Von Häkelhunden und »Isle of Dogs«: Pictoplasma 2019

Klar, dass die 15. Pictoplasma bis auf den letzten Platz ausverkauft war. Die Speaker, Workshops und Ausstellungen boten ein Best-of an Inspiration.



Auch auf dem 15. Pictoplasma Festival, das seit 2004 in Berlin, und immer wieder auch in New York, die spannendsten Character Designer, Illustratoren, 3D-Artists, Grafik- und Gamedesigner zusammenbringt, herrschte Zeitnot, weil einfach zu viel gleichzeitig passierte, bei dem man eigentlich unbedingt dabei sein wollte.

Geht man also zur Konferenz, den Workshops, Ausstellungen, Screenings, Performances oder Parties mit jeder Menge Austausch?

Wir haben uns auf die Ausstellungen und vor allem auf die Konferenz konzentriert. Und dort nahm immer mal jemand vor uns Platz, der entweder gerade aus dem Workshop der Ägypterin dina Amin kam, die Elektro- und anderen Schrott auseinander nimmt und in Stopp-Trick-Figuren verwandelt, oder mit Denis und Cristina von Twee Muizen Masken gebastelt hat oder mit Cabeza Patata (Abb. oben) gestickt hatte.

Körpersprache und Emotionen

Auf der Festivalbühne hingegen erzählte Laurie Rowan, der auch das Erscheinungsbild der Pictoplasma 19  gestaltete, was für eine Rolle sein Körper in seiner Arbeit spielt. Testete er eine Zeit lang als Stand-up-Comedian mit Bärenmaske die Interaktion zwischen Macher und Publikum, wird sein Körper heute per Motion Tracking zum Material und zum Character. »In Körper umgewandelte Emotionen« nennt Laurie Rowan seine Arbeit, die zudem von dem Balzverhalten von Vögeln und auch von Oskar Schlemmers triadischem Ballett inspiriert ist.

Parallel Teeth, der mit Rehen und Schafen in der Einöde Neuseelands aufgewuchs und immer wieder dorthin zurückkehrt, nennt seine Videos für den Sänger Merk, seine App für Pull & Bear, die Tourplakate, Sticker und Projektionen, die er macht Visual Music. Und mit ihr hat er es bis auf die spektakuläre Fassade der Oper in Sidney geschafft, wo seine Arbeiten überlebensgroß flackerten. Besonders interessant war es auch, dass er die Grafik-Tabellen zeigte, mit denen er seine Musikvideos komponiert (siehe Bildergalerie). »Ich möchte etwas schaffen, das in der realen Welt nicht existiert, sagt Parallel Teeth und erklärte, dass er dafür nur seine Augen schließen müsse und dann Dinge sehe.

Sehr persönlich wurde es, als die Game-Entwicklerin Claudia Geppert erzählte, wie ihr Spiel »Sea of Solitude« entstand – in einer Zeit der persönlichen Krise und während einer Beziehung mit einem depressiven Lebenspartner, der manchmal wortlos für Wochen verschwand. Das Game, das sich mit der Balance zwischen Einsamkeit und dem Alleine sein beschäftigt, wird im Sommer erscheinen und wurde bereits in der New York Times, Variety und Los Angeles Times gefeiert.

Geister und Models

Spannend und unique sind auch die von Geistern bevölkerten Illustrationen, Animationen und Spiele von Elenor Kopka, die ganz ohne Farben auskommen und die frechen Stopp-Trick-Time von Philippa Rice, in denen gehäkelte Hunde, Teddys und andere Wesen ihr Unwesen treiben und die mit ihrem Comic »Soppy« zum #1 New York Times Bestseller wurde.

Das Cabeza Patata mit ihren 3D-Animationen, die eigensinnige Fashion-Models zeigen und gegen Stereotypen aufbegehren, bald ebenfalls ein Bestseller werden, ist abzusehen. Jetzt schon arbeiten die beiden für Goole, Apple und internationale Magazine und switchen gekonnt zwischen 3D und Stickerei, Murals, Stoffprints und Illustrationen.

Von Spiderman zu Isle of Dogs – und Enough

Am letzten und dritten Tag ging es auf der Festival-Bühne erst einmal um Filme. Und um was für welche! Unter großem Applaus stellte Justin K. Thompson sein Produktionsdesign für »Spider-Man: Into the Spider-Verse« vor, einem Animationsfilm, der Anfang des Jahres zeigte, was man bisher noch nicht gesehen hatte: Eine Spiderman-Welt, die alte Comicbook-Ästhetik mit moderner Animationstechnik verbindet. Thompson erzählte, wie dafür spezielle Programme geschrieben wurden, um live und in 3D zu zeichnen, mit Linien, Farben und Schattierungen zu arbeiten.

Félicie Haymoz hingegen, eine Schweizerin in New York, entwickelte erst die Character für Wes Andersons Stopptrick-Juwel »Fantastic Mr. Fox« und designte anschließend die Figuren für »Isle of Dogs«. In ihrer engen Zusammenarbeit wurde klar, wie akribisch Wes Anderson auf jedes noch so kleine Detail achtet und eine Vorstellung davon hat. Kein leichtes Arbeiten, aber für Haymoz dennoch ein Traum. Erst Recht weil sie nach  »Fantastic Mr. Fox« dachte, das wäre jetzt der Höhepunkt ihrer Karriere gewesen und so gar nicht damit gerechnet hatte, dass Wes Anderson noch einen Animationsfilm macht.

Umwerfend auch die Stop-Motion-Arbeiten der Schwedin Anna Mantzaris, die ebenfalls an »Isle of Dogs« mitarbeitete, vor allem aber eigene gefeierte Filme macht. Ihr bekanntester, vielfach preisgekrönt und ein Muss, wenn man mal wieder die Nase voll von allem hat, ist »Enough« in dem Filzfiguren – mit allzu langen Schlagen, zu lautem Telefonieren, mit dröger Arbeit und dem Leben an sich.

Die einzigartige Laura Callaghan

In der PAGE haben wir über die irische Illustratorin Laura Callaghan berichtet, über ihre von Details überbordenden Bestandsaufnahmen der modernen Großstadtwelt und auch über ihren gewagten Katalog für das Schmucklabel Saskia Dietz.
Auf der Pictoplasma erzählte sie, wie Angst sie gleich auf mehreren Ebenen antreibt. Schon in ihren ersten Arbeiten, die inspiriert vom Horror-Genre und dessen Können waren, wirklich unerwartete Momente zu schaffen. Später übersetzte sie die sieben Todsünden in moderne Alltagsszenerien und verarbeitet in ihren aktuellen »One Shot Narratives«, wie sie ihre Arbeiten so treffend nennt, Sorgen, die sich um den Klimawandel und die eigenen Finanzen drehen und darum, dass es heute einfach nicht mehr die Sicherheiten der Eltern gibt. Ihre jungen Frauen bangen, die Wohnung zu verlieren und mit 30 zurück nach Hause ziehen zu müssen und sind  gebeutelt von Jobverlust und finanziellen Unsicherheiten.
»Was kann Angst einflößender sein als die Realität?«, fragt sie zum Schluss.

Zum 15. Jubiläum hier die fünf Lieblingsfilme der Pictoplasma-Macher Lars Denicke und Peter Thaler aus den letzten fünf Jahren.

 


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