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Infografik: Wie viel Reduktion ist gut?

Ob Corona-Pandemie oder Rentenvorsorge – Infografiken erklären die Welt. Um komplexe Sachverhalte verständlich zu machen, müssen Gestalter sie vereinfachen und Aspekte weglassen. Doch wo ist die Grenze? Wir geben Tipps zur richtigen Balance und die Kunst, den Betrachter klug zu involvieren.

Illus und Zahlen: Das britische Magazin »Weapons of Reason« arbeitet sowohl mit echten Infografiken als auch mit solchen, bei denen der illustrative Charakter im Vordergrund steht. Zusammen ergibt das eine schöne und klare Bildsprache, die die anspruchsvollen Themen gut unterstützt.

Das Umfeld bestimmt die Komplexität einer Infografik. Je nachdem, ob sie in einer wissenschaftlichen Publikation oder einem Mitarbeitermagazin erscheint, ob sie auf einer umfangreichen Scrolly­telling-Website detailliert in die Tiefe gehen kann oder in Social Media in wenigen Sekunden erfassbar sein muss. »Wir fragen zuerst: Was ist der Kontext? Wie viel Platz steht zur Verfügung? Wer ist die Zielgruppe, und wie lange wird sie sich Zeit nehmen, um sich den Inhalt der Grafik zu Gemüte zu führen?«, erklärt Christine Zimmermann.

Mehr Frauen: In zwanzig animierten Infografiken stellte Hahn+Zimmermann das Frauen-Männer-Verhältnis im Schweizer Nationalrat von 1971 bis 2015 dar. Publiziert wurden sie über Social Media. Anders als zunächst gedacht waren es nicht die einfachsten, sondern die ungewöhnlichsten Umsetzungen, die besonders gut ankamen.

Zusammen mit Barbara Hahn betreibt sie in Bern das Gestaltungsbüro Hahn+Zimmermann, seit 15 Jahren liegt einer ihrer Schwerpunkte auf Informations­grafik. In den letzten Jahren hat sich viel verändert, die Sachverhalte sind komplexer, die Datenmengen größer geworden, die Anzahl der Quellen nimmt zu. Das macht den Job nicht gerade einfacher. Je umfangreicher der Datensatz, desto größer die Gefahr, dass sich Fehler eingeschlichen haben, Koordinaten nicht stimmen, es Buchstaben- oder Zahlendreher gibt. Gestalter müssen immer mehr Zeit aufwenden, die Daten zu verifizieren.

Um Fehler zu vermeiden, entsteht eine Infografik bei Hahn+Zimmermann in enger Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Kunden. »Die Projekte, an denen wir arbeiten, sind oft komplex – von den Nachhaltig­keitszahlen der Baugenossenschaft Zürich bis zum Schweizer Schweinemarkt – und wir natürlich nicht Experten für alle Themengebiete. Deshalb schauen wir gemeinsam, ob das, was wir visuell entwickeln, auch inhaltlich stimmt«, so Christine Zimmermann. Ebenfalls zusammen mit dem Kunden legen sie eine Priorisierung der Datenparameter fest. »Wir beginnen unsere Konzeption dann mit den wichtigs­ten Daten und nehmen – je nachdem, wie komplex die Grafik sein darf – weitere hinzu.«

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Infografiken: Die Kunst des Weglassens

Infografik-Spezialist Jan Schochow sammelt mit sei­ner Berliner Agentur Sapera (ehemals Infographics Group) am Anfang eines Projekts grundsätzlich so viele Daten wie möglich. Auch wenn klar ist, dass es »nur« eine Grafik für Social Media wird. Schwochows Überzeugung: »Hat man einen Themenkomplex, muss man den so weit wie möglich aufmachen und vielleicht auch noch zusätzliche Daten vom Kunden anfordern. Dann sieht man irgendwann in all den Daten eine Geschichte und kann diese in einer Grafik erzählen.« Im nächsten Schritt geht es ans Aussortieren und damit an die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge. Wohl der schwierigste Part dieses Jobs – schließlich möchte man all das, was man so mühsam recherchiert hat, nicht unter den Tisch fallen lassen.

Daten-Kunst: Ein riesiger Open-Data-Satz bildete die Basis für das freie Projekt »Urban Data Patterns«. Mit Unterstützung des Developers Christian Schneider entwickelte Hahn+Zimmermann Visuali­sierungen, die den kompletten Datensatz darstellen – ohne ihn »herunterzuaggregieren«, wie sie es formulieren.
Hier sind die Tageswerte der ein- und aussteigenden Passagiere an 161 Haltestellen in der Gemeinde Bern zu sehen.

