Back to the Roots: Brutalistisches Webdesign

Entstanden als Gegenbewegung zum vorherrschenden Webdesign, kommt der Brutalismus-Trend gerade im Mainstream an. Doch was hat es mit diesem Trend eigentlich auf sich?



Längst ist der Webdesign-Trend Brutalismus im Bewusstsein der Designer angekommen, wird auf Blogs und in den sozialen Medien diskutiert. Brutalistisch, das sind all die trashigen, wilden, ungeschliffen wirkenden Seiten, die bewusst gegen die Regeln guter Gestaltung und des User Experience Designs verstoßen. Ob ganz karg oder extrem überfrachtet, sehen sie so aus, als seien sie noch nicht fertig geladen oder Überbleibsel aus den Anfängen des Internets. Der zugrunde liegende Code ist meist einfach und »handgemacht«. Dabei sind die Macher der Seiten gerade keine Stümper, sondern überwiegend professionelle Kreative – Developer, Webdesigner, Künstler –, die den Web-Brutalismus als Spielwiese nutzen. Das bewusste Außerachtlassen des eigenen Könnens geht nicht selten mit einem ironischen Augenzwinkern einher.

Die Anfänge des brutalistischen Webdesigns

2014 bemerkte Pascal Deville, Partner der Digitalagentur Freundliche Grüsse in Zürich, dass unabhängig voneinander überall auf der Welt Websites entstanden, die anders waren als die anderen, anders als der Mainstream und die sich – so unterschiedlich sie im Einzelnen waren – dennoch ähnelten: »Mir fiel auf, dass viele Designer Regeln bewusst brechen wollen und eine Antihaltung zum bewusst Schönen einnehmen«, berichtet Deville. Auf Brutalistwebsites.com gab er diesen Seiten ein Zuhause und dem Kind auch gleich einen Namen: Brutalismus – in Anlehnung an den roh anmutenden, betonlastigen Architekturstil der 1950er bis 1970er Jahre, der die nackte Konstruktion der Bauwerke in den Fokus rückte. Die Bezeichnung »Brutalismus« lag für Deville nahe, da er selbst aus der Architektur kam, bevor er in die digitale Welt wechselte. »Ähnlich diesem Architekturstil stellt Web-Brutalismus einen radikalen Gegenvorschlag zur Gefälligkeit und Angepasstheit des heutigen Webdesigns dar«, erklärt Deville.

»Brutalismus ist weniger eine visuelle Stilrichtung als vielmehr
 eine Haltung« Pascal Deville, Partner der Digitalagentur Freundliche Grüsse, Zürich

Der Begriff geht zurück auf das französische Wort »brut«, was übersetzt so viel wie »roh«, »grob« oder auch »unausgegoren« heißt und das Wesen des Brutalismus gut auf den Punkt bringt. Brutalistwebsites.com stieß schnell auf großes Interesse in der Webdesignszene und löste einen regelrechten Hype aus. Suchte Pascal Deville anfangs noch selbst nach brutalistisch anmutenden Webseiten, bekommt er inzwischen täglich Bewerbungen von Leuten, die mit ihren Webseiten bei ihm gelistet werden wollen. Deville sieht seine Plattform vor allem als Inspirationsquelle für junge Designer fernab vom Einheitsbrei der etablierten Portale: »Da es sich beim Brutalismus weniger um eine visuelle Stilrichtung handelt, sondern um eine Haltung, ist die Variation innerhalb der Sammlung entsprechend groß. Gemeinsam haben die Seiten aber alle, dass sie ein klares Statement setzen.« Ein Statement gegen etablierte Muster im Design und für den Mut zu experimentieren.

Brutalismus in der Markenkommunikation

Heute trifft der zunächst als (selbst)kritische Bewegung innerhalb des Webdesigns entstandene Brutalismus genau den Nerv der Zeit, in der die 1990er Jahre in Mode, Musik und Popkultur zurückgekehrt sind. Mit der Folge, dass nun auch große Marken wie Gucci oder Dropbox Webaufritte launchen, die Anleihen an den brutalistischen Stil machen.

Wie sich die Marken den Brutalismus in ihrer Kommunikation zunutze machen und ob das funktioniert, können Sie in PAGE 04.2018 nachlesen.

Zudem finden Sie hier eine Linkliste mit Verweisen zu brutalistischen Webseiten.


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