News Design made in Austria

Der Wiener »KURIER« ist vergangenen Monat in neuem Design erschienen. Stefan Knapp, Regionaldirektor der Society for News Design, sprach mit Creative Director Helge Schalk über das Redesign.



Bild Kurier Wien

Der Wiener »KURIER« ist vergangenen Monat in neuem Design erschienen. Stefan Knapp, Regionaldirektor der Society for News Design, sprach mit Creative Director Helge Schalk über das Redesign.

Der in Wien beheimatete KURIER ist im vergangenen Monat in neuem Design erschienen. Der neue Gesamtauftritt – Print und Digital – wurde einer kompletten Überarbeitung unterzogen. Der »Kurier« erscheint österreichweit sieben Tage die Woche und ist mit einer täglich verkauften Auflage (Montag bis Samstag) von rund 160.000 Exemplaren die zweitgrößte überregionale Tageszeitung des Landes.

Verantwortlich für die Neugestaltung des gesamten Print-Bereichs ist Creative Director Helge Schalk (38). Nach fast 13 Jahren bei der steirischen STYRIA Media Group, davon zehn Jahre als Art Director des renommierten Wiener Traditionsblattes »Die Presse«, geht Schalk nun seit zwei Jahren für den KURIER zu Werke.

Bild Helge Schalk

Bild: Helge Schalk, © Jeff Mangione, 2012

Stefan Knapp: Herr Schalk, was inspiriert Sie am neuen KURIER?

Helge Schalk: Generell ist es der journalistische Teil meiner Arbeit, der mich täglich aufs Neue herausfordert und inspiriert, auch wenn meine Werkzeuge nicht das geschriebene Wort, sondern die Macht der Typografie und die Kraft der Inszenierung sind. Am KURIER reizt mich vor allem die extreme Breite und Vielfalt unserer Leserschaft. Das ist für jeden Mediengestalter, speziell bei einer so umfassenden Neupositionierung und einer Zeitung von unserer Reichweite, eine echte Challenge.

Und wie würden Sie das Redesign des KURIER – auf den Punkt gebracht – beschreiben?

Klassisch, ausbalanciert, aber zugleich auch unorthodox.

Was meinen Sie damit genau?

»Klassisch«, auch konservativ, in dem Sinne, dass Lesefluss und Leserichtung in meiner Hierarchie immer an erster Stelle stehen. »Balanciert« ist es durch den unterschiedlichen Einsatz der Schriftschnitte in den Headlines. Das mag auf den ersten Blick aber auch »unorthodox« erscheinen und bricht sicher mit so mancher traditioneller Typografielehre. Auch unsere neuen zusätzlichen, »verkehrten« Ressort-Einstiege sind in Österreich sicher etwas ungewöhnlich.

Wie bitte? Verkehrte Ressort-Einstiege?
 
Alle Studien bestätigen, dass die Umschlagseiten der jeweiligen Bücher – beim KURIER sind es vier – neben den regulären Aufschlagseiten die attraktivsten Plätze einer Zeitung sind. Wir verwenden nun diese Seiten für einen echten Einstieg in bestimmte Ressorts. So konnten wir die Aufschlagseiten quasi verdoppeln und präsentieren auf all jenen genannten Seiten nun auch die relevantesten Geschichten des Tages der jeweiligen Ressorts. Beispielsweise beginnt unser Sport mit der Neugestaltung nun am Ende des zweiten Buches. Also verkehrt rum. Dasselbe Prinzip gilt für unser neues tägliches Ressort »Lebensart« am Ende des dritten Buches und das Ressort »Menschen«, das nun überhaupt neu auf unserer letzten Seite zu finden ist. Diese Umgruppierung ist, was ich von den bisherigen Reaktionen seitens unserer Leserinnen und Leser sagen kann, sicher auch jene, die am meisten polarisiert. Das muss also neu »gelernt« werden. Aber nur so ist es uns gelungen, in einer Vier-Buch-Variante die z. B. auch sehr beliebten Elemente wie Wetter, Horoskop, Rätsel, Veranstaltungen, Kino etc., welche bisher immer ein echter Wanderpokal waren, in der ebenfalls neu geschaffenen Sektion »Freizeit« –innerhalb des vierten Buches – kompakt zu bündeln. Wir haben uns also auch den gesamten Bereich, der generell unter Leser-Service läuft, groß auf unsere Fahnen geschrieben. Diesen Mehrwert, den eine Tageszeitung leisten kann, unterschätzen meiner Meinung nach sehr viele Medien.

