Business Perspectives: Steffen Granz, ECD bei der Markenagentur Mutabor, spricht über Peer-to-peer-Learning. Er sagt, dass kollaboratives Lernen ein Multiplikator ist.
Steffen Granz ist ECD bei Mutabor, einer der größten unabhängigen deutschen Markenagenturen mit internationaler Reputation
Wer heute als Brand Designer:in arbeitet, hat mehr Werkzeuge zur Hand als je zuvor. Figma hat kollaboratives Arbeiten zum Standard gemacht, Canva die Templatisierung, generative KI die visuelle Ideenfindung. Standalone-Tools konsolidieren, das jüngste Beispiel: Figma Weave. Drei Fragen stellen sich für Kreativschaffende unweigerlich: Wie behalte ich den Überblick über Tools und Workflows? Was davon brauche ich tatsächlich? Und: Wie lerne ich neue Skills? Die ersten beiden Fragen sind individuell zu beantworten. Die dritte ist strukturell lösbar. Und darum geht es hier.
Die Zukunft gehört den Generalist-Specialists
Hilfreich ist dabei ein Kompetenzprofil, das in der Designbranche längst angekommen ist, aber selten konsequent zu Ende gedacht wird: das T-shaped-Profil. Eine T-shaped Person verfügt über tiefes Fachwissen in einer Spezialdisziplin und gleichzeitig über die breite Wissensbasis eines Generalisten. Im Kontext der Agenturarbeit bedeutet das: Nicht alle müssen alles gleich gut können, aber alle müssen anschlussfähig sein. Das X-shaped-Profil führt diesen Gedanken weiter: Menschen, die tief und breit kompetent sind und zugleich andere um eine Vision versammeln und Wissen in die Organisation zurücktragen können. Sie sind keine Manager im klassischen Sinne, sondern Katalysatoren und die natürlichen Träger eines selbstverstärkenden Lernsystems.
Kollaboration ist eine strategische Organisationsfrage – keine persönliche Tugend
Es gehört zu den hartnäckigsten Missverständnissen der modernen Arbeitswelt, Kollaboration als individuellen Soft Skill zu behandeln. Kollaboration ist in Wahrheit eine strategische Organisationsfrage: Sie setzt voraus, dass eine Organisation aktiv die Bedingungen schafft, unter denen Menschen mit komplementären Kompetenzen aufeinandertreffen und ein strukturelles Interesse daran haben, voneinander zu lernen. Aber, und das ist der entscheidende Einwand gegen die übliche Erzählung, Kollaboration erzeugt keine Exzellenz. Sie verstärkt, was bereits vorhanden ist. Wenn alle nichts an den Tisch bringen, bleibt das Ergebnis genau das: der Durchschnitt von nichts. Kollaboratives Lernen ist ein Multiplikator. Es potenziert, was da ist. Und wo wenig da ist, potenziert es wenig.
»Kollaboratives Lernen ist ein Multiplikator: Es verstärkt, was bereits vorhanden ist«
Was P2P-Lernen von Frontalschulung und Autodidaktik unterscheidet
Frontalschulung skaliert Wissen ohne Tiefe: Der Lernende bleibt Empfänger. Autodidaktik erzeugt Tiefe ohne Transfer: Das erarbeitete Können bleibt oft an die Person gebunden. Peer-to-peer-Lernen verbindet beides, allerdings nur unter einer Bedingung: Die Beteiligten müssen substanzielles Wissen oder Können einbringen. Das Scheitern vieler kollaborativer Lernformate liegt genau hier. Sie werden als Ersatz für individuelle Kompetenzentwicklung konzipiert, nicht als deren Verlängerung. Das Ergebnis ist soziale Aktivität mit dem Schein von Lernen.
Der Multiplikator funktioniert nur mit Substanz
Nach 18 Hackathons und 169 Teilnehmenden innerhalb von neun Monaten hat sich bei Mutabor eine klare Erkenntnis herauskristallisiert: Unser Peer-to-peer-Lernformat selbst ist nicht die Leistung. Die Leistung ist die Architektur der Bedingungen, unter denen es stattfindet. Fünf Prinzipien haben sich als nicht verhandelbar erwiesen:
Kollaboration ist eine strategische Organisationsfrage: Zeit, Raum und Ressourcen müssen aktiv bereitgestellt werden. Wer P2P-Lernen in die Lücken des Arbeitsalltags schiebt, bekommt Lückenfüller, keine Lernkultur.
Kuratierte Heterogenität schlägt demokratische Gleichheit: Mindestens eine Person muss tieferes Wissen besitzen als die anderen, nicht als Lehrer:in, sondern als Gravitationszentrum.
Vorbereitung ist die Eintrittsbedingung: Wer ohne substanzielle Fragestellung kommt, nimmt, ohne zu geben.
Reflexionsfähigkeit ist eine eigenständige Kompetenz: Wer sich nicht beobachten kann, kann sich nicht entwickeln.
Einzelarbeit und Peer-Austausch sind ein System: Wer nie allein tief in ein Thema geht, hat im Kollektiv nichts einzubringen. Wer nie den Austausch sucht, bleibt in seinen eigenen blinden Flecken.
Das selbstverstärkende System
Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, entsteht ein Kreislauf: Individuelle Vorbereitung führt zu Peer-Austausch, dieser zu Reflexion, Reflexion zu Weitergabe in den Arbeitsalltag. Der nächste Austausch beginnt auf höherem Niveau.
Der X-shaped Typus ist der natürliche Träger dieses Systems, nicht weil er am meisten weiß, sondern weil er gelernt hat, wie Lernen selbst funktioniert. Die Frage, die sich Organisationen stellen müssen, ist: Wie schaffen wir die Bedingungen, unter denen Menschen mit komplementären Tiefen regelmäßig aufeinandertreffen, mit einem strukturellen Interesse daran, voneinander zu lernen?
Das ist eine Designaufgabe, die nicht mit dem Format beginnt, sondern mit der Entscheidung, individuelle Exzellenz als Voraussetzung ernst zu nehmen. Die nächste Generation kreativer Tools wird den Werkzeugkasten weiter vergrößern. Der Wettbewerbsvorteil der Zukunft entsteht nicht allein durch den Technologiezugang, sondern durch die Fähigkeit, Lernumgebungen anzupassen.
Dieser Text erschien zuerst in der PAGE-Ausgabe 03.2026:
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