Eine zerbrochene Vase als Metapher für Traumata und Wiederaufbau: In ihrer eindringlichen Graphic Novel „Von Blumen und Scherben“ erzählt Mahsad Schneider von Kindheit, Verletzlichkeit und der Kraft der Fantasie – und schafft dabei Bilder, die noch lange nachhallen.
TH Mannheim. Ein Mädchen formt eine Vase. Immer wieder fällt sie, zerspringt, wird zusammengeklebt und erneut zerstört. Doch aus den Scherben wächst etwas Neues. Mit dieser Metapher erzählt Mahsad Schneider in ihrer Masterarbeit »Von Scherben und Blumen« von ihrer Kindheit in einem gewaltvollen Zuhause. Die Geschichte ist offengehalten: keine Namen, keine Orte – nur symbolische Bilder, die Raum für eigene Deutung lassen. Wie etwa die Vase, die zum Symbol für Fantasie, Verletzlichkeit und den Wunsch nach der Anerkennung des Vaters in der Geschichte wird.
»Ich wollte ein gefälliges Medium für ein hartes Thema«, sagt Schneider. Deshalb entschied sie sich nach ihrer Bachelorarbeit, der Graphic Novel »Liebe Krise«, die uns damals bereits begeistert hatte, für ein Kinderbuchformat für Erwachsene. »Einfach weil es so unschuldig ist. Die vertraute Anmutung soll in eine Zeit zurückversetzen, in der alles noch heil schien, bis die Bilder die eigentliche Schwere entfalten.«
Zwischen Fantasie und Zerbruch
Die eindrücklichen Illustrationen würden wohl auch ohne Text bereits die Geschichte erzählen, doch Mahsad Schneider ergänzte sie um kleine textliche Wegweiser. Das Buch beginnt mit dem Mädchen, das am Küchentisch zeichnet und sich eigene Fantasiewelten schafft. Die Mutter bringt ihr schließlich einen Klumpen Ton, aus dem sie eine körpergroße Vase formt – als Weltraumrakete und Sinnbild für ihre kindlichen Träume. Als sie sie aber ihrem Vater zeigt, lässt dieser sie fallen und würdigt ihre fantasievolle Idee herab. Das Mädchen repariert sie, aber sie zerbricht im Lauf des Buches immer wieder, wird immer kleiner und fragiler, bis die Mutter schließlich mit dem Mädchen das Haus verlässt.
Für ihr Buch illustrierte Schneider die emotionalen Szenen überwiegend digital in Procreate. Sechs Klappseiten eröffnen in Schlüsselszenen mehrere Dimensionen – es sind Momente, in denen die Zeit stillzustehen scheint. In dem Moment, in dem das erste Mal die Vase fällt und zerspringt oder die Mutter mit dem Rücken zum Betrachter in ihrem eigenen Scherbenmeer steht und wir realisieren, dass die Geschichte weit tiefer geht, als zunächst gedacht. Das gesamte Buch ist in schwarz-weiß gehalten. Farbe setzte die Designerin nur dann ein, wenn das Mädchen etwas Neues erschafft und seine Träume aufleben lässt. Am Ende gehen Mutter und Tochter gemeinsam mit der letzten Scherbe in der Hand aus dem grauen Haus in eine bunte Zukunft.
Ein Blick in die Geschichte hinter dem Buch
Für Schneider war das Projekt nicht nur Masterarbeit, sondern auch ein persönlicher Abschluss. Zehn Jahre Therapie und viele Gespräche mit ihrer Mutter flossen ein. »Ich wollte nicht, dass die Geschichte unerzählt bleibt – und ich wollte meiner Mutter etwas zurückgeben, weil sie gegangen ist. Das Kind hätte schließlich nicht selbst rausgehen können.« Nach ihrem Abschluss arbeitet Mahsad Schneider in einer Agentur, illustriert nebenher aber weiter und verkauft auf Märkten kleine Portraits. »Von Blumen und Scherben« will sie nun Verlagen anbieten – und weiter Geschichten zeichnen, die berühren. Denn sie weiß: »Illustration kann Menschen erreichen, wo Worte allein nicht hinkommen.«
Feinfühlig illustrierte Mahsad Schneider die ersten Szenen ihres Bilderbuchs für Erwachsene. Darin lernen wir ein kleines Mädchen kennen, das – von ihrer Mutter unterstützt – seine Kreativität auslebt. Die körpergroße Vase steht dabei sinnbildlich für die kindlichen Träume des Mädchens, die im Laufe des Buches immer wieder von ihrem Vater zerbrochen werden
In Graufstufen zeigt Mahsad Schneider, wie mit jeder Interaktion mit dem Vater, die Hoffnung des Mädchens schwindet. Farbe verwendet sie nur für emotionale Szenen, die das Innenleben des Kindes abbilden. Der reduzierte Illustrationsstil erhält hier zusätzliche, lebendige Striche und Texturen
Mahsad Schneider (ehemals Durandish) studierte Kommunikationsdesign an der TH Mannheim und Hochschule Pforzheim und lernte Grafikdesign an der Akademie für Kommunikation in Karlsruhe. Wir kennen sie bereits seit ihrem Bachelorprojekt »Liebe Krise«, einer Graphic Novel, in der sich Mahsad charmant illustriert mit psychischer Gesundheit und Resilienz auseinandersetzte.
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