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Das sind die aktuellen Bildtrends

Wir stecken in einer Phase radikalen Umbruchs – und neue Zeiten brauchen neue Bilder. Von Blurred Lines bis Digital Humans: Hier sind die aktuellen Trends.

Es ist verrückt, was wir gerade erleben. Eine Pandemie stellt elementare Gewissheiten infrage. Gleich­zeitig sorgt ein Digitalisierungsschub inklusive KI-Boom dafür, dass immer öfter Realität wird, was ges­tern noch Science-Fiction schien. Kein Wunder, dass all dies sich auch in einem Wandel der Bildsprachen niederschlägt.

Besonders deutlich wird das in der Illustration, die in den letzten Jahren ja riesige Bedeutung gewann. Fast durchweg waren farbenfrohe, fröhlich stimmen­de und plakativ vereinfachte Formen zu sehen, die rein vom Look her in die »ZEIT« ebenso gut passten wie in ein modernes Kinderbuch. Diese Art von ­Bildern ist keineswegs »out«, sondern – im Gegenteil – erfreulicherweise im Mainstream von Design und Marketing angekommen. Wo zeitgeistigere Visuals gefragt sind, lässt sich jedoch eine Hinwendung zu erwachseneren Ästhetiken beobachten, die weniger heile Welt transportieren und größere Anforderungen an die Betrachtenden stellen.

Was sich bei verschiedenen Visual Artists ganz unterschiedlich niederschlägt. Statt visueller Vereinfachung und Stilisierung wagen die einen mehr Komplexität und Vielschichtigkeit. Andere legen es darauf an, mit scheinbar einfachen Mitteln bewusst Reibung zu erzeugen. »Die runtergebrochenen, mög­lichst neutral gehaltenen Figuren in der Illustration der letzten Jahre haben einen guten Grund«, so ­Moriz Oberberger, helfen sie doch, »ein möglichst breites Spektrum an Menschen abzubilden und diese auch weniger geschlechtsspezifisch darzustellen«. Dabei sei aber ein wenig der »Charakter« verlorengegangen, der fürs Innehalten sorgt. Wie Oberberger selbst das in seinen Zeichnungen löst, ist auf hier zu sehen. Unser Fazit vorweg: Insgesamt heißt es künftig, wieder genauer hinzuschauen!

Anna Niedhart malt aktuell oft blurry: ob beim Bild hier mit Wasserfarben oder (wie ganz oben) auf dem iPad mit Sketch

Bildtrend: Blurred Lines

Woran liegt es, dass aktuell so häufig diffuse Looks zu sehen sind? Eine naheliegende (vielleicht zu offen­kundige?) Erklärung wäre das unbestimmte Bild, das unsere Zukunft in Corona-Zeiten abgibt. Die alt­ge­wohnte Planbarkeit hat sich plötzlich in Luft auf­gelöst. »Das Verschwommene passt in unsere Zeit. Nichts ist eindeutig, alles im ungefähren Bereich der Komplexitäten, die Zukunft offen«, meint jeden­falls auch Anna Niedhart. Gleichzeitig mag sie die Leichtigkeit des Verschwimmens, »das Sich-im-Zufall-Verlieren, das kontrollierte Loslassen beim Zeichnen mit Wasserfarbe, iPad oder iPhone«. Dieser Flow sei bei Letzteren etwas weniger spontan, weil der Kopf beim Einstellen von Stiftdruck und Zeichenspitze immer mitarbeiten müsse. Aber auch im Digitalen »zeigen geblurrte, transluzente Zeichnun­gen alle Striche und Arbeitsschritte, sie verbergen nichts, lassen Interpretationsspielraum und machen neugierig, das Bild länger zu betrachten«.

»Das Verschwommene passt in unsere Zeit. Nichts ist eindeutig, alles im ungefähren Bereich der Komplexitäten, die Zukunft offen«

Anna Niedhart

»Little Alchemy« nannte Johanna Müller das digitale Triptychon, aus dem drei verschiedene Cover fürs Kulturmagazin »Coucou« aus Winterthur wurden. Die Illustratorin zeichnet oft Räume oder Landschaften, die nicht ganz verortbar sind – hier mit der Maus in Photoshop und einem Rauschfilter
Den verschrobenen McCloudy zeichnete Mathis Burmeister vektorbasiert, wobei er die einzelnen Ebenen reichlich mit dem »Gaußschen Weichzeichner« bearbeitete und zum Teil 3D-Effekte hinzufügte. Die Neonstreifen am Kopf stammen aus Fotos von Neonröhren
Lukas Weidinger weckt Interesse an den Details – hier mit einer Zeichnung, die er dem Leipziger Comic- und Fanzine-Shop Uganda Maszage Books widmete

Bildtrend: Ambivalent differenziert

Plakativ-reduziert sollten Illustrationen in den letzten Jahren sein, bloß nicht zu kompliziert. In gewissem Maße galt das sogar für opulentere Stile wie die Wimmelbildästhetik, die mit flächigen bunten Formen arbeitete, oder Bilder, die in comicartigen Arrangements ganze Geschichten erzählen. Um so erfrischender, mal wieder »richtige« detailreiche Zeich­nungen zu sehen, wie bei Lukas Weidinger.

