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Designkritik: Ententanz am Elfmeterpunkt

In seiner Designkritik-Kolumne zeigt Johannes Erler an Robert Lewandowskis Elfmetertechnik, dass Fußball mehr mit guter Gestaltung zu tun hat, als man zunächst denkt.

Bild: Robert Grischek

Der perfekte Elfmeter geht angeblich so: Knapper Anlauf. Dann den Ball hart in eine der unteren Tor­ecken schieben, und zwar so spitzwinklig, dass er unhaltbar von innen auf das Seitennetz klatscht, weil selbst Torhüter mit größter Sprungkraft den Ball dort unten nicht erreichen können. Und ausgerechnet der operettenfußballverdächtige Christiano Ronaldo exerziert diese nüchternste aller Ausführungen meis­terhaft. Völlig unprätentiös haut er die Dinger seit Jahren unten rein.

Wäre diese Art Elfmeter eine Schrifttype, hieße sie Helvetica: klassisch, kühl, zweckmäßig. Der deut­lich spektakulärere Schuss in den Winkel wäre vielleicht eine kraftvolle Egyptienne. Und was Fußballkünstler wie Panenka, Pirlo oder Messi seit Jahrzehnten zelebrieren, wenn sie den Ball halb hoch in die Mitte des Tores schlenzen, während die Torhüter ins Nirwana hechten, wäre eine Didot: fein ziseliert und wunderschön arrogant.

Tja, und dann gibt es noch die Zapf Chancery ­unter den Elfern. Und die hat ausgerechnet Robert Lewandowski erfunden, aktueller Weltfußballer und einer der sichersten Elfmeterschützen überhaupt. Aber die Ausführung seines Strafstoßes ist von grotesker Hässlichkeit, ein eklektizistisches Mashup unterschiedlichster Stile, vereint zu einem wirren Anlauftänzchen, in dessen Folge der Ball zwar meis­tens im Tor landet, aber der schaurig-schönen Dramaturgie eines fachgerecht exekutierten Elfmeters jede Würde raubt.

Anstatt nämlich das Ding einfach reinzumachen, baut sich Lewandowski erst mal breitbeinig am Sech­zehner auf, macht dann zwei ulkige Hüpfer nach links, läuft an, kommt kurz auf die Spitze zum Trippeln, läuft weiter, um schließlich die Schussbewegung direkt vor dem Ball dramatisch einzufrieren – und dann doch zu schießen. Er macht das seit Jahren. Immer dieselbe, alberne Choreographie mit zu vielen Schlenkern, Schnörkeln und Stoppern.

»Anstatt es bei einer eleganten Geste zu belassen, türmt Lewandowski das Beste aus allen Anlaufwelten zu einem Designmonster aufeinander«

Was aber denkt sich dieser ohne Zweifel begnadete Fußballspieler wohl dabei? Vielleicht dies?

Hirn. Maximal viel Firlefanz vor dem Schuss sorgt für maximale Verwirrung beim Torwart. Das stimmt vielleicht, hilft offenbar auch (Lewandowskis Treffer­quote liegt bei weit über 80 Prozent) und sieht trotzdem schlimm aus. Vor allem aber werde ich den Verdacht nicht los, dass sich Lewandowski mit seinem Elfer-Ententanz einen Signature Move wie andere Fußball-Giganten (Ronaldinhos Elastico, Zidanes Roulette, Robbens Cut Inside) zulegen wollte. Eine Bewegung also, die den Fans für immer in Erinnerung bleibt. Anstatt es jedoch bei einer eleganten Geste zu belassen, türmt Lewandowski das Beste aus allen Anlaufwelten zu einem Designmonster aufein­ander. Zu kompliziert. Less is more!

Hand. Mal ehrlich: Was stimmt denn eigentlich nicht mit der Zapf Chancery? Genau. Es sind ihre viel zu markanten Einzelformen, die sich nur schwer zu lesbaren Wörtern setzen lassen. Genauso verhält es sich auch mit Lewandowskis Anlauf-Equipment: Jedes Teil für sich betrachtet macht vielleicht Sinn, aber hintereinander geschnitten wirkt es wie ein post­modernes Material-Fiasko, nur zusammengehalten von Lewandowskis tadelloser Motorik. Die meisten von uns lägen bei diesen Schrittfolgen näm­lich schnell auf der Nase. Und so betrachtet geht die Sache zumindest handwerklich in Ordnung, bleibt jedoch höchstens kunstgewerblich. Kunst geht anders. Und gutem Design sieht man nie an, wie mühsam es zu fertigen war.

Herz. Ich liebe Fußball. Ich liebe Design. Beides ist klar und schnörkellos am besten. Charakter, Hal­tung und Tricks gehören natürlich dazu, müssen ­jedoch sparsam und überraschend eingesetzt werden. Nur so wird es spannend. Wer immer wieder dasselbe macht, langweilt. Wer sich damit in den Vordergrund spielt, nervt.

In diesem Sinne ist Robert Lewandowski zwar ein großer Fußballer, aber ein lausiger Gestalter seines Elfmeter-Anlaufs. Er stört damit den Gesamteindruck des zweifellos schönen Bayern-Spiels, und was er sich da zusammengeschustert hat, ist polnisch-bayerisches Cross-over, statt coolem International Football Style. Dabei möchte er wahrscheinlich genau dorthin. Wer sagt es ihm?

PS: Immerhin einen offiziellen Fanboy hat Lewan­dowski: Der Hertha-BSC-Stürmer Krzysztof Piatek kopierte jüngst sein Vorbild eins zu eins, vom Hüpfer über den Trippler bis zum Stopper – und ­ver­­schoss kläglich. Lewandowski dürfte das gefreut haben. So bleibt er bis auf Weiteres der Einzige, der diesen Blödsinn erfolgreich zu Ende bringt.

Johannes Erler, Gründer von Bureau Johannes Erler in Hamburg, ist Mitglied im Art Directors Club Deutschland, Juror in zahlreichen Designjurys und Autor von Büchern über Design.

PDF-Download: PAGE 04.2021

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