#trigger: Best-of TYPO Berlin 2018

Was triggert die Inspiration? Die eigene Kreativität? Die Arbeit und das Leben selbst? Die TYPO Berlin 2018 gab spannende Antworten.



Der Star der TYPO 2018 stand am zweiten Tag der Designkonferenz fest: Aaron James Draplin aus Portland, Oregon, zentnerschwere Urgewalt in Sachen Grafikdesign – und deren Verschränkung mit dem Leben.

Jubelte das Publikum immer wieder bei seinem leidenschaftlichen Talk, der »Um Grafikdesign geht es hier nicht!« hieß, aber genau davon handelte. Davon, dass Grafikdesign überall ist, wenn man so dafür brennt, wie Draplin es tut. Der Erfinder der Field Notes machte seinen Dackel Gary nicht nur zum Posterboy unzähliger Sticker, Plakate und Kampagnen, sondern gestaltete zur Beerdigung seines heiß geliebten Vater T-Shirts und Pins mit dessen Konterfei, entwarf eine eigene Trauerkarte und eine kunterbunte Website zu dessen Gedenken. Zudem stellte Draplin zahlreiche Arbeiten in seinem Thick-Line-Stil vor, die er für Charity-Events entwickelte – gegen Donald Trump und die für Frieden sowie einem Miteinander in hasserfüllten Zeiten plädieren.

Dass das Leben selbst sein großer Trigger ist, stellte Draplin unmissverständlich dar. Als er am nächsten Morgen einen Workshop in der Hall des Haus der Kulturen gab, standen die Leute schon zwei Stunden vorher Schlange und die Plätze reichten bei weitem nicht aus.

Ähnlich leidenschaftlich appellierte Timothy Goodman für vollen Einsatz. In dem Fall des Jessica Walsh Verbündeten, mit der er Projekte wie 40 Days of Dating ins Leben rief und die Anti-Trump-Aktion Build Kindness not Walls, ging es darum, dass es nie zu spät ist, seinen eigenen Weg zu gehen. So wie er selbst, der seinen Job bei Apple schmiss, um sich Murals und Lettering-Projekten zu widmen.

Jede Menge Gestaltungswillen zeigte auch die Niederländerin Hansje van Halen, die Schrift in flirrende Muster verwandelt und dabei Vorder- und Hintergrund verschmelzen lässt, die in ihrem Studio die Ausstellungsreihe Schrank8 in einer Vitrine stemmte, in der sie Arbeiten befreundeter Grafikdesigner und Illustratoren zeigte, entwarf mittlerweile auch den Boden einer Kirche und Tapeten, die man sofort an den eigenen Wänden haben möchte.

Die Inspiration triggerte auch der Talk der jungen Ägypterin dina Amin (ja, sie schreibt aus Abneigung gegen das große D ihren Vornamen klein), die kaputte Föhne, Klapphandys, ausrangierte Puppen oder Walkie-Talkies erst auseinander nimmt und dann in Charakter und Stop-Motion-Filme verwandelt. Und die ein leidenschaftliches Plädoyer dafür hielt, ihr Land nicht als Dritte Welt zu sehen. Denn Kreativität sei schließlich überall gleich. Es ist eine Freude anzumerken, dass Amin eine von 40 Prozent weiblicher Speaker in diesem Jahr war.

Natürlich gab es auch jede Menge Typografie – von Frank Rausch, der nicht nur zeigte, wie mitreißend Coding sein kann, sondern auch wie wichtig es für Typedsigner ist, sich mit dem Programmieren zu beschäftigen. Ob es um eine verbesserte Kommunikation mit den Programmierern selbst geht oder eben um das eigene Coding als Typedesigner. Bestes Beispiel: seine App V for Wiki, die Wikipedia-Einträge in gut lesbare, strukturierte und schön gestaltete Informationen verwandelt.

Ein Highlight der Brand Talks, die wegen ihrer großen Beliebtheit immer stärker auch auf der Hauptbühne vertreten sind, war der Case des Londoner Designstudios Superunion für das London Symphony Orchestra. Für dessen Kampagne »Always Moving« steckten die Kreativen den Star-Dirigenten Sir Simon Rattle auf der Bühne in einen Tracksuit und leiteten von den Bewegungen seines Taktstocks eine Schrift ab, deren Buchstaben immer wieder schwungwoll durchschnitten sind. Gleichzeitig verwandelten sie die Bewegungen seines Taktstocks in Bildwelten und Motion Graphics. Eine großartige Arbeit, begeistert bejubelt, die zeigte, dass das Visionäre verknüpft mit Artistik und Eigensinn einfach die interessantesten Arbeiten hervorbringt.

Das bewies dann auch die niederländische Typefoundry Underware, der Schluss- und Top-Act der Konferenz. Unter dem Titel »The Tail of the Cat« ließ sie nicht nur Katzenschwänze zu Live-Gitarrensound wackeln, sondern startete von diesem Punkt aus auf eine furiose, humorvolle und hintersinnige Reise durch Linguistik und Typografie.

Anschließend war der eigene Blick auf Sprache ein anderer – und ganz wie die Dadaisten es auf ihrer ersten Soiree in den 1920ern am Kurfürstendamm taten, gaben die Typedesigner den Besuchern ein kleines Buch mit auf den Weg.

In »The Tail of the Cat« kann man ihre philosophische Tour-de-Force, die mit dem Zeichencharakter der Sprache begann und mit einem Alphabet aus nur einem Zeichen endete, noch einmal goutieren.

Das Motto der nächsten Konferenz gaben Jürgen Siebert und der Rest des TYPO-Teams diesmal nicht bekannt. Auch nicht wo sie 2019 stattfindet. Schließlich wird das Haus der Kulturen der Welt renoviert. Deswegen musste man diesmal vor der großen Bühne auch auf viel zu kleinen, froschgrünen Plastikschalen Platz nehmen.

Die waren furchtbar unbequem. Vergessen hat man das angesichts der zahlreichen Trigger dann aber doch immer wieder.

 

 


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