Vielleicht kein Zufall, dass jemandem mit einem derart ins Detail gehenden Zeichenstil Menschen mit allzu de­zidierter Meinung suspekt sind, derweil er »Ambivalenz und ­differenzierendes Abwägen näher an der Wahrheit« sieht?

Auf große konzeptuelle Hintergedanken möchte der in Leipzig lebende Österreicher sich nicht festlegen lassen. Den nach wie vor dominierenden Hang zur illustrativen Reduktion sieht er jedoch durchaus auch kritisch im Kontext »kurzer Aufmerksamkeits­spannen, der Sehnsucht nach einfachen Botschaften und der daraus zum Teil resultierenden Polarisierung im Diskurs«. Vielleicht kein Zufall, dass jeman­dem mit einem derart ins Detail gehenden Zeichenstil Menschen mit allzu dezidierter Meinung suspekt sind, derweil er »Ambivalenz und differenzierendes Abwägen näher an der Wahrheit« sieht? Eine Überlegung, über die es sich auch gestalterisch nach­zudenken lohnt.

Formen, Fotos, Videos oder Farbig­keiten von Blumen sind oft Ausgangspunkt für die generativen Strukturen, die Visual Artist PPPANIK mit TouchDesigner erzeugt

Bildtrend: Strukturbilder

Warum sieht man derzeit so häufig strukturale Bildwelten, mal mehr, mal weniger abstrakt? Die Gründe sind vielfältig. Der Blick aufs große Ganze ist es bei den Plattencovern von Henning Ramke fürs däni­sche Trio WhoMadeWho. »Der Bandname brachte mich zu den Schöpfungsfragen: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Ist unsere Zeit auf der Erde gezählt? Und welcher Planet ist als Nächstes dran?«, so der Designer. Er setzte NASA-Satellitenfotos ein, beim Cover rechts eine Multispektralaufnahme in Falschfarben. »Der Füllmodus der Typo nimmt die Struktur auf, invertiert oder kontrastiert sie. Bild ver­bindet sich mit Schrift, Struktur mit Zeichen.«

Elektronische Musik hat ohnehin eine quasi natür­liche Verwandtschaft mit Strukturbildern – tatsäch­lich entstehen diese ja selbst oft auf elektroni­schem Wege. Ausgiebig experimentiert die junge Münch­ner Designerin Julia Ballmann alias PPPANIK mit generativen Strukturen, erstellt mit TouchDesigner. Ihre Kreationen lassen sich am besten auf Instagram unter @pppanik bewundern. Über Patreon – und teils auch YouTube – teilt sie ihr Wissen in TouchDesigner-­Tutorials, stellt aber auch Cinema-4D-Animations-Set-ups, 3D-Modelle, Schriften, Bild- und Videomaterial bereit. Eine Einladung, selbst strukturell aktiv zu werden.

»Melt in my heated hands« heißt einer der Tracks auf dem Album »Zoom« von DJ und Producerin upsammy aus Amsterdam. Fürs Cover fotografierte sie ein Stück Gletschereis
Wunderbare Fotos, die uns das Putzen mit neuen Augen betrachten lassen, schoss der Berliner Fotograf Ruben Riermeier beim Dreh zu dem von der Agentur Antoni konzipierten und von Reprodukt produzierten Spot für Kärchers akkubetriebenen Window Vac
Für die Dance-Tracks von WhoMadeWho gestaltete Henning Ramke für Pierre Beckers Designstudio Ta-Trung in Berlin eine Reihe von Covern mit Satelliten­aufnahmen. In trippy Verzerrungen finden sie sich in Social-Media-Clips wieder

Ein bisschen Eskapismus muss hin und wieder gerade sein, finden Obby & Jappari – wie hier bei Illustrationen für »ZEIT Campus«

Bildtrend: Kleine Fluchten

Der Liebe war die letzte Ausgabe von »ZEIT Campus« gewidmet. Für die Illustrationen zur Coverstory wählte das Frankfurter Studio Obby & Jappari eine »romantisierte, verträumte, märchenhafte und kitschige Ästhetik« – inspiriert von Airbrush-Künst­ler:innen der Eighties wie Mal Watson, Syd Brak oder Masao Saito, der die Idee fürs Spiegeleierherz anregte. Der Eskapismus, der anklingt, kommt nicht von ungefähr. Jan Lichte, Artdirektor von »ZEIT Campus«, sieht die Illus stilistisch beim Vaporwave der 2010er Jahre, der sich »einer romantischen Verklärung von 80er- und 90er-Jahre-Konsum verschrie­ben hat. In unserer von Corona- und Klimakrise verunsicherten Zeit berühren uns nostalgische Ästheti­ken, weil sie ein Gefühl von Kontrolle und wohli­ger Erinnerung an gute Zeiten geben.« Wir stimmen zu! Wem geht beim Betrachten solcher (mit feiner Ironie gemischter) Bilder nicht das Herz auf?

