Schrift des Monats: Henriette

Die umfangreiche Schriftfamilie Henriette von den Typejockeys ist von den Straßenschildern Wiens inspiriert.



In den Jahren um 1920 beschloss die Wiener Regierung, die Straßenschilder in der ganzen Stadt zu standardisieren. Seitdem sind rund 7.000 Straßen und Plätze in der österreichischen Hauptstadt mit weißer Typo auf blauen Emaille-Platten beschriftet worden. Es wurde sogar eigens eine Type für diesen Zweck gestaltet, aber die Typejockeys wissen nicht von wem.

Sie stand in einer Heavy und einer Bold Condensed-Version zur Verfügung, um sowohl kurze Straßennamen wie Gaußplatz, als auch längere wie Wolfgang-Mühlwanger-Straße auf den Schildern unterzubringen. Seit den 70er Jahren wurden die Straßenschilder im Fotosatz erstellt und die Buchstaben gelegentlich fürchterlich gedehnt oder gestaucht.

Im Laufe der Jahre wurde die Schrift von verschiedenen Schilderherstellern adaptiert, was zu einer Vielzahl an Variationen führte. »Es gibt in Wien nicht eine Schrift für die Straßenschilder, sondern ungefähr sechzehn«, sagt Michael Hochleitner, der zusammen mit den anderen Typejockeys Anna Fahrmaier und Thomas Gabriel sehr gründlich die Schilder in den Straßen Wiens studiert hat.

Die Typejockeys nahmen die Straßenschilder Wiens unter die Lupe…

…und fanden jede Menge Varianten

Nun ist Henriette aber keine Digitalisierung einer dieser Varianten, sondern eine eigenständige Schrift, die von all den verschiedenen Straßenschilder-Schriften inspiriert ist. Das Ergebnis ist sehr sympathisch, klassisch, elegant, ein bisschen knubbelig und von Michael Hochleitner großzügig ausgestattet: 31 Schnitte umfasst Henriette: Regular, Medium, Bold, Heavy und Black jeweils mit Italics und in den drei Breiten Normal, Condensed und Compressed. Dazu kommt ein Font mit Rahmen-Elementen und Ornamenten.

Alle Romans und Italics haben jeweils dasselbe Characterset in allen drei Breiten. Dies ermöglicht mehr Flexibilität, wenn es darum geht eine Headline einzupassen oder eine Logotype zu setzen. Während die Romans Kapitälchen haben, verfügen die Italics über Swash Caps. Alle Schnitte umfassen Ligaturen, alternative Glyphen, und unterschiedliche Zahlen-Formate. Wie bei allen Typejockeys-Schriften unterstützt auch die Henriette 48 Sprachen.

Am liebsten würde Michael Hochleitner die Henriette mal auf einer Wiener Würstelbude oder einem Kebab-Truck sehen. Da das auf die Schnell nicht zu realisieren war, haben die Typejockeys eine 34-seitige Musterbroschüre gestaltet, die zeigt, wozu Henriette in der Lage ist. Das auf Lenzing Recyclingpapier gedruckte Heft sieht toll aus und über das Letterpress-Cover muss man andauernd mit den Fingern streichen.

Und weil die Typejockeys freundliche Menschen sind, verschicken sie den Katalog auf Anfrage. Damit nicht genug kann man sich auf der Website den Font Henriette Black kostenlos herunterladen und gleich ausprobieren. Wer die Schrift dann unbedingt haben muss, kann sie für 520 Euro kaufen, ein Einzelschnitt kostet 60 Euro.

Henriette heißt übrigens Henriette, weil die Typejockeys zum einen am Wiener Henriettenplatz sitzen, zum anderen, weil sie eine Vorliebe für alte Frauennamen haben. Schließlich gibt es auch schon die nach Michael Hochleitners Mutter benannte Ingeborg. Ob das nächste Baby der Typejockeys mal ein Junge wird? Franz oder Karl klingt doch auch ganz nett.

Ständig müssen die Finger über das Letterpress-Cover der Schriftmusterbroschüre streichen. Aber auch die Innenseiten haben gestalterisch einiges zu bieten


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2 Kommentare


  1. think matt

    Sehr saubere Arbeit.

    Freu mich schon auf ein FM4 Poster mit der Henriette.


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