Diese beiden Kommunikationsdesigner:innen haben dem Golfsport eine visuelle Identität verpasst, die man sonst eher aus dem Fußball kennt.
Frech, laut, selbstbewusst: »Fore« bricht mit dem braven Golfimage und inszeniert den Sport neu. Vom Merch bis zur Typografie ist bei diesem Branding alles konsequent gestaltet. Es fordert Konventionen heraus und legt visuell neue Spielregeln fest. Schade, dass es sich dabei nicht um eine reale Marke handelt.
TH Augsburg. Golf ist geschniegelt, traditionsverliebt, teuer – und visuell meist erstaunlich brav. Dass es auch anders geht, zeigt »Fore«, ein Markenprojekt von Joshua Fritsch und Amelie Kallup. Die beiden Kommunikationsdesigner:innen haben dem Golfsport eine visuelle Identität verpasst, die man sonst eher aus dem Fußball kennt: laut, emotional und direkt. Entstanden ist die Arbeit bereits während ihres Kommunikationsdesignstudiums in Augsburg. Dass sie heute vielfach ausgezeichnet wird, hätten beide damals nicht erwartet.
Die Aufgabenstellung war zunächst denkbar offen: Gestaltet werden sollte ein Sportverein, Sportart frei wählbar. Während viele Kommiliton:innen auf ein Rebranding bestehender Clubs setzten, entschieden sich Fritsch und Kallup bewusst für einen radikalen Neuanfang. »Wir wollten kein Redesign, sondern ein eigenes System entwickeln«, sagt Amelie Kallup. Golf bot dafür die perfekte Reibungsfläche: ein Sport mit klaren Codes, starken Bildern und viel ungenutztem gestalterischem Potenzial. Die zentrale Frage: Was passiert, wenn man Golf so inszeniert, wie man es aus aktuellen Fußballbrandings kennt? Wenn beispielsweise Typografie zur treibenden Kraft wird, die ganze Gestaltung Haltung zeigt und Emotionen nicht gedämpft, sondern bewusst verstärkt werden? Genau dort setzt »Fore« an.
Das Projekt bricht mit dem konservativen Golfimage, ohne seine Wertigkeit zu verlieren. »Fore« wirkt immer noch teuer – aber eben nicht elitär und dazu frech, wild und erfrischend unkonventionell.
Grün und Bunker-Gelb verankern das System im Golf, doch Streifen, Schnitte und Kontraste denken weiter. »Fore« verschiebt die klassische Fairway-Fashion Richtung Stadionkultur
Klare Kante, weniger »Old Money«
Besonders viel Zeit investierten die beiden Studierenden in die Farbwelt. Die Balance zu halten war schwer: nicht zu geschniegelt sollte es sein, nicht zu »Old Money« und bitte gleichzeitig nicht beliebig. »Es sollte wertig sein, aber trotzdem trotzig gegenüber den alten Golfculb-Designs«, beschreibt Kallup das Konzept.
Die Farbpalette folgt diesem Prinzip aus Balance und bewusster Störung. Klassische Golfcodes wie Grün und ein sandiges Gelb fungieren als vertraute Ankerpunkte. Ihnen setzen die Gestalter:innen ein extrem leuchtendes Rot entgegen – ein Ton, der im Golfsport kaum vorkommt und gezielt Kontrast erzeugt. Abgeleitete Rosatöne in reduzierter Deckkraft ergänzen das System, ohne es zu überladen. So entsteht eine Farbwelt, die Orientierung bietet und zugleich klar signalisiert: Hier wird nicht nach den alten Regeln gespielt.
Formsprache (Pixel-Icons) und prägnante Farben zeigen, wie viel visuelles Potenzial im Golf bislang ungenutzt blieb
Die Golfbälle tragen die Wortmarke und verweisen auf das Herzstück des Projekts: die eigens entwickelte Schrift. Sie basiert auf dem Logo und greift subtile Motive aus dem Sport auf. So erinnert die Punze des »R« an einen Driver, in »F« und »G« lassen sich Anklänge an Vogelköpfe erkennen – eine Referenz an Birdie oder Eagle. Reduziert, kräftig und frei von klassischen Golf-Schnörkeln prägt sie das gesamte Erscheinungsbild
Typografie und Farbwelt: Golf bekommt eine neue Sprache
Die Farben unterstreichen diese Ideen genauso wie die Typografie. Denn im Zentrum des Designs steht ein eigens entwickeltes Schriftsystem. Die Schrift basiert direkt auf der Wortmarke und wurde aus dem Sport selbst heraus entwickelt. Subtil greifen einzelne Details Motive aus dem Golfsport auf: Die Punze des »R« erinnert an einen Driver, in »F« und »G« lassen sich Anspielungen auf Vogelköpfe erkennen – eine leise Referenz an Begriffe wie Birdie oder Eagle. Trotz dieser Analogien bleibt die Schrift reduziert und kraftvoll. Von den im Golf verbreiteten verspielten Serif- und Schnörkelschriften distanzierten sich Fritsch und Kallup bewusst. Die Anleihen an den Sport wirken eher unterschwellig und sorgen gerade dadurch für einen starken, zeitgemäßen Auftritt.
