Interview mit Rainer Erich Scheichelbauer und Lisa Schultz vom Schriftlabor in Wien

In Österreich entsteht eine lebendige, junge Typoszene. Wir trafen Rainer Erich Scheichelbauer und Lisa Schultz in ihrem Wiener Schriftlabor und sprachen mit ihnen über diese Entwicklung, über fehlende Ausbildungsmöglichkeiten, österreichische Eigenarten und Einflüsse aus dem Ausland.



Foto: Miriam Surányi 

 

 Der in Wien geborene Rainer Erich Scheichelbauer hat Fotografie, Philosophie und Niederländisch studiert. Schon immer pflegte er sein Faible für Illustration und Typografie. Heute ist er neben Georg Seifert Miteigentümer des Fonteditors Glyphs, betreibt in Wien die Foundry Schriftlabor Font Services und leitet Workshops zur Schriftgestaltung. Da er außerdem über ein komödiantisches Talent verfügt, ist er ein gern gesehener Redner auf Typoveranstaltungen aller Art.

Lisa Schultz kommt ebenfalls aus Wien. Sie studierte Grafik und Werbung an der Universität für angewandte Kunst. In ihrem letzten Jahr dort entdeckte sie das Thema Schrift für sich. Nach ihrem Abschluss ging sie für den MA-Typeface-Design-Studiengang an die Universität Reading und entwickelte dort die Textschrift Martha. Seit gut zwei Jahren arbeitet sie fest beim Schriftlabor. Wenn sie nicht gerade selbst Buchstaben zeichnet, unterrichtet sie seit 2016 an der Angewandten in Wien Typografie und Schriftgestaltung oder backt Kuchen.

Max Bill, Jan Tschichold, Karl Gerstner, Adrian Frutiger, Otl Aicher – die Liste Schweizer und deutscher Typo-Ikonen ließe sich noch eine Weile fortsetzen, Österreicher fallen mir spontan keine ein. Fehlt in Österreich eine typografische Tradition?

Rainer: Schriftgießereien hat es schon viele gegeben, vor allem natürlich in Wien. Einige Gestalter sind aber einfach auch in Vergessenheit geraten. Der Kalligraf Rudolf von Larisch etwa, der vor allem in den Zwischenkriegsjahren tätig war. Oder nach dem zweiten Weltkrieg der Grafiker Arthur Zelger, der nicht nur den Tirol-Schriftzug entworfen hat, sondern auch viele Plakate, die das Bundesland prägten. Und dann ab den 1960er Jahren Othmar Motter. Von ihm stammt die 1975 entstandene Schrift Motter Tektura, die Apple und Reebok bis in die 1980er Jahre in ihren Logos verwendeten.

Seit einigen Jahren boomt die österreichische Schriftenszene und findet auch international Anerkennung. Was ist geschehen?

Lisa: Die 2002 gegründete typographische gesellschaft austria (tga) hat ganz sicher als Katalysator fungiert und die Leute zusammengebracht. Auch die zahlreichen Typedesign-Workshops von Rainer haben etwas bewirkt.

Der Wiener Grafikdesigner Martin Tiefenthaler, Gründungsmitglied der tga, schreibt im Vorwort von »Subtext: Typedesign«, dass bis in die 1990er Jahre in Österreich Schriftdesign für Mengensatz so gut wie nicht existent gewesen sei. Keine einzige weltbewegende Schrift wäre in Österreich entwickelt worden. Zugleich sei »eine erstaunliche Parallelität zum Fehlen von originärer Philosophie« zu beobachten. Stimmt ihr dem zu?

Rainer: Zumindest was die Philosophie betrifft, sehe ich das anders. Der Wiener Kreis, Ludwig Wittgenstein und Karl Popper hatten über Österreich hinaus Einfluss. Gegenwärtig ist etwa Herta Nagl-Docekal eine wichtige Philosophin, die sich mit Gender-und Ethik-Themen beschäftigt. Und in puncto Schriften könnte man fragen, ab wann sie denn als »weltbewegend« gelten. Aber ich gebe ihm recht, was das digitale Typedesign bis etwa 2000 betrifft. Da lag Österreich in einem Dornröschenschlaf. Das hat sich aber in den letzten 10, 15 Jahren sehr verändert. Ein Beispiel: BBC Arabic verwendet die Nassim von Titus Nemeth – das bewegt die Welt durchaus, denke ich.

Was ist für österreichische Typografie charakteristisch?

Rainer: Vielleicht der oftmals enge Bezug zur Kunst. Wie bei Natalie Deewan. Sie ist Aktionskünstlerin, macht aber auch viel mit Schrift. Zum Beispiel ihre großartigen »Leerstandsanagramme«, in denen sie die Beschriftungen leer stehender Geschäfte neu arrangiert: Da wird aus »Fleisch Wurst« »Schwule First« oder aus »Schuhservice« »Ich versuch es«.

Lisa: Sehr produktiv sind auch die Typedesigner Johannes Lang und Ellmer Stefan. 2017 realisierten sie das sehr schöne Projekt Non-Alphabets, in dem sie um 1900 entstandene Schriften wiederbelebt haben.

An welchen österreichischen Foundries geht kein Weg vorbei – wer prägt die Szene hierzulande?

Lisa: Es ist immer blöd, einzelne Foundries herauszuheben, und es gibt inzwischen so viele: Typejockeys, Dots&Stripes, FaceType, phospho, aber auch Einzelkämpfer wie Stefan Willerstorfer, Ekke Wolf, Georg Herold-Wildfellner, Wolfgang Homola oder Titus Nemeth.

Könnt ihr coden?

Lisa: Nicht wirklich. In Reading stand das nicht im Vordergrund, aber in Den Haag legt man schon größeren Wert drauf.

Rainer: Das bleibt meist an mir hängen. Wir haben für viele Teile des Workflows unsere eigenen kleinen Programme, die ich mal geschrieben habe. Oft auf Zuruf. Etwa unseren KernCrasher, der findet Situationen, in denen sich Glyphen zu nahe kommen.

Lisa: Das ist bei der Zusammenarbeit mit Rainer wirklich großartig: Ich frage, ob wir dies oder das vielleicht automatisieren können, und fünf Minuten später ruft er: Ist fertig!

Rainer: Neben Erleichterungen unserer täglichen Arbeit gibt es natürlich auch Programmierungen, die wir für ein bestimmtes Projekt machen. Sehr komplex war zum Beispiel die Automatisierung für die OpenType-Features der Sephora-Script-Fonts, die dafür sorgt, dass die Buchstaben richtig ausgetauscht und eingesetzt werden. Die beste Programmierung ersetzt aber nicht die Kontrolle durch ein geschultes Auge!

Das ganze Interview können Sie in der PAGE 04.2018 lesen, die Sie hier bestellen können.

Lisa Schultz und Rainer Erich Scheichelbauer im Gespräch mit PAGE-Redakteurin Antje Dohmann

Foto: Miriam Surányi 

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