»Es wäre zu flach, wenn es einfach nur schön wäre«

Mario Lombardo erzählt im Interview, wie sich die Bedeutung von Gestaltungstrends für ihn im Laufe seiner Karriere gewandelt hat – und warum Ästhetik nicht ohne Brüche funktioniert.



Mario Lombardo im Interview zu Trends & Ästhetik

Mario Lombardo zählt zu den wichtigsten Editorial-Design-Vorreitern, in Deutschland und international. Was er von Gestaltungstrends hält, wie wichtig sie für ihn sind – und was er sich für die Branche wünschen würde, berichtet er im Interview.

Mario, du hast als Artdirektor Magazine 
wie »SPEX«, »Sleek« oder »Liebling« wegweisend geprägt, etliche Designpreise gewonnen und wurdest als Visual Leader ausgezeichnet. Hast du eine bestimmte Definition von Ästhetik, die dich begleitet?
Mario Lombardo: Ich habe keine Definition von Ästhetik. Die Brüche sind das, was eine Arbeit interessant macht. Beispielsweise bei unseren Atelier-Oblique-Duftkerzen: Das Spannende ist das Unsichtbare. Die Kerzen enthalten ungewöhnliche Elemente, die man erst später riecht, wenn sie dann wirklich brennen. Genau so kommen bei mir auch im Grafikdesign immer wieder Brüche vor. Das sind Kleinigkeiten, die ich sehr bewusst einbaue, indem ich zum Beispiel mal ein paar Buchstaben anders setze. Es wäre zu flach, wenn es einfach nur schön wäre. Schöne Arbeiten kann jeder, dafür muss man nicht zu uns kommen.

Und welche Rolle spielen Gestaltungs
trends in deiner Arbeit?
Gar keine mehr. Früher waren sie sehr wichtig für mich. Als ich in den Neunzigern studierte, habe ich mich sehr am damaligen Stil orientiert. Das war nötig, um zu lernen, wie man sich mit bestimmten Themen auseinandersetzt. Während meines Studiums habe ich mein Geld für Magazine ausgegeben und immer geforscht, was passiert, wer fotografiert und so weiter. Die meisten Zeitschriften, die ich damals schon gut fand, etwa »i-D«, »self service« oder »Purple«, gibt es heute noch. Sie beschäftigen sich mit Trends, haben aber auch Heritage. Das finde ich in der Gestaltung wichtig: Man muss irgendwo herkommen und sich etwas aufbauen, man kann nicht einfach nur jedem Trend folgen.

Wenn ich etwas 
sehe, das wirklich neu ist, macht es mich glücklich, das passiert aber selten.

Wie schätzt du denn die aktuellen Gestaltungstrends ein?
Ich finde sie schrecklich. Nicht, wie sie aussehen, sondern dass man sich mit lauter kleinen Happen beschäftigt. Alles, was gerade geboren wird, ist morgen schon wieder tot. Es entsteht ganz viel parallel, es herrscht eine wahnsinnige Suche, was das nächste große Ding sein wird – aber das hat ebenfalls keinen Bestand. Wir erleben das auch mit Praktikanten: Sie bekommen ein riesiges Angebot an den Schulen, aber können sich zum Teil einfach nicht konzentrieren. Alles ist aufregend, man probiert vieles mal kurz aus – kann aber weder Typografie noch Editorial Design oder Buchgestaltung.

Sollten Kreative vielleicht lieber versuchen, Trends komplett zu ignorieren?
Es ist für jeden Gestalter gut, sich auf eine Sache zu konzentrieren, die er liebt. Wenn man sich nur mit Typografie, nur mit Farbe oder nur mit Editorial Design befasst und sich mit der Vergangenheit und der Zukunft der jeweiligen Sparte auseinandersetzt – dann kann man sich auch mit Trends beschäftigen. In diesem Zusammenhang finde ich sie super. Wenn ich etwas 
sehe, das wirklich neu ist, macht es mich glücklich, das passiert aber selten.

Ganz wichtig finde ich, dass Gestalter bewusster mit der Umwelt umgehen, mehr Verantwortung übernehmen, auf Ressourcen achten und auch an übermorgen denken.

Also doch?
Ich bin gespannt, wie es mit den neuen Technologien weitergeht, wann der nächste große Step kommt. Toll wären bewegliche 3D-Modelle, an denen man arbeitet, oder Hologramme, um Ideen anschaulicher darzustellen. Ganz wichtig finde ich, dass Gestalter bewusster mit der Umwelt umgehen, mehr Verantwortung übernehmen, auf Ressourcen achten und auch an übermorgen denken. Was alle beim Einkaufen verstanden haben: Lebensmittel können krank machen, also achten wir trotz des Mehraufwands gerne auf weniger Pestizide, weniger Plastik, Fleisch in Bioqualität und so weiter. Da müssen wir auch in der Gestaltung hin. Genau das Richtige machen, dann ist es vielleicht aufwendiger, aber vertretbar. Das wäre mein Lieblingstrend: Bewusstsein.


Das Interview stammt aus der Ausgabe PAGE 02.2018, in der wir uns intensiv mit den Themen Ästhetik und Gestaltungstrends befasst haben: Was gefällt wem – und warum? Die Ausgabe ist hier im Shop erhältlich.

Auch mit Ksenia Pogorelova, die sich beim Zukunftsinstitut täglich mit Trends beschäftigt, haben wir über das Thema gesprochen. Das Interview mit ihr ist hier zu lesen. 

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