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Live, aufregend und voller Ideen: die Pictoplasma 2021

Die diesjährige Pictoplasma war eine große Freude mit spannenden Designer:innen aus aller Welt, vielen Neuentdeckungen und interessanten Einblicken wie andere Kreative die Pandemie bisher verbracht haben.

Endlich wieder! Nicht, dass die Pictoplasma in Isolation im letzten Jahr nicht toll war. Ganz im Gegenteil. Mit zuvor aufgezeichneten Filmen, die in die Studios und Wohnzimmer von Designer:innen weltweit führten, zu ihren Animationen, Illustrationen und ihrer Kunst, mit einigen Gästen, die live im Berliner Pictoplasma Studio waren und dem Song »Ooh Child«, der einen nach vielen inspirierenden Stunden wieder hinaus ins Leben geleitete, war sie eine der schönsten Konferenzen, die ins Internet ausweichen mussten.

Das Pictoplasma-Studio war damals schon im Silent Green aufgebaut, jetzt fand die gesamte Conference on Character Design and Art erstmals dort statt: In einem ehemaligen Krematorium im Berliner Wedding mit einem wunderbaren Garten, Laubengängen und gläsernen Workshop-Studios, einer achteckigen Trauerhalle in der in diesem Jahr die Pictoplasma-Flaggen wehten, die in einem Wettbewerb ausgewählt wurden – und mit einem großen Veranstaltungsraum wo einst die  Feuerbestattungen waren.

An diesem Wochenende (27.-29.8.) flimmerten dort Animationsfilme über die Leinwand und stellten Kreative ihre Arbeiten vor, 2- und 3D-Illustrationen und Animationen, Grafik- und Fashiondesign, Stopptrick, Netflix-Shows, Comics und Character Design.

Pictoplasma-Beflaggung im Silent Green – sogar mit Live-Trompetern beim Umflaggen

Auftakt mit Esra Gülmen

Der Ton der Konferenz wurde bereits mit Esra Gülmen gesetzt, die Freitag Mittag den Anfang machte. Die Artdirektorin, die bis vor kurzem in der Berliner Agentur Heimat arbeitete und dort für so wunderbare Kampagne wie Bloomy Days verantwortlich war. Mittlerweile ist sie zu Ovilgy zurückgekehrt und schilderte in ihrem Talk, wie sie neben ihrer Arbeit in der Werbung Zeit für eigene Projekte findet.

Weil ihre Kolleg:innen nahezu stündlich zu einer Rauchpause aufbrachen und sie, völlig genervt davon, irgendwann ausrechnete, dass diese so einen Tag weniger im Monat arbeiteten als sie, begann Esra Gülmen anstatt vor die Tür zu gehen, jeden Tag eine Illustration anzufertigen. Heute stellt sie ihre Arbeiten international aus, gerade mit der Galerie König in Bodrum. Gleichzeitig ist ihre Kunst aber auch eine Art Selbsttherapie.

Ihre zumeist schwarzweißen Zeichnungen mit kräftigen Outlines und oft stark auf Typografie konzentriert, kreisen um die alltägliche Melancholie, um Ängste – und um Vorurteile, die sie mit der Serie »Don’t I look turkish?« auf den Punkt brachte – Merchandise inklusive für alle, die ähnlich fühlten.

Esra Gülmen stellt sich auf der Pictoplasma vor

Auch Yuk Fun aus dem britischen Brighton bezogen Position. Das Gestalter-Paar, eigentlich bekannt für launige Tiere und selbst bedruckte Modekollektionen, die in kompletter Eigenregie, zu zweit und zu Hause entstehen wo entworfen, gedruckt und geschneidert wird entstehen, erzählte, warum es im letzten Jahr aus ihrer fantasiereichen Komfortzone ausbrach.

Das war als Lucy Cheung von Yuk Fun, die chinesische Wurzeln hat, nach Ausbruch der Pandemie plötzlich Angst bekam, auf die Straße zu gehen. Da haben die beiden eine »Stop Asian Hate« Kampagne gestaltet und online Talks zu initiiert.

Das Duo kann auch anders: »Stop Asian Hate« von Yuk Fun

Body-Neutralität in 3D

Die polnische Illustratorin Luiza Kwiatkowska hat auf die Straßen von Warschau geführt und zu den Protesten gegen Menschenrechtsverletzungen und das neue und rigorose polnische Abtreibungsrecht und auch Loulou João war da und hat ihr Alter Ego Miss Fockett vorgestellt.

Diese tanzt, swingt und stöckelt durch ihre ganz eigenen knallbunten 3D-Welten, die in Blender entstehen und um Joao’s Identity als eine »mixed african woman« kreisen, wie die Belgierin sich selber nennt. Und die mit Miss Fockett zudem für Body Neutralität wirbt. Nicht zu verwechseln mit Body Positivity, die laut João in Zeiten von Zoom und Fachfiltern längst einen »toxic turn« genommen hat. Stattdessen steht Body Neutrality dafür, dass es einfach keine Rolle spielt, wie ein Körper aussieht.

I’m not your bunny: Luiza Kwiatkowska für weibliche Selbstbetimmung
Die Bonbonwelten in denen Loulou Joao von Identität und Body Neutrality erzählt

Besonders aufregend ist immer wieder, dass die Pictoplasma auch dahin schaut wo andere Blicke nicht hinwandern und es beeindruckende Neuentdeckungen gibt.

Dazu gehören in diesem Jahr die Arbeiten des thailändischen Künstlers und Illustrators Baphoboy. Wie einige andere Artists, führte er erst in einem Film durch sein Werk und wurde dann zum Q & A dazugeschaltet.

