Illustratoren, die man kennen sollte: Tom Seidmann-Freud

Die verrückte und dramatisch endende Lebensgeschichte einer Illustratorin der 1920er Jahre, die gerade wiederentdeckt wird …



Die Originale ihrer Bücher sind gefragte Sammlerstücke und kosten Tausende Euro. Auf der Dokumenta 2017 waren sie im neuen Museum Grimmwelt in Kassel zu sehen, wo es um die düsteren Seiten von Märchen ging. Wie bei »Das Buch der Hasengeschichten«, erschienen 1924. Der harmlose Name täuscht, die Märchen aus aller Welt (vor allem Afrika) sind teils verstörend.

Auch das Leben von Tom Seidmann-Freud endete tragisch, doch nicht etwa, weil sie als Jüdin den Nazis zum Opfer fiel. Geboren wurde sie 1892 als Marta Gertrud Freud, ihr Onkel war der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud. Mit 15 Jahren nahm sie den Namen Tom an und trug gelegentlich Männerkleidung. Sie studierte Kunst und Illustration in London und Berlin, lebte in Münchner Künstlerkreisen und war – wie Zeitzeugen berichten – eine echte, kettenrauchende Bohemienne.

 

1921 heiratete Freud in Berlin den Schriftsteller und Verleger Jankew Seidmann, mit dem sie eine Tochter bekam und den Peregrin-Verlag gründete. Dort erschien 1923 »Die Fischreise«, gewidmet ihrem ein Jahr zuvor ertrunkenen jüngeren Bruder Theodor. Es beschreibt die traumhafte Reise eines Jungen und eines überdimensionalen Fisches in ein utopisches Land, das sozialistisch-zionistische Anklänge hat. Wobei Jungen und Mädchen in Seidmann-Freuds Büchern oft kaum zu unterscheiden sind. Die Neue Sachlichkeit inspirierte ihren unverwechselbaren Stil aus fast geometrischen, mit Tusche gezeichneten Umrissen, die in den Büchern per Hand in Schablonentechnik mit Wasserfarben koloriert wurden.

Mit der Weltwirtschaftskrise geriet das Paar in finanzielle Not, Jankew Seidmann nahm sich 1929 in einer Kurzschlussreaktion das Leben. Vier Monate später wählte auch die Illustratorin mit nur 37 Jahren den Freitod. Ihr Abschiedsbrief liegt nun einer neuen Ausgabe des lange vergriffenen »Buch der Hasengeschichten« bei. Der frühere »Stern«-Fotograf Werner Bokelberg aus Hamburg entdeckte das Buch auf einer Auktion und verliebte sich so in die Illustrationen, dass er im März 2017 eine Neuauflage veröffentlichte, die im Nu vergriffen war. Die zweite Auflage umfasst nun 2000 Exemplare.

 

Auch ein weiteres Buch von Tom Seidmann-Freud gibt es wieder, und zwar die vom Philosophen Walter Benjamin wegen seines innovativen Ansatzes hochgelobte und auch nach 1945 noch beliebte Spielfibel »Hurra, wir lesen! Hurra, wir schreiben« von 1930. Das Buch, das ein halbes Jahr nach dem Tod der Zeichnerin zu einem der fünfzig schönsten deutschen Bücher gewählt wurde, ist beim Verlag Walde Graf zu haben.

In PAGE 12.2017 stellen wir übrigens weitere spannende Illustratoren des 20. Jahrhunderts vor, die in Vergessenheit zu geraten drohen.

 

Tom Seidmann-Freud: Buch der Hasengeschichten.
Ein Kinderbuch-Klassiker der 1920er Jahre mit 12 illustrierten Hasengeschichten (auch für Erwachsene)
Zweite Neuauflage, zweites und drittes Tausend
Fadengeheftet, ergänzt durch einen persönlichen Brief von Tom Seidmann-Freud
26 Euro
ISBN 978-3-00-056025-5
Neu aufgelegt von Bokelberg.com

 

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