Designierter ADC-Präsident Heinrich Paravicini: »Es ist Zeit für mehr Selbstbewusstsein!«

Mutabor-Gründer Heinrich Paravicini wird der neue Präsident des Art Directors Club Deutschland. Wie er den Verein verändern will …



 

Foto: Sina Görtz

Ab dem 18. Oktober 2018 ist das ADC-Oberhaupt wieder ein Designer. Stephan Vogel – seit 2012 im Amt – übergibt das Präsidentenamt an Heinrich Paravicini,  Mitgründer und Geschäftsführer der Hamburger Design- und Brandingagentur Mutabor. Paravicini war maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich der ADC eine neue Corporate Identity verpasst hat – und sich inhaltlich neu aufstellt. Nun will er die Veränderung als Präsident aktiv vorantreiben. Wir fragten ihn, was er genau vor hat.


Ihr habt dem ADC eine neue Visual Identity verpasst – inklusive Manifest, das mit dem Image des Werberclubs aufräumen soll. Warum war das notwendig?

Heinrich Paravicini: Dem ADC hängt schon seit längerem der Ruf nach, ein Werber-Verband zu sein. Das entspricht aber überhaupt nicht den Tatsachen! Deshalb wollten wir die CI überarbeiten. Ursprünglich war nur ein optischer Relaunch geplant, hin zu einem edlerem, weniger marktschreierischem Erscheinungsbild. Aber es wurde schnell klar, dass wir tiefer einsteigen mussten. So entstand mehr als ein Corporate Design, mehr als Optik und schöne Worte. Wenn wir unser Manifest ernst meinen, müssen wir jetzt etwas tun. Und ich übernehme ab sofort als ADC-Präsident die Verantwortung dafür.

Wenn wir unser Manifest ernst meinen, müssen wir jetzt etwas tun.

Wie willst du das machen?

Ich komme aus dem Bereich Markenentwicklung und weiß, dass man ein Unternehmen nur von innen heraus verändern kann. Wenn ein Unternehmen – oder ein Verein – seine Identität nicht von innen heraus lebt, wird sie auch außen nicht wahrgenommen. Die Hälfte der rund 700 ADC-Mitglieder sind keine Werber. Es ist ein bunter Haufen aus Leuten, die in ihren jeweiligen Bereichen zu den Besten gehören – seien es Architekten, Designer, Filmemacher, Musiker, Journalisten, Illustratoren, Digitaldesigner, Fotografen et cetera. Wir sind ein Members Club und es muss nun darum gehen, allen Mitgliedern eine Stimme und eine Plattform zu geben.

Wie soll das konkret aussehen?

Zunächst bauen wir die ADC-Website zu einer Content-Plattform um. Hier stellen wir unsere Mitglieder vor – in Interviews, Features und Porträts. Dafür bauen wir eine Redaktion auf. Zudem überarbeiten wir die App hin zu einem mobilen Katalog, in dem man Mitglieder, Preisträger, Agenturen, Unternehmen und kreative Arbeiten findet. Im gleichen Zug verändert sich das Buch, das zukünftig mehr auf Themen und Meinungen fokussiert ist, denn einen Print-Katalog mit digitalen Arbeiten, Film und Ton braucht kein Mensch.

Und das Festival?

Auch das überarbeiten wir konzeptionell. Das geht nicht hauruckartig, aber 2019 werden die ersten Veränderungen zu sehen sein. Wir planen thematische Blöcke entsprechend den ADC Fachbereichen – also Design, Digital, Kommunikation im Raum, Werbung und so weiter. Wir wollen eine größere Bandbreite an Leuten ansprechen, die sich ihr Programm ihren Interessen entsprechend zusammenstellen können. Und wir wollen mehr Leute aus den eigenen Reihen auf die Bühne holen. Wir haben die 700 besten Kreativen in Deutschland – die haben etwas zu sagen!

Der Frauenanteil im ADC ist zu niedrig. Unsere Mitgliederstruktur bildet nicht die Branchenrealität ab.

Beim letzten Festival waren auch ganz schön wenig Frauen auf der Bühne.