Bild Kurier Wien

Bild: Eine Doppelseite aus dem neuen »Kurier«


Sie sprachen vorhin auch von einem ganz bewussten Bruch mit traditioneller Typografielehre in Ihrem Headline-Konzept. Könnten Sie das bitte ein wenig erläutern?

Tageszeitungen, speziell in unserem Papierformat, laufen häufig Gefahr, in der unteren Seitenhälfte »auszurinnen«, inhaltlich wie optisch. Der klare Hauptartikel erschlägt oft alle anderen, kleineren Elemente der Seite, welche dann oft überlesen werden. Daher habe ich für den Seitenaufmacher einen dünneren Schnitt gewählt und bei den kleineren, mittleren Artikeln der Seite einen fetten Schnitt, allerdings derselben Schrift-Familie. Weiters sind im »Keller« der Seite platzierte Elemente, wie Kolumnen und Kurzmeldungen, auch farblich sehr dominant gehalten, damit sich diese eben auch behaupten können. Die vorhin genannte Balance ist mir sehr wichtig. Diese soll im Endeffekt maximale Lesezeit generieren. Auch unsere Titelräume wurden mit dem Redesign deutlich größer, damit unsere Headlines aussagekräftiger werden. Auch das ist sicherlich total gegen den schon lang anhaltenden Trend des täglichen Magazins, der meiner Meinung nach gescheitert ist. Dieses Konzept ist in der Praxis mangels »magazinig« denkender Journalisten und des unmöglich finanzierbaren grafischen Aufwandes tagesaktuell einfach nicht durchzuhalten, aber viel wichtiger ist, die Leser wollen das wochentags auch gar nicht!

 
Und warum ist das so?

Leser verbringen täglich rund 20 bis 30 Minuten mit ihrer Zeitung und wollen in dieser beschränkten Zeit möglichst viel mitnehmen. Da braucht es keine Design-Orgien! Am Wochenende sieht das natürlich ganz anders aus. Dementsprechend werden unsere Wochenendausgaben auch optisch deutlich aufwendiger gestaltet. Wir haben hier auch mehr Panorama-Seiten zur Verfügung als unter der Woche. Da dürfen und sollen sich meine Teams auch richtig austoben.

Welche Rolle spielt das Design beim KURIER?

Design und Inhalt begegnen einander im KURIER auf Augenhöhe. Unsere besten Seiten entstehen häufig in Co-Produktion mit unseren sehr visuell denkenden Redakteuren. Aber Zeitungsdesign muss überwiegend im Hintergrund arbeiten. Keiner kauft den KURIER primär, weil dieser »schön« ist. Ich vertrete entschieden die »Inhalt-First-Philosophie«. Man kauft unsere möglichst exklusiven Inhalte, dass diese auch ansprechend gestaltet sein dürfen, ist klar. Sonst laufen wir Gefahr nur gestylte Mogelpackungen zu produzieren, und das ist leserseitig sicher nicht nachhaltig.

… und dieser Anspruch lässt sich jeden Tag umsetzen?

Weil mein Anspruch, auch an mich selbst, ständig wächst, werden wir diesem natürlich nur selten gerecht! Aber wie bereits vorhin erwähnt, denke ich, dass wochentags eine eher routinierte Gestaltung angemessen und auch völlig ausreichend ist: Exklusive Geschichten, beste Bilder und informative Grafiken. Da kann man teilweise durchaus mit guten Musterseiten eine erfolgreiche Zeitung produzieren. Tageszeitung hat viel mit Gewohnheit zu tun und, grafisch abgeleitet, vor allem mit der Wiederholung von gelernten Mustern. Wir müssen unsere Ressourcen daher für die wirklich aufwendig angelegten Wochenendausgaben und Beilagen bündeln. Die Wochenenden sind unsere auflagenstärksten und wichtigsten Lesetage mit den größten Reichweiten. Da muss unsere ganze Power rein, journalistisch und gestalterisch. Mit guter Planung geht das auch mit kleineren Teams.

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Bild Kurier Wien

Bitte ein paar Worte zu Ihrem Team. Wie viele Designer arbeiten mit Ihnen?

