Genesene Personen vergessen

Die Original-Quelle geht davon aus, dass infizierte Menschen die Krankheit nur während eines Zeitraums von fünf Tagen übertragen können, während sie asymptomatisch sind. Nach 5 Tagen beginnt eine Person Symptome zu zeigen, wird unter Quarantäne gestellt und infiziert nun andere nicht mehr. Wenn man diese Annahmen heranzieht, dann ist die Grafik richtig.

Wir wissen aber inzwischen, dass viele Menschen nur wenig oder keine Symptome zeigen, so dass man davon ausgehen kann, dass eben nicht alle Menschen in Quarantäne sind. Mit den aktuellen Erkenntnissen des Robert Koch-Instituts bin ich davon ausgegangen, dass die infizierten Menschen erst nach 10 Tagen immun sind. Somit ergibt sich ein komplett anderes und viel dramatischeres Bild. Nach 30 Tagen hätte man nach meiner Berechnung über 1400 Infizierte (Robert Koch-Institut: Inkubationszeit: 5-6 Tage, Reproduktionszahl 2,4-3,3 OHNE Maßnahmen). 

CoronagrafikSchwochowFalsch

 

2. Keine halben Menschen anstecken

Auch gestalterisch gibt es etwas an der Originalgrafik zu kritisieren. Ich hätte auf jeden Fall noch einen weiteren Zwischenschritt dargestellt, zum Beispiel nach 15 Tagen. Zudem wäre es besser gewesen, eine einfache grafische Form anstatt eines Menschen-Piktogramm zu wählen, da ich in der Realität ja nicht 0,625 Menschen anstecken kann. Das ist statistisch richtig, aber entweder ich stecke eine Person an oder nicht. Die Frage ist, nach wie vielen Tagen ich eine andere Person angesteckt habe. In meiner Darstellung habe ich daher einen Kreis als Darstellung für einen Menschen gewählt. Ich nutze die grafische Form der Menschen, um das Social Distancing zu visualisieren.

SchwochowDistancing

Ich weise jedoch darauf hin, dass ich weder Virologe noch Mathematiker bin. In Wahrheit ist die Berechnung sicher noch komplexer, zumal man einfach auch noch zu wenig über das Corona-Virus weiß. Meine Berechnung wäre nachvollziehbarer, dramatischer und eindringlicher gewesen, weil man eigentlich auch nicht davon ausgehen kann, dass alle Infizierten Personen schon nach 5 Tagen keine weitere Person mehr anstecken können.

Womöglich liegt das Problem in der Betrachtung der Zeit. Bei der Verwendung der Reproduktionszahl wird offenbar weder ein Zeitraum angegeben, noch wird berücksichtigt, ob und wann ein Infizierter immun ist. Es bedeutet nur, dass die Zahl der Infizierten ohne Maßnahmen bei einem positiven Wert exponentiell steigt. Bei R=1 steckt eine Person im Schnitt eine weitere an und bei einem Wert von 0,5 nimmt die Zahl der Infizierten stetig ab. Ich habe das mal in einer sehr einfachen Grafik dargestellt.

SchwochowPower

 

Ich finde es erstaunlich, dass diese Grafik ohne Hinterfragen weltweit in den Medien nachgebaut oder abgedruckt wurde. Auch Behörden und Institutionen haben diese Grafiken genutzt. Und das Statistik-Portal Statista hat diese Grafik ebenso kopiert und weiter verbreitet. Hoffen wir, dass die Grafik trotzdem ihren Nutzen erfüllt und wir alle zuhause bleiben. 

JS_social-distancing_polizei

Auch in einem Berliner Park findet sich die zweifelhafte Infografik.

 

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Das Leben der Zahlen - PAGE sagt, worauf es bei Entwicklung von Infografiken ankommt.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Eine interessante Diskussion. Ich stimme Herrn Schwochow zu, dass man in der Realität ja nicht 0,625 Menschen anstecken kann. Für mich stellt sich die Frage, warum die Orginalgrafik so erfolgreich im Internet, wie auch vermutlich als Plakat ist. Man benötigt nicht mehr als zwei Sekunden, um das Thema grob zu erfassen. Die Grafik verwendet nur ein Menschen-Piktogramm, das in der Größe etwas variiert und damit dem Leser weniger mathematische Fähigkeiten abverlangt. Wie wir jetzt wissen, ist die größte Ansteckung ein Tag vor den ersten Symptomen, danach nimmt sie rapide ab.

  2. Zu Beginn des Artikels wird die Original-Quelle verlinkt. Dort wird ein transparentes Rechenmodell auf Basis aktueller Erkenntnisse dargestellt. Die Parameter wie Inkubationszeit und Reproduktionszahl decken sich mit den Angaben des RKI. Der Autor der Original-Quelle ist Doktor und Assistenzprofessor der Medizin.
    Jan Schwochow erweitert nun dieses Modell um die Annahme, dass eine Person 10 Tage lang Personen anstecken kann (2,5 Personen in den ersten 5 Tagen, 2,5 Personen in den zweiten 5 Tagen). Durch diese Annahme wird die Reproduktionszahl in etwa verdoppelt und befindet sich nicht mehr in der durch das RKI angegebenen Spanne. Die Rechnung ist schlichtweg falsch, auch wenn sie durch den Autor als nachvollziehbarer, dramatischer und eindringlicher bezeichnet wird. Dem Autor fehlt es am Verständnis der banalsten Grundlagen, wie z.B. der Reproduktionszahl, dennoch sieht er sich befähigt ein in seinen Grenzen korrektes mathematisches Modell allein auf Basis seiner Meinung anzupassen. Diesen Umgang mit Wissenschaft halte ich für bedenklich und überheblich.
    Die originale Infografik zeigt sehr eindrucksvoll, zu wie vielen Infektionen eine einzelne infizierte Person innerhalb von 30 Tagen führen kann, unabhängig vom Krankheitsverlauf. Die Tatsache, dass in dieser Grafik Personen dargestellt sind, macht sie noch eindringlicher. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Grafik sehr viele Leute erreicht, weil sie leicht zu verstehen ist und sich auf die wesentlichen Informationen beschränkt.
    Dieser Artikel enthält kein einziges Argument, dass mich überzeugen könnte zu glauben, die originale Infografik sei falsch oder enthielte Ungereimtheiten. Umso mehr frage ich mich wie der Autor zu dem Vorwurf kommt, die Grafik sei “ohne Hinterfragen” weiterverbreitet und verwendet worden.

  3. ich überlege ob eine verharmlosende Darstellung und Berechnung, wie zum Beispiel die von Herrn Schwochow, jetzt (14.4.2020) zielführender ist als die von ihm kritisierte.

  4. Ich liebe Infografiken, freue mich über tolle Visualisierung und korrekte Zahlen und Fakten.
    Die Gestaltung von Jan Schwochow gefällt mir sehr, aber nachdem es mir in den Fingern gejuckt hat mal nachzurechnen komme ich zum selben Ergebnis der Rechnung in der Original-Grafik, denn jeder steckt ja nur einmal 2,5 Personen an.
    Nach 5 Tagen sind dann 2,5 neue Personen infiziert,
    nach 10 Tagen 6,25
    … 15 Tage 15,625
    … 20 Tage 39,0625
    … 25 Tage 97,65625
    … 30 Tage 244,140625
    Insgesamt sind nun 406,234375 Personen infiziert (inkl. der ersten Person)
    Ob von diesen Personen inzwischen jemand genesen oder verstorben ist wurde nicht berücksichtigt.

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