Schatzsuche I

Durch Recherche verschaffen sich Kreative nicht nur das nötige Wissen über Zielgruppe, Themenfelder und Branchen, sondern auch neue Gedanken und Ideen. In PAGE 01.2013 haben wir unter anderem Mirko Borsche nach seinen Strategien, Tools & Tricks befragt.



Durch Recherche verschaffen sich Kreative nicht nur das nötige Wissen über Zielgruppe, Themenfelder und Branchen, sondern auch neue Gedanken und Ideen. In PAGE 01.2013 haben wir unter anderem Mirko Borsche nach seinen Strategien, Tools & Tricks befragt.

 

 

Bureau Mirko Borsche – Visualisierung einer Oper

 

Gerade in der Kulturkommunikation spielt Recherche eine wichtige Rolle – gilt es doch zukunftsfähige Antworten auf althergebrachte Fragen zu suchen

 

Die wohl aufwendigste Recherche seiner Laufbahn führte Mirko Borsche im Auftrag der Bayerischen Staatsoper durch – für die Gestaltung der Medien zur Uraufführung der Oper »Babylon«. Die Stadt Babylon sollte als aktuel­ler, sozial und kulturell hoch entwickel­ter und zugleich als historischer und mythi­scher Ort dargestellt werden. Das Cover des Programmhefts greift zwei Motive der Inszenierung auf: den Ziegelstein als Basis des Turms von Babel und der modernen, materiellen Welt. Als Hinweis auf die geistige Welt kommen die Sonderfarbe Blau, ein Farbton des Ischtar-Tores, sowie Schrift als wichti­ges Kulturgut der Babylonier hinzu. Für die Bildwelten im Inneren des Hefts sollte die­ses Spannungsfeld in Form von Landkarten und Stadtplänen Baby­lons dargestellt werden, um so den Spa­gat zwischen archäologi­scher Genauigkeit und fantasievoller Interpretation – narrativen Infografiken ähnlich – für den Betrachter sichtbar zu machen.

Die Publikation ist das Ergebnis ei­nes dreimonatigen Rechercheprozes­ses. Für das Cover machte sich das Team auf die Suche nach Lehmziegeln – ei­nem möglichst zeitlosen Exemplar, das im historischen Babylon hätte verwendet werden können. Hilfreich waren dabei Ausstellungskataloge zur Geschich­te der Stadt sowie eine Rekonstruktion des vorderen Teils des Ischtar-Tores im Berliner Pergamonmuseum. Um sich über aktuelle Ziegelformen zu informie­ren, kontaktierten die Gestalter Landschaftsarchitekten, die ihnen ein Steinmodelle zur Verfügung stellten und rieten, sich für weitere Muster an Ziegelbrennereien zu wenden. Bei der Planung der Bildsprache sammelten die Kreativen Motive aus Kunst, Werbung, Mode und Design im Internet. Auf dieser Grundlage entschieden sie sich für eine minimalistische Visualisierung: Die Fotos stellen einen im Raum schweben­den Ziegel wie ein Readymade dar.

Das Programmheft enthält acht Kar­ten zu verschiedenen Aspekten Babylons. Diese produzierte das Designstudio über zweieinhalb Monate hinweg selbst, in enger Zusammenarbeit mit den Dramaturgen Moritz Gagern und Miron Hakenbeck sowie Kartogra­fen der Hochschule für angewandte Wissenschaften München. Ausgangspunkt für den Stadtplan auf der Umschlaginnenseite war archäologisches Material, etwa das auf einer Steintafel überlieferte Kanalsystem. Hinzu kommen fiktive Or­te, abgeleitet aus Legenden über Babylon. Für die Entwicklung einer au­thenti­schen Formensprache ana­ly­sier­ten die Designer Details und Texturen aus Internet-Maps, historischen Atlanten und aktuellen Stadtplänen. Akribi­sche Recherche und freie Inspiration beflügel­ten sich hier wechselseitig. »Das eine bringt ohne das andere wenig«, erklärt Mirko Borsche. »Schon bei Kindern lässt sich beobachten, wie sich ihre Zeichenfähigkeit mit zunehmen­den Sachkenntnissen verbessert: Jedes Wis­sen bringt uns weiter.«


Recherche-Strategien von Mirko Borsche

Online oder offline recherchieren?

Quanti­tativ recherchiere ich 70 Prozent online,
30 Prozent offline – qualitativ ist das Verhältnis eher 50 : 50. Die Internet-Recherche dient zunächst der Inspiration. Sie bringt viel bei assoziativen Gedankengängen, weil sich unterschiedlichste Informationen schnell abklappern lassen. Später lässt sich im Netz die eigene Idee überprüfen. Ist sie gut? Gibt es schon Ähnliches? Offline-Recherchen in Bibliotheken oder Ausstellungen wieder­um ermöglichen Momente der Ruhe, des Nichtabgelenktseins, der Tiefe und Platz für zufällige Entdeckungen.

Wie gelangt man mittels Recherche zu neuen Ideen?

1. Besuche nicht nur dann Bibliotheken, wenn du dringend Informationen benötigst. Mache dich in ruhigeren Zeiten mit dem Werkzeug Bibliothek und ihren Ordnungssyste­men vertraut. Lasse dich durch die stillen Räume treiben und entdecke Wissen. Das lohnt sich übrigens auch, wenn schon eine Idee existiert.
2. Wende nicht immer das gleiche Recherche­system an. Versuche, Perspektiven und Quellen zu wechseln und schaue über die Branchenplattformen hinaus. Lasse dich auch durch design- und fachfremde Quellen inspirieren. Denn Neues entsteht oft, indem Bekanntes in neue Kontexte gesetzt und ungewöhnlich kombiniert wird.

Müssen die umsetzenden Künstler, Fotografen, Illustratoren auch recherchieren?

Bei uns gibt es einen optischen Leitfaden, aber ein rein inhaltliches Briefing. Ob ein Stil passt, wird vorher intern entschieden. Durch diese Freiheit kommen die ausgewählten Künstler auf erstaunliche Ideen. Wir erwarten allerdings auch, dass sie selbst noch einmal intensiv recherchieren. Eine ober­flächliche Auseinandersetzung fällt sofort auf. Mein Tipp: Immer prüfen, ob eine Bildidee unter den ersten Treffern der Google-Bildersuche zu finden ist – dann ist sie langweilig.

Weitere Strategien, Tools und Tricks von Werbern, Gestaltern, Journalisten und Trendforschern lesen Sie in PAGE 01.2013


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