Fahrradstädte, Adbusting, Schönheitsbilder: Das war die see conference 2018!

Herrliches Wetter, super Atmosphäre und tolle Speaker: Die 13. see conference von Scholz & Volkmer machte Wiesbaden am Samstag zum Kreativen-Hotspot.



Ursprünglich als Konferenz für Datenvisualisierung gestartet, ist die see conference heute viel mehr und umspannt mit ihrem Programm diverse kreative Disziplinen und Themen. In diesem Jahr ging es neben Datenvisualisierung um Animation, Filmdesign, performativen Aktivismus, Adbusting, nachhaltige Architektur und neue urbane Konzepte.

Mit dem Schlachthof Wiesbaden hat Veranstalter Scholz & Volkmer die perfekte Location-Wahl getroffen, die die familiäre Atmosphäre sowie den alternativen und nachhaltigen Ansatz der Konferenz unterstützte. Bis hin zum Gläser-Spülen wurden alle Aufgaben von Mitarbeitern der Agentur übernommen. Das machte sich bemerkbar, unter anderem durch viel persönliche Motivation und einen sehr netten Umgang.

»Make driving cars a pain in the ass!«

Den Auftakt zur #see13 machte der dänische Stadtplaner Mikael Colville-Andersen, Gründer der Copenhagenize Design Company und Verfechter des Ansatzes, Großstädte fahrradfreundlicher zu machen. Damit rannte er bei den Wiesbadenern im Publikum offene Türen ein, denn die Stadt ist eine der fahrradunfreundlichsten Deutschlands – nach dem Copenhagenize-Index.

Er zeichnete die Entwicklung der Straßen vom demokratischen Raum hin zur Diktatur des Autos nach (»the greatest paradigm shift in city history«) und zeigte so einfache wie einleuchtende Lösungen auf – und natürlich Best Practices aus Kopenhagen. Er endete seinen Vortrag mit dem Aufruf, wir alle seien »Monument Builders« und sollten zur Veränderung unserer Städte aktiv beitragen.

»Data Visualisation versus Data Dramatisation«

Next up: Vera-Maria Glahn, Interaction Designerin und Mitgründerin des Londoner Designstudios Field.io, das seit kurzem auch einen Standort in Berlin hat. Das Studio vereint Kunst und Technologie und ist bekannt für kinetische Installationen, generatives Design und exploratives Bewegtbild. Statt der faktischen Darstellung von Daten steht bei Field die »Dramatisierung« von Daten im Mittelpunkt, die eher ein unterbewusstes Gefühl erzeugt als Informationen vermittelt.

Vera-Maria Glahn zeigte – zum ersten Mal auf großer Leinwand – den experimentellen Film »Hidden Layers«, der sich der Frage annähert, was Technologien wie Künstliche Intelligenz mit den Menschen machen – und was passiert, wenn sie nicht richtig funktionieren. Gestalter stünden heute vor der Herausforderung, neue Bilder und Metaphern für Technolgie zu finden: »Die Bildwelten aus den Matrix-Filmen haben ausgedient!«. Sie zeigte einige Beispiele einer neuen System-Ästhetik aus dem Hause Field – mit dem Hinweis, dass es sich dabei nur um eine Möglichkeit von vielen handelt. Letztlich müsse das Ziel sein, Technologie zugänglicher und verständlicher zu machen, um dem Nutzer seine Mündigkeit zurückzugeben.

»Architecture is a tool to improve lives«

Nach einer sonnigen und leckeren Mittagspause ging es weiter mit der Architektin Anna Heringer, bekannt für das Projekt METI Schule in Bangladesh – einem Gebäude aus Lehm und Bambus, das sie gemeinsam mit der Bevölkerung selbst baute. Auch ihre Hostels im chinesischen Baoxi (siehe Bild oben) machen Anleihen bei örtlichen Traditionen wie dem Korbflechten.

Bei ihren Projekten hat sie nicht nur die Nachhaltigkeit der Bauweise im Blick, sondern auch die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen vor Ort. Indem sie sie in die Projekte miteinbezieht und bei der Planung von Gebäuden auf ihre Bedürfnisse eingeht, entstehen Projekte, die weit über reine Architektur hinausgehen – beispielsweise die Fair-Fashion-Linie Didi Textiles, die ab 26. Mai hier bestellbar ist.

»We need to have a conversation about advertising«

Der spanische Künstler Vermibus brachte eine sehr kritische Note mit ein: Er ist ein bekannter Vertreter des Adbustings und versteht seine Arbeit als Antwort auf die unrealistischen Schönheitsvorstellungen der Werbeindustrie. Seine »Neu-Interpretationen« von Werbeplakaten sind faszinierend und verstörend zugleich und hängen mittlerweile in Galerien und Museen.