»In unserer von Corona- und Klimakrise verunsicherten Zeit berühren uns nostalgische Ästhetiken, weil sie ein Gefühl von Kontrolle und wohliger Erinnerung an gute Zeiten geben«

Jan Lichte

Bildtrend: Neue Unbefangenheit

Ganz out sind einfach gekritzelte Illustrationen nie, aber von dem Boom, den sie ums Jahr 2010 mit dem genialen David Shrigley als Galionsfigur erlebten, war wenig übrig geblieben. Zum Glück, denn damals hatte sich ein gewisser Kritzelüberdruss eingestellt … Jetzt kommen sie zurück, die Zeichnungen im »Automatikmodus«, wie Moriz Oberberger es nennt – allerdings in weniger spitz-gewitzter Form. »Mich fasziniert, wie unvoreingenommen Kinder zeichnen, die noch ohne gelernte Techniken wild drauflosmalen, ohne viel nachzudenken, und so direktere, ehrli­che­re und unerwartete Ergebnisse hervorbringen.« Der in Amsterdam lebende Designer, der sich nach dem Abschluss am Werkplaats Typografie stärker in Richtung Illustration, Zeichnung, Animation und freie Kunst bewegt, sucht selbst nach Methoden, um wieder einen freieren Zugang zum Zeichnen zu finden. Übrigens ein Anliegen, das er mit aktuell viel beachteten jungen Malern wie Andi Fischer oder Conny Maier teilt, die wohl ebenfalls den Ballast ­allzu vieler schon gesehener Bildwelten abzuschütteln versuchen.

So reizvoll auch futuristische Kunstfiguren gerade wirken mögen – die Zukunft stellt sich ambivalenter dar: Zwischen echt und künstlich werden wir kaum noch unterscheiden können.

Wie bei Kindern können Oberbergers Figuren auch mal absurd, grotesk oder sogar hässlich werden. Uns gefällt das gut, etwa bei den ausdrucksvollen Illustrationen und Animationen, die der von Oliver Schwamkrug gestalteten Website des vietnamesischen Restaurants Chi-Thu in München ihren besonderen Charakter geben.

Im Flow mit einem dicken digitalen Bleistift zeichnete Moriz Oberberger in Procreate Menschen, die asiatisches Essen genießen
Rapperin Doja Cat auf dem Cover der High-Fashion-Postille »V«: Digital Artist Jason Ebeyer gestaltete eine Aufnahme von Starfotograf Steven Klein gründlich um

Bildtrend: Digital Humans

Schon geraume Zeit dauert der Hype um den Glossy- oder Plastic-Look an. Mit Face-Filtern verwandelt er Menschen von heute in solche von morgen oder präsentiert uns unter dem Hashtag #newfuturism hochglanzpolierte Visionen des Transhumanismus, der die ja doch noch recht unzulängliche Menschheit technisch endlich zu perfektionieren verspricht … Die Repräsentanz H+ Creative aus Los Angeles setz­te früh auf diesen visuellen Trend und vertritt 3D-Artists wie Fvckrender (337k Follower auf Instagram) oder Jason Ebeyer (93k). Beide finden ihre Kundschaft vor allem bei Fashionlabels, haben aber auch NFTs als Erlösquelle entdeckt. In der Kryptokunst ist bekanntlich alles angesagt, was glänzt und sich bewegt.

So reizvoll die futuristischen Kunstfiguren gerade wirken mögen – die Zukunft stellt sich ambivalen­ter dar: Zwischen echt und künstlich werden wir kaum noch unterscheiden können. Kürzlich hat Unreal ­eine Early-Access-Version von MetaHuman Creator vorgestellt. Die Cloud-basierte App will die bislang höchst aufwendige und kostspielige Produktion authentisch wirkender 3D-Menschen auf weniger als eine Stunde verkürzen. Das funktioniert ähnlich wie beim Avatare-Erstellen in Spielen: Aus einer Library wählt man einen Basis-Character, den man innerhalb vorgegebener Authentizitätsparameter sukzessive verfeinert. Die 3D-Daten lassen sich downloaden, weiterbearbeiten und nach Belieben mit Motion-Capture-Animationen verbinden.

Johnny Kangasniemi inszenierte in einer Fotostrecke fürs avantgardistische Magazin »King Kong« ein Verwirrspiel von digital und analog: Ein Online-Avatar erscheintplötzlich als Roboterpuppe Ava im realen Leben. Sieht nach echter Maschine aus – aber Kangasniemi ist ein Meister im Mix von Fotografie und 3D. Ava entstand digital
Unreals neue App MetaHuman Creator macht die Kreation täuschend echter menschlicher 3D-Figuren für jeden möglich
PDF-Download: PAGE 07.2021

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