Ein Sportbranding ohne klassische Bildmarke
Eine Bildmarke? Gibt es bewusst nicht! »Wir wollten beweisen, dass das System funktioniert – ohne zusätzliche Krücken«, sagt Joshua Fritsch. Eine Entscheidung, die sich spätestens mit den zahlreichen Auszeichnungen durch Jurys wie den ADC bestätigt hat. Dass »Fore« so stringent und durchdacht wirkt, liegt vor allem an der Art der Zusammenarbeit. Fritsch und Kallup sind nicht nur Studienkolleg:innen, sondern befreundet. Nachdem ein drittes Teammitglied früh ausgestiegen war, arbeiteten sie zu zweit weiter – schnell, direkt, ohne lange Umwege. Entscheidungen wurden gemeinsam getroffen, Aufgaben verteilten sie eher organisch: Kallup verantwortete vor allem die Typografie, Fritsch Motion, Mock-ups und Animationen. Gestaltet wurde trotzdem gemeinsam. »Am Ende ist es schwer zu sagen, wer was gemacht hat. Wir haben an allem zusammengearbeitet«, so Fritsch.
Kann aus »Fore« eine echte Golfmarke werden?
Über drei Monate hinweg entstand ein ganzheitliches Markensystem, das bis ins Detail durchdekliniert ist – mit Blick auf die Einreichungen für den ADC Talent Wettbewerb weit über das hinaus, was für eine Semesterarbeit nötig gewesen wäre. Noch Stunden vor der Abgabe verfeinerten die Beiden ihre Anwendungen. »Wenn man einmal im Flow ist, hört es nicht mehr auf«, sagt Kallup lachend. Genau diese Lust am Ausprobieren und Überschreiten von Konventionen loben auch die Jurys: geistreich, pointiert, scharf – ein Projekt, das zeigt, wie weit Design gehen darf. Oder anders gesagt: »Design, das nicht nur schön, sondern auch scharfzüngig ist.« Ob »Fore« jemals Realität wird, ist offen. Anfragen gab es, doch Fritsch und Kallup sehen sich klar als Gestalter:innen, nicht als Unternehmer:innen. »Wenn sich die richtigen Umstände ergeben, gerne«, sagt Fritsch. Bis dahin bleibt »Fore« ein starkes Statement dafür, wie zeitgemäß Sportbranding aussehen kann, gerade in einer Disziplin, die man dafür lange nicht auf dem Zettel hatte.
Wer steckt hinter »Fore«?
Joshua Fritsch hat Kommunikationsdesign an der Hochschule Augsburg studiert und hängt aktuell noch den Master dran. Parallel arbeitet er als Werkstudent in einer auf Branding spezialisierten Agentur in Hamburg. Sein Fokus liegt auf Markensystemen, Motion und der Frage, wie Gestaltung Haltung transportieren kann. Den Golfsport kennt er übrigens auch praktisch – die Platzreife hat er während Corona gemacht, eher aus Neugier als aus sportlichem Ehrgeiz. Amelie Kallup hat ebenfalls Kommunikationsdesign in Augsburg studiert. Heute arbeitet sie in einer Agentur in Landsberg am Lech. Derzeit gestaltet sie dort vor allem Brandingprojekte, Kampagnen sowie Out-of-Home- und digitale Anwendungen. Ihre Affinität zur Typografie zeigt sich bislang unabhängig vom Agenturalltag – nicht zuletzt in »Fore«, wo ihre Gestaltung die Arbeit maßgeblich prägt.
Der Casefilm spielt mit Brüchen: Vom ironischen Blick auf das langweilige Golf-Klischee springt er schnell in Tempo, Haltung und Tonalität der Marke… ein Regelbruch der sich auch in anderen Medien zeigt
Ausgezeichnet: Mit zahllosen Preisen versehen, ist Fore in der Branche eine kleine Sensation – und der perfekte Karriereeinstieg für die beiden Studierenden. Fore gewann zum Beispiel den Junior Corporate Design Hauptpreis, ADC Talent Gold (Graphic Design/Typography) und Silber (Brand Identity), sowie Silber bei den COMM Talent Awads und Bronze beim DDC
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