Das ist tatsächlich ein grundsätzliches Thema beim ADC: Der Frauenanteil ist zu niedrig. Unsere Mitgliederstruktur bildet nicht die Branchenrealität ab. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass in der Vergangenheit das klassische Club-Wesen eher eine Männerdomäne war. Auch das ist ein Vorurteil, mit dem wir aufräumen wollen. Vor ein paar Jahren gab es die Initiative, dass ein Jahr lang nur Frauen aufgenommen werden sollten. Das halte ich nicht für den richtigen Weg. Ich glaube, Frauen kommen in den Club, wenn das Profil attraktiv ist. Und daran arbeiten wir. Immerhin hat sich der Frauenanteil in den letzten Jahren auf 20 Prozent erhöht.

Was ist mit den anderen Events, wie der Design und Digital Experience?

Die gesamte ADC-Eventlandschaft wird neu geordnet. Wir wollen die Satellitenevents mehr nach den jeweiligen Standorten ausrichten – entsprechend der kreativen Szene, die dort ansässig ist. In Stuttgart könnte das beispielsweise Kommunikation im Raum sein. Ziel ist es, irgendwann in jeder Stadt mit eigener ADC-Sektion ein eigenes Event zu veranstalten – das aber nicht in Konkurrenz zum großen Festival steht. Apropos Sektionen: Es gibt noch keine im Osten. Da muss dringend etwas passieren.

Es gibt noch keine ADC-Sektion im Osten. Da muss dringend etwas passieren.

Du sprichst in deinem Programm von den »4 K’s«. Was meinst du damit?

Zwei davon stecken in Kreative Kommunikation. Der ADC steht für Exzellenz in der Kreativität. Das werden wir künftig noch mehr nach außen tragen. Zudem geht es mir darum, unsere Kräfte zu bündeln. Wir konzentrieren uns zunächst auf das Festival als Leuchtturm der deutschen Kreativbranche. Außerdem müssen wir unsere wirtschaftliche Unabhängigkeit bewahren. Der Verein schreibt dank unserem Geschäftsführer Klaus Gräff schwarze Zahlen und so soll es auch bleiben. Wir sind nicht gewinnorientiert, aber unsere Veranstaltungen und sonstigen Aktivitäten müssen sich selbst tragen. Das heißt: lieber weniger Formate mit viel Power als viele Projekte, von denen die Hälfte ein Zuschussgeschäft ist.

Und das vierte K?

Das steht für Kultur – ein persönliches Anliegen von mir. Wir sind kein Verband von Marketern. Ich verstehe uns vielmehr als Kulturschaffende. Und deshalb müssen wir auch ins Feuilleton! Unsere Mitglieder können hier einen wertvollen Beitrag leisten – momentan zum Beispiel Hermann Vaske mit seinem Film »Why Are You Creative?«. Wenn auf allen Branchenevents über Bots, KI und Blockchain gesprochen wird – müssen wir das dann auch? Wir sind keine Online Marketing Rockstars oder die DMEXCO! Ich finde, wir sollten unsere eigenen Fragen stellen – etwa zu Themen wie Ästhetik, Inspiration und Gesellschaft.

In den letzten Jahren ging es dem ADC aber genau darum, die Unternehmen und das Marketing miteinzubeziehen, also eine Nähe zur Wirtschaft herzustellen.

Das ist auch weiterhin richtig. Aber wir müssen mehr Selbstbewusstsein entwickeln und eigene Schwerpunkte setzen. Die Entwicklungen der letzten Jahre waren folgerichtig, aber jetzt ist es Zeit für den nächsten Schritt.

Bekommst du innerhalb des ADC Gegenwind? Etwa von klassischen Werbern?

Hier möchte ich auf ein Zitat von Richard Jung hinweisen, unserem Jurychairman von 2018: »Letztlich sind wir alle Kommunikationsdesigner, weil wir Kommunikation gestalten.« Das gilt für alle Fachbereiche im ADC. Grabenkämpfe sind unnötig. Die Brücken sind längst gebaut – man muss nur drüber gehen. Der Wechsel des Präsidiumsvorsitzes von Stephan Vogel zu mir wurde gemeinsam und einhellig beschlossen – ganz ohne Gerangel. Ich möchte jetzt die Verantwortung dafür übernehmen, den ADC konsequent weiterzuentwickeln.


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