Seine Arbeiten sind »berührend, bestürzend und clever«: Mit einem breiten lachenden Mund, den er seinen Figuren is Gesicht malt, prangert er die brutale Realität hinter dem Klischee, Thailand sei ein »Land des Lächelns« an.

Seine Illustrationen, Collagen und Mixed Media Arbeiten zeigen, wie brutal die Aufstände gegen die Monarchie niedergeschlagen wurden. Zu sehen sind blutige, niedergeknüppelte Demonstrationen, Menschen, die aufgeknüpft an Bäumen hängen, Leichenberge und alle sind sie versehen mit diesem grotesk lachenden Mund.

Gleichzeitig ist das lachende Gesicht für Baphoboy eine Aufforderung, der Bewegung zu folgen, die sich gegen das Unrechtsregime auflehnt. Ganz wie er selbst, wenn er bei Demonstrationen politische Performances aufführt oder seine Arbeiten in den Social Media teilt.

Seine Kunst drücke etwas aus, was in Thailand nicht ausgesprochen werden darf. Einer Verhaftung ist er bisher entgangen. Er bewege sich wohl in einer Grauzone sagte er auf Nachfrage aus dem Publikum und habe wohl einfach bislang Glück gehabt.

Baohoboy: Gleich mehrfache Unterdrückung – lächelnd entgegen genommen

Ein Geister Club und kleinste Freunde

Die Pandemie mit ihren Lockdowns, beengten Arbeitsverhältnissen und der großen Einsamkeit, zog sich ebenfalls durch die Talks. Die Animationskünstlerin Elisabeth Ito verbrachte diese Zeit in ihrer Heimat Los Angeles mit Mann und zwei Kindern in einem sonnendurchfluteten Apartment ohne Rückzugsmöglichkeiten, ohne direkten Austausch mit ihrem Team und umgeben von sich rapide ausbreitenden Topfpflanzen. Ihr Bruder hatte ihr zum Geburtstag ein Abo geschenkt, bei dem zwei pro Monat geliefert werden. Sehr süß sei das gewesen, sagt Ito, aber es seien eben auch sehr viele Pflanzen.

Umgeben von ihnen auf Regalen, Schreibtischen und Schränken, arbeitete sie in der Hochphase ihrer Netflix-Erfolgsshow »City of Ghosts«, die man sich unbedingt ansehen sollte, falls man sie noch nicht kennt. Ito zeigt darin eine neue Qualität von Animation – und das auf einem Niveau für Erwachsene.

Timothy Winchester hingegen zeichnete gegen die Panik, die während der Londoner Lockdowns immer wieder in ihm aufstieg, mit Unmengen von Webcomics an. Er beschwor, wie seine Freundschaften ihn während der Pandemie aufrecht hielten und stellte gleich zahlreiche aus seiner Illustratoren:innen-Clique vor. Bekannt für seinen schwulen Dinosaurier Toby, für eine Prinzessin, die sich in einen Augapfel verwandelt oder eine Toastscheibe mit Ninja-Skills, ist nicht umsonst in den letzten eineinhalb Jahren die Reihe »Littlest Friends« entstanden.

Umwerfende Details

Felix Colgrave war direkt aus seinem Lockdown in Tasmania, Australien zugeschaltet und führte in einem Film durch seine Arbeit, der selbst wie ein kleines Kunstwerk war. Mit braunbeigen Seventies-Tapeten im Hintergrund, wunderbar trockenen Humor und in so vielen augenzwinkernden Details, von denen auch seine Animationen leben. Colgrave lädt sie alle auf YouTube hoch, hat fast 1.5 Millionen Abonnenten und mitunter 57 Millionen Views.

Und man könnte immer weiter machen. Denn bevor die Pictoplasma am Sonntag mit der französischen Illustratorin Aurélia Durand endete und damit, wie sie ihre afrikanischen Wurzeln in ihrer Arbeit zelebriert, gab es insgesamt 19 Talks und dazu Lectures, Diskussionen, Workshops, eine Ausstellung. Und vor allem auch ein Come together. Auf der Wiese, den Bänken und einer Insel auf der man seine Arbeit präsentieren konnte, in den Laubengängen oder im Café.

Nachdem die isländische Textildesignerin Ýrúrarí ihre gehäkelten Gesichtsmasken mit Zahnspangen und Vampirzähnen vorstellte und ihre upgecycelten Pullover mit Gesichtern, mit Zungentaschen, die sich rausstrecken, mit Augen, Zähnen, Brustwarzen oder Senf-Streifen, entstand in ihrem Workshop »Turn a Sweater into a friend« gleich eine ganze Kollektion an Pullovern. Mit Yuk Fun konnte man Pappmaché-Köpfe bauen, während gleich daneben die »Character Messengers« hängen, die gemeinsam mit Esra Gülmen entstanden.

Auf der Pictoplasma Ausstellung: Character Pullover von Ýrúrarí
Flinkes Filzen: Was im Workshop von Ýrúrarí entstand

Jetzt kann man schon mal anfangen, sich auf den September zu freuen. Wenn am 17. und 18. ein Pictoplasma Online Fest stattfindet – mit vielen Artists Talks und auch denen, die man jetzt live verpasst hat, mit Diskussionen, Animationen und Live Workshops.

Dabei sein werden Baphoboy, Gemma Correll, Kissi Ussuki und auch Cabeza Patata aus Barcelona/London mit ihren diversen, klugen und ausgelassenen 3D-Characters.

 

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