Pitch verloren? Na prima!

Die Cape Arcona Type Foundry veröffentlicht die neue Schrift CA Saygon und CA Saygon Text.



Es begann mit einem Pitch. 2017 lud das Sprengel Museum in Hannover Designer dazu ein, ihre Vorschläge für ein neues Corporate Design für das Kunstmuseum einzureichen. Unter den eingeladenen Agenturen war auch {ths} Design, das Büro des Cape Arcona Mitbegründers Thomas Schostok. Was lag näher als die Gestaltung einer Schrift, um das neue Corporate Design einfach aber präsent in allen Medien umzusetzen? So begann er gemeinsam mit Stefan Claudius, seinem Partner bei der Foundry Cape Arcona, die Arbeit an einem Corporate Font. Dieser sollte das neue Selbstbewusstsein des Museums widerspiegeln – eigenständig, unangepasst, modern, ganz im Sinne von Kurt Schwitters, der Gallionsfigur des Museums. Zu diesem Zweck wurde eine Schrift, an der Stefan zu der Zeit arbeitete genommen und radikal umgebaut.

Für jeden Buchstaben spielten die beiden dutzende von Möglichkeiten durch, die bekannten Formen ad absurdum zu führen. Es grenzt an ein Wunder, dass nicht mehr alternative Buchstabenformen in der Schrift überlebt haben, denn Aussortieren macht wenig Spaß, wenn hinter jedem Buchstaben Arbeit steckt. Doch Thomas und Stefan erkannten früh, dass die besondere Herausforderung darin bestand, eine Art von heterogener Homogenität herzustellen. Es sollte zwar viele »aufmüpfige« Buchstaben geben, doch entscheidend war das Gesamtbild der Schrift. Parallel zu der Schrift entstand das Formen- und Layoutkonzept für das Corporate Design, aber letztlich gewann den Pitch eine andere Agentur.

In der Zwischenzeit war die neue Schrift den beiden Gestaltern aber so sehr ans Herz gewachsen, dass die Absage vom Museum lediglich zu einem »Na prima, dann können wir die Schrift ja veröffentlichen« führte. Zu dem ursprünglichen Schnitt kam ein leichterer und ein schwererer und die Glyphenpalette wurde üppig erweitert. Neben Pfeilen und diversen Alternativformen entstand auch ein Kyrilischer Zeichensatz. In dem Prozess zeichnete sich ab, dass es eigentlich schön wäre, auch eine Text-Version der Schrift zu haben.

Thomas Schostok und Stefan Claudius übernahmen die grundlegenden Proportionen, lenkten aber die exzentrischen Formen der Ursprungsschrift in moderatere Bahnen. Sie spiegeln sich in der Textschrift am ehesten in Buchstaben wie f, t oder r wider. Wo diese normalerweise in einem Bogen enden, findet sich nun eine gerade Linie. Deutlich ist Akzidenz Grotesk als Inspriationsquelle spürbar, doch durch die niedrigen Oberlängen und Versalien und die offeneren Strichabschlüsse  bekommt die Schrift einen gutmütigen, freundlichen Charakter. Die sieben Gewichte wurden aus drei Mastern erzeugt, da das Ursprungsgewicht Semibold unverändert erhalten bleiben sollte.

Beim Testen, ob a und g ein-, zwei- oder dreigeschossig werden sollten, stellen die beiden Typedesigner fest, dass sie keine einzige Schrift kannten, die ein eingeschossiges a mit einem dreigeschossigen g kombiniert. Bekannt sind ja die Kombination zweigeschossiges a und zweigeschossiges g in der Helvetica, oder ein dreigeschossiges g in Kombination mit einem zweigeschossigen a bei der Franklin Gothic. Auch die Futura-Variante mit eingeschossigem a und zweigeschossigem g ist gängig, aber die Kombination aus ein- und dreigeschossig schien ihnen ein Novum. So legten sie Stylistic Sets fest, mit denen sich die entsprechenden Stile direkt auswählen lassen. Als Standard ist der Helvetica-Stil definiert, Set 1 ist der Franklin-Stil, Set 2 die Futura Kombination, und in Set 3 erscheint dann das, was sich folgerichtig Cape-Stil nennt. Als Bonus gibt es dann noch einen vierten, den Flat-Stil. Bei ihm sind charakteristische Buchstaben wie a, g, und y mit markanten Horizontalen versehen, eine Reminiszenz an die Ursprungsschrift.

Da der Schriftname die schönsten und charakteristischsten Buchstaben enthalten sollte, kamen Thomas und Stefan auf den Namen Saygon, eine Abwandlung des ursprünglichen Namens der vietnamesischen Hauptstadt Ho-Chi-Minh-Stadt. Folgerichtig mussten die Schriften also auch noch einen Vietnamesischen Zeichensatz erhalten. Das Spacing und Kerning wurde von Igino Marini durchgeführt, der mit geübtem Auge und seinem Programm iKern zum Maßstab im Bereich Schriftzurichtung geworden ist. Besonders Augenmerk wurde am Ende noch auf das Hinting gelegt, so dass die Schrift nicht nur auf Retina Displays eine gute Figur macht. Und nun, fast genau zwei Jahre nach dem Pitch ist es soweit – CA Saygon und CA Saygon Text feiern ihre Veröffentlichung. Einen Monat lang gibt es nicht nur auf die CA Saygon und die CA Saygon Text 70 Prozent Rabatt, sondern auf alle Cape Arcona Schriften. Einfach bei der Bestellung »cape70« eingeben. Seit 2002 bieten  die beiden Grafikdesigner Thomas Schostok und Stefan Claudius unter dem Label Cape Arcona ihre eigenen Schriften an. Im Laufe der Zeit kam als Anlaufstelle für Custom-Type Anfragen noch das Capital Custom Type Studio hinzu.

 


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