Gerade ist Fatih Akins »Geister« in die Kinos gekommen, ein eindrucksvolles, junges und umwerfend zeitgemäßes Drama, das von Liebe, Tod und von Versöhnung erzählt. Wie passend, dass es gleichzeitig als Graphic Novel erscheint. Und als was für eine!
Von Anfang an hat Fatih Akin bei der Entstehung von »Geister« an eine Graphic Novel gedacht. Schon allein seine Storyboards glichen einer.
Gleichzeitig passt die Übersetzung in eine Graphic Novel auch zu der Geschichte, in der erst die Liebe und dann der Tod in das Leben von jungen Menschen crasht:
Gerade erst haben Farasha und Faris sich in einem Club hoch über den Dächern von Hamburg kennengelernt, im Fernsehturm und dem Himmel ganz nah – und als er sie und ihre Freundin nach Hause fährt, kommt ihnen ein Laster entgegen und das Auto stürzt in die Elbe.
Farasha ertrinkt und begegnet Faris fortan in seinen Träumen, 40 Nächte lang kann sie das und daraus entwickelt sich eine so unfassbar schöne wie traurige Liebesgeschichte, die von Trauer, von Akzeptanz und vom Loslassen erzählt. Und vor allem auch von Versöhnung. Mit sich selbst, dem Schicksal und miteinander.
Schon die Filmbilder von »Geister« selbst lassen an die Sprache von Graphic Novels denken: die zahlreichen Close-ups und die Körpersprache.
Doch bevor die Dreharbeiten überhaupt begannen, hatte Fatih Akin bereits beim Carlsen Verlag angeklopft, um seine Idee zu unterbreiten, dass aus dem Drehbuch, das er gemeinsam mit der Autorin Ruth Toma geschrieben hatte, eine Graphic Novel entsteht.
Der Verlag war begeistert und schlug für die Umsetzung die Illustratorin und Comiczeichnerin Bea Davies vor, die mit ihrer Graphic Novel »Super-GAU« Furore machte, in der sie von der Fukushima-Katastrophe und verschiedenen Schicksalen, die damit verbunden sind, erzählt.
Auch, wenn es in der Comicwelt viele Adaptionen gibt, ob von Filmen oder Romanen, war das Projekt dennoch ungewöhnlich, sagt die Illustratorin und Comic-Künstlerin Bea Davies.
Denn Film und Comic entstanden gleichzeitig. Und so adaptiert die Graphic Novel den Film nicht, sondern hat sich parallel selbst entwickelt.
Viel Zeit hatte Fatih Akin während der Dreharbeiten nicht, aber er hielt Bea Davies auf dem Laufenden, wenn die Geschichte sich im Laufe des Shootings veränderte.
Gleichzeitig bekam Bea Davies Rohschnittfassungen des Films, um ein Gefühl für die Orte, die Figuren und den Bildschnitt zu bekommen. Und hat anschließend für jede der Personen ein Moodboard erstellt, um sie möglichst gut einzufangen.
So entstand eine Graphic Novel, die die großen Gefühle der Leinwand aufs Papier übersetzt und Farasha und Faris in feinen Linien aufleben lassen und das in Bildern, die sich übereinanderlegen, in Schwarz-Weiß und ganz konzentriert auf das, was in ihnen vorgeht.
Die vom Schrecken erzählen und ins Jenseits führen und in den Himmel über Hamburg abheben. Dabei bleiben sie immer nah an den realistischen Bildern des Films selbst und sind gleichzeitig und auf ganz eigene Weise von intensiven Emotionen durchzogen.
Dabei habe Bea Davies sich auch davon inspirieren lassen, wie Gefühle in Mangas visualisiert werden. Aber nur ganz dezent, wie sie selbst sagt. Umso schöner ist es, wenn Augen und Sterne funkeln, es glitzert und der Schmetterling, der so viel über Farasha erzählt, aufleuchtet.
Bea Davies: Geister. Nach einem Film von Fatih Akin, Carlsen Verlag, 224 Seiten, schwarzweiß und farbig, deutsch, 20 Euro. ISBN 978-3-551-81022-9