Vermibus stellte – übrigens ohne Maske – seine Projekte »No Ad Day« und »Unveiling Beauty« vor – und räumte ein, dass am Anfang seiner Aktivisten-Karriere durchaus auch der Wunsch nach Rache eine Rolle spielte. Denn ursprünglich war er Fotograf in der Werbung, bis er gefeuert wurde. Mittlerweile hat sich seine Arbeit und seine Motivation aber deutlich erweitert. Eine mutige Speaker-Wahl für eine Agentur, die im weitesten Sinne ja auch Werbung macht – ebenso wie viele aus dem Publikum.

»Production Design is more than aesthetics«

Ein Hauch von Hollywood wehte durch den Wiesbadener Schlachthof, als Production Designer Patrice Vermette die Bühne betrat. Anhand des Films »Arrival« zeigte er auf, welchen Einfluss Production Design auf einen Film haben kann. Ob ein Raumschiff rund oder oval ist, ob es steht oder schwebt, hat nicht nur ästhetische Auswirkungen, sondern betrifft die ganze Umsetzung verschiedener Szenen. Auch an der Entwicklung eines Sprachssystems, das in dem Film die entscheidende Rolle spielt, wirkte Vermette mit – die ausschlaggebende Idee kam von seiner Frau, die Malerin ist.

»Putting all the data out there is not telling a story«

Back to the roots: Datenjournalist Duncan Clark widmete sich dem Kernthema der see conference, der Datenvisualisierung. Er stellte verschiedene interaktive Projekte vor, die er mit seinem Londoner Designstudio Kiln umgesetzt hat, unter anderem für den »Guardian« und die WHO.

Sein neuestes Projekt: Das Online-Tool Flourish, mit dem jeder seine eigenen interaktiven Datenvisualisierungen gestalten kann. Anhand einer stetig wachsenden Template-Library soll die Software es jedem ermöglichen, Geschichten visuell mit Daten zu erzählen. Spannend!

»Bitte erheben Sie sich, wenn…«

Mit einer Datenerhebung im wahrsten Sinne des Wortes startete der Vortrag von Autor, Regisseur und Aktivist Stefan Kaegi, auf dessen Fragen hin das Publikum als Antwort aufstehen musste. So wurde etwa ersichtlich, dass zwar die Mehrheit schon mal ein Gesetz gebrochen hat, ein winziger Bruchteil aber schon mal in Haft war. Kaegi ist Mitgründer von Rimini Protokoll, einer Gruppe, die dokumentarische Theaterstücke, Hörspiele und Stadtrauminszenierungen macht – unter anderem mit interaktiven Aufführungen, bei denen eine Gruppe aus Teilnehmern, die statistisch genau die Bevölkerung der jeweiligen Stadt spiegeln, auf ähnliche Fragen »antwortet« wie wir bei der see conference.

Bei den Inszenierungn von Rimini Protokoll steht immer die menschliche Komponente im Vordergrund, die Themen erfahrbar und verständlich macht. So veranstaltete die Gruppe etwa eine »Weltklimakonferenz« im Schauspielhaus Hamburg, bei der Zuschauer aktiv als Delegierte mitarbeiteten. Und bei »Home Visit Europe« luden Menschen Gruppen in ihre Wohnungen ein, um über Europa zu sprechen.

»Jolly vaginas and penises«

Einen fulminanten Abschluss lieferte der Vortrag von Regisseurin und Animatorin Anna Ginsburg, die wunderbar offenherzig (und mit sehr sympathischem Londoner Akzent) von ihrem ersten Orgasmus berichtete – und wie ihr damals klar wurde, dass weibliche Masturbation im Gegensatz zur männlichen ein absolutes Tabu-Thema ist.

Viele Jahre später schlug sich diese Erfahrung in ihrem Film »Private Parts« nieder, den sie für »It’s Nice That« umsetzte. Zudem zeigte sie ihren tollen Film »What is Beauty«, über dessen Entstehung wir im Vorfeld der Konferenz mit ihr gesprochen hatten. Zum Abschluss zeigte sie eine kleine Animation aus Frauenbildern, die die Teilnehmer der Konferenz gezeichnet hatten. Fazit: Frauenkörper sind so vielfältig wie die Zeichenkünste von über 800 Konferenzbesuchern!

Und unser Fazit: Die see conference 2018 war eine rundum gelungene Veranstaltung, von der wir viel Inspiration, Energie und nette Gespräche mitnehmen. Bis zum nächsten Jahr!

Hier ein paar Einblicke in die diesjährige see conference:

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