»Das Gros an IT-Fachleuten hat keine Designkompetenzen«

PAGE sprach mit dem Typografen, Gestalter und Frontend-Entwickler Jürgen Wössner. Seit zwei Jahren versucht er in der Schweiz den Ausbildungsberuf »Frontend-Entwickler« zu etablieren, denn es fehlt auch dort an IT-Fachkräften mit Gestaltungskompetenzen.



Seit rund zehn Jahren beschäftigt sich Jürgen Wössner aus der Sicht des Gestalters mit dem Thema Frontend-Entwicklung. Seit zwei Jahren versucht er zudem in der Schweiz einen neuen Ausbildungsberuf zum Frontend-Entwickler zu etablieren. Dazu ist er auch mit dem schweizer Berufsverband viscom im Gespräch, der die Ausbildungsinhalte regelmäßig aktualisiert. Wössner bezweifelt jedoch, dass die entsprechenden Lehrbetriebe den Bedarf der Arbeitgeber wirklich sehen: Seit mehr als zwei Jahren ist die Zahl der offenen Stellen als Frontender stabil dreimal so groß, wie die für Grafiker – um einen Beruf aus der Medienproduktion zu nennen. Fachkräfte sind also nicht nur hierzulande Mangelware.

Herr Wössner, wieso deckt die Ausbildung zum Interactive Media Designer den Bedarf an Frontend-Entwicklern nicht ab? Geht die Berufsausbildung am Bedarf vorbei?

Die Intertactive Media Designer sind noch jung. Als man den Beruf vor wenigen Jahren konzipierte, war in den Agenturen die Meinung verbreitet, Code zu schreiben sei bald passé mit all den Site-Buildern, die aus dem Boden schossen, wie Pilze. Oder man sah den Bedarf nicht, dass Frontender Gestaltungskompetenzen haben müssen oder es war okay, dass diese Arbeit quasi Semiautodidakten aus der Informatik machten. Die Berufsausbildung zum Intertactive Media Designer wird gerade überarbeitet und es besteht die Möglichkeit, sie so stark zu korrigieren, dass genügend Realisations-Arbeit, sprich Frontend, mit an Bord kommt. Theoretisch. Allerdings ist zu bezweifeln, dass der Anteil genug groß sein wird, um den Bedarf wirklich zu decken. Frontend-Entwicklung ist viel komplexer geworden. Tendenz zunehmend.

Wieso weicht die Ausbildung so stark vom Bedarf in der Praxis ab?

Mit meinem Engagement in dieser Sache habe ich festgestellt, dass es die Berufsbildung tatsächlich schwer hat, am Bedarf zu bleiben. Wenn wir die Bereiche Design/UX, Realisation/Frontend und Applikationsentwicklung ansehen, haben wir vier beteiligte Berufsverbände, welche ihre Ausbildungsinhalte nur alle fünf Jahre in Revision schicken. Die Verbände tun das nicht gleichzeitig, dafür mit einem nicht wegzudiplomatisierenden Konkurrenzdenken. Die Ausbildungen selbst dauern in der Regel vier Jahre. Der Bund schaut darauf, dass sich neue Berufe gut in die Landschaft einfügen. Da sind Unstimmigkeiten und zähes Vorankommen vorprogrammiert. Und natürlich sind die Ressourcen der Verbände begrenzt.

In der Schweiz überbrücken Mediamatiker, Informatiker, vereinzelt Poly­grafen und Grafiker, die sich selbstständig vertieft haben, die in der Grafik gezeigte Kluft. Niemand aus diesen vier Berufen hat ab Lehrabschluss eine ausreichend große Schnittmenge, sofern überhaupt eine vorhanden ist.

Wie stellen Sie sich die Berufsausbildung zum Frontend-Entwickler konkret vor?

Frontender können im Wesentlichen Websites bauen und veröffentlichen. Sie setzen um, was UX-Design, Interaction-Design und Content-Kreation ausgeheckt haben und verstehen deren Anliegen. Sie können Designs weiterinterpretieren und Alternativen liefern. Sie können Templates für CMS bauen, APIs konsumieren (Anm. d. Red. aufrufen) und für komplexere Webapplikationen mit Backendern eine Sprache sprechen. Sie sind fast so etwas wie Kunsthandwerker. Sie wissen, wie man in der Flut an Innovationen am Ball bleibt, ohne dabei auszubrennen oder kauzig zu werden. Einen Fähigkeitenkatalog habe ich auf Github skiziiert.

Wie stehen die Schweizer Design-, Kommunikations- und Digital-Agenturen zu dem Thema? Gibt es dort starke Fürsprecher für Ihr Anliegen?

Bisher fand ich es nicht so wichtig, ein Rückgrat aus der Praxis sichtbar zu machen. Nun habe ich beschlossen, Agenturen und Firmen um ideelle Unterstützung in Form von Logoplatzierungen anzufragen. Es kann aber noch eine Weile dauern, bis das sichtbar ist. Grundsätzlich sehen alle, mit denen ich bis jetzt gesprochen habe, die Notwendigkeit für Fachleute, die genau diese Lücke zwischen Design und Programmierung schließen und sie begrüßen das Engagement sehr. Das sind natürlich alles Leute, die in Agenturen sitzen und die Kommunikation mit den Programmierern anstrengend finden und gleichzeitig nur schwer neue Leute finden. Dass Frontend-Fachleute generell Mangelware sind, ist offensichtlich. Die Frage ist eher: reicht der Stoff für eine ganze Grundausbildung? Wenn Design-Kompetenzen dazu gehören, dann ja – davon bin ich überzeugt.

Und was meinen Sie? Brauchen wir in Deutschland auch einen Ausbildungsberuf zum Frontend-Entwickler? Schreiben Sie uns Ihre Meinung dazu gerne in die Kommentare.

Und mehr zum Thema »Modernisierung der Lehre«: Im Interview mit Marion Koppitz, Geschäftsführerin von i-pointing in München, gehen wir der Frage nach, ob die Ausbildung zum Mediengestalter hierzulande noch zeitgemäß ist.


Beitrag erstmalig erschienen am 18. September 2019


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