Es braucht Erfahrung, um den Punkt zu finden, an dem man genug reduziert hat, niemand möchte, dass die Darstellung an Aussagekraft verliert oder gar falsch ist. »Leider sieht man immer wieder – auch in seriösen Medien oder in der Unternehmenskommunikation – zu stark vereinfachte oder nicht korrekte Grafiken. Gerade wenn sie, wie jetzt in der Corona-Krise, unter großem Zeitdruck entstehen«, so Jan Schwochow. »Da gibt es dann schon mal Weltkarten, auf denen die Punkte nicht im richtigen Verhältnis zueinander stehen, weil der Gestalter bei­spielsweise Fläche mit Radius verwechselt hat.«

Infografisch darstellen, was das Gehirn versteht

Das Geschehen um die Ausbreitung des Corona-Virus infografisch darzustellen, ist eine besondere Herausforderung für Gestalter. Vor allem das exponentielle Wachstum der Pandemie erschließt sich nur schwer, denn das menschliche Gehirn ist nicht gemacht fürs nicht lineare Denken. Trotz vieler Infografiken mit dramatischen Zahlen oder stetig wachsenden Kreisen blieb die rasende Geschwindigkeit, mit der sich das Virus verbreitet, in den meisten Köp­fen eine vage Vorstellung. Anders bei der Simula­tion in der »Washington Post« vom 18. März. Mit einer kurzen textlichen Erklärung und animierten Punkten in drei Farben gelang es den Gestaltern, jedermann klarzumachen, was exponentielle Verbreitung bedeutet und dass so­ziale Distanzierung das wirkungsvollste Mittel zur Bekämpfung der Epidemie ist.

Lieber linear: Das menschliche Gehirn tut sich schwer, exponentielles Wachstum wie im Fall der Verbreitung des Corona-Virus zu begreifen. Diese animierte Simulation der »Washington Post« verdeutlichte mit einfachen Mitteln, warum soziale Distanzierung das Mittel der Wahl zur Eindämmung der Pandemie ist.

Reduzieren lässt sich im Übrigen nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form einer Informationsgrafik. »Designer sollten sich ständig fragen, welche Elemente sie wirklich brauchen«, rät Jan Schwochow. »Sind alle Linien nötig? Muss bei jedem Punkt die Jahreszahl stehen oder reicht es bei jedem zweiten? Müssen es immer alle vier Zahlen eines Jahres sein oder sind die letzten beiden genauso eindeutig?« Nach der Reduktion ist die nächs­te große Herausforderung für den Informationsgrafiker, das richtige Maß zwischen Entertainment und Information zu finden, so Schwochow: »Ist alles bunt und wild durcheinander, geht die Information verloren. Das macht dem Betrachter vielleicht Spaß, aber verstehen tut er nicht viel. Vernachlässigt man vor lauter Information die visuelle Aufbereitung, hat man eine Grafik, die vor allem eins ist: langweilig.«

Flaschen- statt Tortenmodell: Spannndes Infografik-Beispiel

Hahn+Zimmermann verwendet möglichst keine austauschbaren infografischen Modelle wie Torten- oder Balkendiagramme. Und so geben die Visualisierungen, die das Berner Designbüro fürs »F.A.Z. Quarterly« entwarf, gleich Aufschluss über das jeweilige Thema. Die Darstellungen werden dadurch visuell zwar etwas komplexer, aber auch deutlich spannender. Hahn+Zimmermann für »Frankfurter Allgemeine Quarterly«

Interaktive Grafiken: Bewegung hilft!

Die Corona-Visualisierung der »Washington Post« war auch deshalb so gut verständlich, weil sie auf Animationen setzte, die das Thema nach und nach erklärten. Ein großer Vorteil gegenüber Print, wo alles auf einen Blick erfassbar sein muss. »Eine gute Möglichkeit, komplexe Sachverhalte darzustellen, sind auch interaktive Grafiken, bei denen man den User aktiv in den Leseprozess involviert«, so Christine Zimmermann. »Kann jemand selbst Filter auswählen, Anordnungen sortieren und seine eigenen Fragen stellen, die dann aus der Grafik heraus beantwortet werden, nimmt er nachhaltigeres Wissen mit, als wenn er nur ein statisches Bild anschaut.«

Auf Animationen und bunte, einfach gehaltene Illustrationen setzen auch die erfolgreichen »Kurz­gesagt«-Erklärfilme des Münchner Designers Philipp Dettmer. Über hundert Videos zu durchaus komplexen Themen aus Technologie, Biologie, Raumfahrt, Physik, Gesellschaft und Philosophie hat er bereits produziert, auf YouTube haben sie mehr als 11 Millionen Abonnenten. Zwar findet manch einer die Ästhetik zu bunt und kindlich, bedenkt man allerdings, wie viele Erwachsene die Erklärfilme in den Kindernachrichten »logo!« schauen, um »endlich auch mal was zu verstehen«, ahnt man: Je komplexer die Themen, desto weniger kompliziert dürfen sie erklärt sein.

Aber wo fängt das Entertainment an und hört die Infografik auf? Gerade ihre wachsende Beliebtheit hat dazu geführt, dass sie auch als rein visuelles Element ohne großen Informationscharakter zum Einsatz kommt. Virtuos beider Formen bedient sich das zweimal jährlich erscheinende Magazin »Weapons of Reason« der Londoner Agentur Hüman After All, das globale Probleme wie zum Beispiel die unfaire Verteilung von Wirtschaftsgütern verständlich machen will. Für die Ge­staltung der tollen Texte nutzt Kreativdirektor Paul Willoughby mal echte Infografiken, mal solche, die nur auf den ersten Blick so aussehen, vor allem aber illustrativen Charakter haben. Durch diese Kombination bekommen die schweren Themen eine Leich­tigkeit, die ihnen guttut.