Ich bin verantwortlich für die gesamte Produktionsebene im KURIER – personaltechnisch für 27 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Da habe ich auch zahlreiche Managementaufgaben zu erfüllen. Mein gesamtes Team besteht aus 14 Layoutern, 7 Bildbearbeitern sowie 6 Infografikern, welche zum Teil auch bereits für den Online-Bereich Infografiken erstellen. Für jeden dieser Bereiche habe ich Stellvertreter installiert, sonst wäre das im Alltag nicht zu bewältigen. Meine Abteilungen produzieren alle Ausgaben der Tageszeitung und Beilagen sowie auch den stetig wachsenden Teil an bezahlten Werbebeilagen, die dem KURIER-Basislayout sehr nahe kommen, aber auch deutlich gekennzeichnet sind. Diese Häufung an Inserenten-seitig äußerst beliebten Advertorials ist sicher eine gewisse österreichische Eigenheit. Insgesamt stampfen meine Teams rund 33.000 Seiten pro Jahr aus dem Boden, also eine ganze Menge!

Wo sehen Sie den Schwerpunkt des KURIER? In Print, Web oder Mobile?

Der KURIER wollte sich mit diesem Relaunch vor allem als führende österreichische Marke im Vertrieb von journalistischen Inhalten positionieren. Für uns sind daher all unsere Plattformen, Vertriebskanäle und Submarken gleich relevant. Das Geschäftsmodell wird aber natürlich noch immer primär von Print getragen.

… und wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung (der gedruckten Zeitung) ein?

Die derzeitige Situation der Medienlandschaft, speziell in Österreich, ist in gewisser Weise paradox. Der KURIER verzeichnete beispielsweise in den letzten Ausweisungen der ÖAK (Anm.: Österreichische Auflagenkontrolle), sogar gegen den Trend, am Printsektor noch immer ein leichtes Wachstum. Auch die Abo-Dichte ist hierzulande mit 75 bis fast 90 Prozent seit Jahren sehr stabil, also extrem beruhigend und wahrscheinlich sogar weltmeisterlich. Schon aus diesen Gründen würde ich der gedruckten Zeitung auch noch ein sehr langes Leben voraussagen. Es gibt in Österreich keinen »Leser-Schwund-Tsunami«! Aber unsere Inserenten drängen massiv ins Web und verabschieden sich mehr und mehr von Print als Haupt-Werbeträger. Doch die Erlöse sind im Onlinebereich nicht dieselben – und das ist ein Riesenproblem. Auf lange Sicht wird so hochwertiger Journalismus, egal ob gedruckt oder digital publiziert, einfach nicht mehr finanzierbar sein. Und für »Copy-Paste«-Journalismus wird, auch zu Recht, kein Leser mehr zahlen wollen. Zu Ende gedacht, ist eine ausgedünnte, schwache Medienlandschaft auch ein enormer Schaden für die Grundpfeiler einer funktionierenden Demokratie, so wie ich diese zumindest verstehe.

Ich sehe unsere Branche derzeit in derselben Situation, in der die Musikindustrie noch vor einigen Jahren war, als das MP3-Format und Napster aufkamen. Und wie haben die die Kurve gekriegt? Sie haben erstens alle Internet-Tausch-Plattformen per Gesetz zudrehen lassen, deren User kriminalisiert und zweitens den iTunes Store erfunden und damit gleichzeitig auch den teuren Vertrieb weitgehend ausgeschaltet. Ein überlebenswichtiger Schachzug. Uns fehlt vor allem eine Art Kopier-Schutz für die von uns aufwendig produzierten Inhalte und auch das iTunes Store-Konzept hat sich bis dato nicht so einfach im großen Stil auf das Medienbusiness umlegen lassen. So lange also ein Großteil unserer exklusiven Inhalte gratis im Netz zu finden ist, wird auch niemand plötzlich dafür zahlen wollen. Kein relevanter Musiker, um bei diesem Beispiel zu bleiben, vor allem jener, der auch Geld verdienen will, stellt heutzutage seine Songs gratis ins Netz. Also was lernen wir daraus?

Den KURIER wird es bald nicht mehr kostenlos im Internet geben!?

Wir ziehen derzeit alles in Betracht und beteiligen uns intensiv an der weltweiten Suche nach dem Stein der Weisen.

Bild Kurier Wien

Bild: Der »Kurier« gedruckt und digital mobil

Alle digitalen Plattformen des KURIER wurden von der Berliner Agentur KircherBurkhardt gestaltet? Wie war die Zusammenarbeit mit Lukas Kircher und seinem Team?

Ich kenne Lukas nun schon seit einigen Jahren persönlich. Er war ja auch so wie ich zuerst bei der »Kleinen Zeitung« in Graz, dann Art Director bei der Tageszeitung »Die Presse« und anschließend auch beim KURIER, bevor er dann nach Deutschland ging und mit KircherBurkhardt eine wirklich beeindruckende Agentur aufgebaut hat. Ich habe Anfang dieses Jahres unseren neuen KURIER Online-Chef George Nimeh und Lukas an einen Tisch gebracht. Die Chemie hat bei den beiden sofort gestimmt, daher fiel die Wahl für unseren neuen digitalen Auftritt auch auf KircherBurkhardt.

