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Schlaff und lustlos – das neue Slack-Logo

Kein Geringerer als Pentagram-Partner Michael Bierut hat das neue Slack-Logo gestaltet. In seiner Designkritik-Kolumne analysiert Johannes Erler, warum das Rebranding trotzdem nicht gelungen ist.

Slack Logo-Redesign
Links: vorher | rechts: nachher

Die Sache mit dem Hashtag. Am 23. August 2007 fragte der Internetaktivist Chris Messina auf Twitter: »Was haltet ihr von der Nutzung eines # für Gruppen?« Schnell verbreitete sich diese Markierungsme­thode im Netz und seit Juli 2009 verlinkt Twitter alle Hashtags. 2011 folgten Google+ und danach die anderen sozialen Netzwerke. Mittlerweile sind Hashtags das Synonym für Vernetzung, Verschlagwortung und Re­­cherche. Sie verbinden Menschen, die sich im Netz für ein ge­meinsames Thema interessieren. Sie halten sprich­wörtlich zusammen. Und passender­wei­se ist die Doppelkreuzform des Hashtags sowohl als ein Plus­zeichen wie auch als Vernetzungspiktogramm deutbar. Chris Messinas geniale Idee hat die Welt erobert, weil sie einfach und logisch ist.

Als webbasiertes Kollaborationstool macht Slack all das, wofür Hashtags stehen: vernetzen, verlinken, organisieren, sammeln. Und es war sicherlich kein Zufall, dass das Logo der 2013 gelaunchten Software dem Hashtag sehr ähnlich sah – zumal dieses innerhalb von Slack eine so wichtige Rolle spielt. Es markiert die verschiedenen Channels, in denen die Nutzer arbeiten. Das Start-up kippte sein Hashtag ein wenig nach links, versah es mit transparenten Farben, die den Netz- und Schnittmengengedanken noch zu­sätzlich unterstrichen, und von da an machten Hashtag und Slack quasi parallel Karriere. Das Slack-Logo surf­te perfekt mit auf der stetig wachsenden Hash­tag­welle und wohl nicht wenige denken bis heute, Slack hätte das Hash­tag erfunden.

Jetzt hat Slack dieses so passende Zeichen gegen eine belanglose formale Farbspielerei ausgetauscht. Und nicht nur ich frage mich: Sind die irre?

HIRN: Auf der Slack-Website steht: »Es war extrem einfach, das alte Logo falsch zu benutzen.«. Und ich wundere mich schon wieder, denn so schwer ist es nicht, eine formal bessere Lösung zu schaffen, die dem cle­veren Grundgedanken des Logos treu bleibt – vor allem da das enorme Kapital der globalen Bekanntheit aufs Spiel gesetzt wird. Da wirkt ein anderer Satz dieses Statements wie eine verdrehte Rechtfertigung (»Es geht nicht darum, Dinge nur zu ändern, damit sie anders sind«) und mir kommen Kommentare der Lufthansa in den Sinn, die im Zuge des Relaunchs ihr gelbes Lo­go nachträglich gar zum »Spiegelei« degra­dierte. Den Um­gang mit der eigenen Vergangenheit fand ich damals genau so schroff, wie ich jetzt finde, dass Slack seine Argumente gegen das Hashtaglogo an den Haaren herbeizieht. Ich glaube nicht, dass es in­haltliche oder praktische Gründe waren, die diesen Wechsel auslösten, sondern dass da jemand das alte Logo einfach nicht (mehr) mochte.

HAND: Auf der Website der Designagentur Pentagram, die für die neue Slack-Identity verantwortlich zeichnet, gibt es ein Chart, das 28 Schwarzweißversuche im Umgang mit der Octothorpe-Grundform des Lo­gos zeigt, das sich nun aus Tropfen (speech bubbles) und Balken (lozenges) zusammensetzt. Eigent­lich finde ich derartige Prozesseinblicke spannend, aber hier wirkt es hilflos. Weil es betont, wie wenig Idee in dem neuen Zeichen steckt und dass auf der mühsamen Suche nach einem Ansatz, der stärker als das Hashtag gewesen wäre, immer nur weitere formale Spielereien entstanden. Auf der Pentagram-Site ist zwar auch zu sehen, wie das Erscheinungsbild handwerk­lich sauber angewandt wird, doch bei dieser Vorgeschichte ist mir das zu wenig, weil es zu oberflächlich bleibt. Dass das kleine a des neuen Schriftzugs zu fett ist, wird da fast schon zur Nebensache.

HERZ: Michael Bierut, bei Pentagram New York ver­antwort­lich für die Slack-Identity, ist einer der bes­ten und schlausten Designer unserer Zeit, und zuletzt habe ich sein Hillary-Clinton-Wahlkampf-Logo gegen viele Widerstände gefeiert. Aber an Slack ist er ge­schei­tert. Über die Gründe kann ich nur spekulieren und ahne, dass ein sehr dominanter Auftraggeber die Agentur in die Kapitulation getrieben hat, denn derart ideen- und spannungslos habe ich den kampf­er­prob­­ten Bierut selten erlebt.

Hier hat jemand mit zu viel Routine seinen Job gemacht.

Google bietet mehr als 15 Übersetzungen für das Wort slack an. Gemeint haben wird Slack vermutlich nur die erste: locker (wie entspannt). Danach lis­tet der Übersetzer: schlaff, lose, nachlässig, schwach, flau, träge, schlep­pend, matt, schlampig, lustlos und bequem. Das passt zum Relaunch.

Zur Kolumne: »Hirn« meint die nüchterne, rationale Betrachtung. »Hand« untersucht die handwerkliche Qualität. »Herz« steht für den emotionalen, persönlichen Eindruck. Hier geht’s zu den anderen Beiträgen aus der Kolumne »Erlers Designkritik«.

Johannes Erler ist Partner des Designbüros EST ErlerSkibbe­Tönsmann in Hamburg, Mitglied im Art Directors Club Deutschland, Juror in zahlreichen Designjurys, Autor von Büchern über Design und Moderator der Designkonferenz TYPO Berlin | © Foto: Robert Grischek

 

 

 

 

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Exakt – und Erik Spiekermann setzt das passende Krönchen drauf. Ich weiß nur manchmal nicht, ob ich lachen oder weinen soll, wenn ich sehe, dass es auf dieser Ebene offenbar die gleichen Probleme gibt, mit denen man oft genug als “Provinzdesigner” zu kämpfen hat…

  2. Da hat Johannes mal wieder voll recht. BIerut weiß selber, dass man das alte Logo auch anwendungssicher hätte machen können. Abervirgendjemand wollte ein neues, das aussieht wie für Schweizer Holzspielzeug gemacht. Die Seite mit den Skizzen sieht aus wie die Übungen eines Anfängerkurses für Adobe Illustrator. Nein: für Freehand.

  3. Also ich finde das Logo voll “Kreuz” da ist echt der Hacken dran. Stellt euch das Ding mal in braun vor, geht gar nicht.

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