 

Plupp hoch zwei: Der schwedische Nachrichtensender SVT besticht sonst nicht durch tolles Design. Anders bei seinen animierten Corona-Infografiken. Am Beispiel eines »Plupp« (schwedisch für »Spielfigur«) und seiner Familie erklären sie die Verbreitung des Virus.

 

Nicht (nur) für Kinder: Mit gut 11 Millionen Abonnenten sind die »Kurzgesagt«-Erklärfilme auf YouTube ein Renner. Im neusten Clip macht Philipp Dettmer das Corona-Virus und seine Folgen für jedermann verständlich.

Ungewöhnlich erklärt statt reduziert

Christine Zimmermann und Barbara Hahn beob­achten, dass sich der Trend zu immer komplexeren Infografiken allmählich umkehrt. »Wir bekommen häufiger Anfragen zu weniger umfangreichen Darstellungen, sicher auch, weil Social Media in der Kom­munikation von Unternehmen eine wachsende Rolle spielen.« Dabei bedeuten Social Media nicht zwangs­läufig gnadenlose Reduktion. Das haben die beiden in dem selbst initiierten Projekt »20 Wochen 20 Grafiken« herausgefunden.

Überraschende Zusammenhänge: Das von der Londoner Agentur Hüman After All herausgegebene Magazin »Weapons of Reasons« thematisiert globale Probleme wie etwa die ungleiche Verteilung von Wirtschaftsgütern. Dabei arbeitet Kreativdirektor Paul Willoughby gerne mit Infografiken, um die komplexen Sachverhalte übersichtlich und visuell ansprechend zu vermitteln.

Die Grundlage bildete ein Datensatz zum Geschlechterverhältnis im Schweizer Nationalrat von 1971 bis 2015. In den zwanzig Wochen vor den Nationalratswahlen 2019 veröffentlichten sie über Social Media jede Woche eine animierte Infografik, die jeweils einen Ausschnitt desselben Datensatzes in immer anderen visuellen Darstellungen – mal mehr, mal weniger komplex – präsentierte. »Wir haben die Reichweite und die Likes der zwanzig Grafiken untersucht und festgestellt, dass keineswegs die einfachsten Umsetzungen, die sich an Standarddiagramme anlehnten, am beliebtesten waren«, be­rich­tet Christine Zimmermann, »sondern vor allem die ungewöhnlichen Grafiken, die bei denen man zweimal hinschauen muss.«

Leseanleitung für Infografik mitgeben

Ob ganz einfach, mittel- oder hochkomplex, in der Regel erwarten Leser heute eine Anleitung, wie sie die Grafiken lesen sollen. »Ich stoße immer wieder auf Infografiken, die die Daten einfach in einem oder auch in mehreren Charts zur Verfügung stellen, den Inhalt, die Story hinter den Daten, muss man sich dann selbst erarbeiten«, sagt Jan Schwochow. »Aber eben gerade bei komplexen Datenvisualisierungen braucht es Führung. Wir müssen die Charts erklären, eine Abfolge vorgeben und mit Animationen arbeiten – so dass der Leser zunächst die Fakten bekommt, dann eine Einordnung und am Ende schlau­er ist als vorher.«

Infografik-Seminar mit Jan Schwochow: Das PAGE Seminar »Infografik digital« richtet sich an alle Gestalter, die einen umfassenden Einstieg in zeitgemäßes Visual Storytelling benötigen.

Spiel mit Daten: Zu den Spezialitäten des Illustrators Bratislav Milenković aus Belgrad gehört es, komplexe Themen in schöne Bilder umzusetzen. In seinem freien Projekt »Sports Data« verwendete er fiktive Zahlen, um die Beziehung zwischen Daten und Sport im realen Leben zu veranschaulichen.

Gut, dass es bei diesen vielfältigen Aufgaben inzwischen eigens Studiengänge für Informationsdesign gibt. Christine Zimmermann und Barbara Hahn unterrichten seit etwa neun Jahren an verschiede­nen Hochschulen und in Unternehmen, sie beob­achten ein stark steigendes Interesse am Thema. »Das ist sehr gut so. Schließlich geht es nicht nur um die grafische Gestaltung der Daten, sondern auch um die mathematisch korrekte Umsetzung – und darum zu wissen, was man machen darf und was nicht, um die Daten nicht zu verfälschen.« Anders ausgedrückt: Gründliche Recherche und saubere, überlegte Darstellung statt Fake News.

Klare Botschaft: Eine gute Balance zwischen Information und Unterhaltung hält diese Grafik der Agentur Sapera (ehemals Infographics Group) für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Statt eines schlichten Balkendiagramms kommen mit einem Augenzwinkern stemmende Männer zum Einsatz. Darunter gibt es – schön knapp getextet – zusätzliche Infos. Wer es ganz genau wissen will, sieht alles im Diagramm ganz unten. Hier tauchen die roten Balken von oben wieder auf.
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