Die neue Optik ist vor allem für mobile Endgeräte optimiert und daran ausgerichtet, da wir der Meinung sind, dass dieser Bereich die nächsten Jahre am digitalen Sektor auch dominieren wird. Alle Typografien und relevanten Gestaltungselemente hat KircherBurkhardt von meinen Print-Designs übernommen. So haben wir nun eine homogene Markenpräsenz auf all unseren Kanälen. Es ist derzeit sicher der konsequenteste Auftritt in Österreichs Medienlandschaft. Das war auch unser vorrangiges Ziel.

Herr Schalk, Sie sind einer der wichtigsten Designer in Österreich und haben durch Ihre professionelle Vielfältigkeit einen guten Überblick über das österreichische Zeitungsdesign. Was zeichnet österreichisches News Design aus? Gibt es ein typisch österreichisches Design – ein »Design made in Austria«?

Die österreichische Medienlandschaft ist seit Jahrzehnten recht überschaubar. Und es waren ja oft dieselben großen Namen, die mit Neugestaltungen beauftragt wurden. Deshalb findet man eventuell auch gewisse sich wiederholende Muster. Ich denke nicht, dass es ein echtes eigenständiges österreichisches News Design gibt. Österreich hat, auch aufgrund seiner geografischen Größe, schon immer über den Tellerrand geschaut. Wir verfolgen intensiv alle internationalen Strömungen und versuchen, die jeweils besten Konzepte auch für unsere Märkte zu adaptieren. Was Österreich vielleicht etwas eigenständig erscheinen lässt, sind sicher die zahlreichen klein- und mittelformatigen Print-Titel. Diese haben bei uns aber vor allem aufgrund der »Kleinen Zeitung« und der »Krone« schon eine lange Tradition. Diese Formate erfordern klarerweise auch einen anderen Design-Zugang. Vielleicht ist es das, was Österreich in gewisser Weise typisch erscheinen lässt.

Bild Kurier Wien

Abschließend möchte ich Ihnen noch eine Frage zum Thema Ausbildung stellen. Welche Voraussetzungen muss ein Designer mitbringen, der sich bei Ihnen um einen Job bewirbt?

Eine fundierte gestalterische Ausbildung ist die Basis. Beste Programmkenntnisse oder technische Fähigkeiten sind für mich eher zweitrangig – das lernt man ohnehin schneller und besser in der Praxis. Aber er muss vor allem multimedial journalistisch denkend veranlagt sein und eine gute Allgemeinbildung mitbringen. Das vermisse ich häufig. Und nochmals, wir »designen« keine Nachrichten, sondern wir bereiten diese optisch möglichst konsumentenfreundlich auf. Unser Beruf dient primär der Funktion. Das wird von jungen Grafikern oft verwechselt oder ganz falsch eingeschätzt.

Und eine allerletzte Frage: Was würden Sie gerne einmal gestalten?

Auf Österreich bezogen sicher nicht die »Kronen Zeitung«! Da haben sich schon ganz andere die Finger verbrannt. (Helge Schalk lacht.)

Herr Schalk, ich bedanke mich sehr für dieses Gespräch.

Das Interview mit Helge Schalk führte Stefan Knapp, Regionaldirektor der Society for News Design.


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2 Kommentare


  1. schrefel

    diese Aussage erinnert frappant an den Hr. Schirrmacher:
    “Doch die Erlöse sind im Onlinebereich nicht dieselben – und das ist ein Riesenproblem. Auf lange Sicht wird so hochwertiger Journalismus, egal ob gedruckt oder digital publiziert, einfach nicht mehr finanzierbar sein.”

    und diese ist schon sehr grenzwertig:
    “Sie haben erstens alle Internet-Tausch-Plattformen per Gesetz zudrehen lassen, deren User kriminalisiert und zweitens den iTunes Store erfunden und damit gleichzeitig auch den teuren Vertrieb weitgehend ausgeschaltet. Ein überlebenswichtiger Schachzug.”

    User kriminalisieren ist also überlebenswichtig, um mit digitalen Plattformen zurechtzukommen? Etwas mehr Kreativität von einem Kreativen bitte!!!

    2 passende Artikel zum Nachdenken über das Thema:
    http://www.indiskretionehrensache.de/2012/11/frank-schirrmacher/
    http://www.blog-cj.de/blog/2012/11/26/schirrmachers-mondfahrt/


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