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Exemplar: Die ewige Schrift

32 Jahre lang arbeitete Göran Söderström an seiner Schrift Exemplar. Jetzt ist sie endgültig fertig – natürlich als digitale Fontfamilie, aber auch in italienischen Marmor gemeißelt.

Auf seinem Power Macintosh 7100 begann der schwedische Typedesigner Göran Söderström 1994 mit der ersten Version von Exemplar, die damals noch Neptuna hieß. Görans Perspektive war frisch, inspiriert vom Stil jener Zeit, von »Ray Gun« bis »Emigre«, verlieh er Neptuna Bézier-Kurve für Bézier-Kurve eine markante Haltung. Er wollte Normen brechen und für Aufsehen sorgen. Das ist heute anders. Manchmal braucht es eben Zeit, um herauszufinden, was man wirklich will – und vielleicht auch, wer man wirklich ist.

Im Jahr 2008 wurde Neptuna in »Exemplar Pro« umbenannt, neu gezeichnet und über die Foundry PSY/OPS veröffentlicht. Als Göran auf die erste Version zurückblickte, sah er Vieles, was ihm nicht mehr gefiel – Dinge, die er jetzt als schlecht gemacht oder schlichtweg falsch empfand. In der Überarbeitung fielen die Übertreibungen von Neptuna weg. Es wurde ruhiger. Die typografischen Ideen, die überlebten traten jetzt stärker zutage und sprachen ein breiteres Publikum an. Es entstand »Exemplar (2008)«.

In den folgenden Jahren baute Göran Söderström sein Business immer weiter aus: Mit Alfred Sans und Alfred Serif entwarf er einen Custom Font für den Nobelpreis, arbeitete für Agenturen und die Modemarke Gucci und gestaltete diverse Retailfonts. 2011 gründete er seine Foundry Letters from Sweden, die heute zu den angesehensten mindestens in Skandinavien gehört.

Immer wieder aber kehrte Göran zu seiner Exemplar zurück. Die Schrift zählte mittlerweile endlose Varianten, war für den Typedesigner fast etwas wie eine Meditation. In diesem Jahr machte er sich zum letzten Mal an die Verfeinerung. 32 Jahre nach ihrer Geburt ist Exemplar nun eine Schriftfamilie mit 10 Schnitten und insgesamt 1018 Glyphen, für Latein, Kyrillisch, Griechisch und Arabisch, insgesamt unterstützt sie 370 Sprachen. Erhältlich ist sie – natürlich – über Letters from Sweden, eine Microsite stellt Exemplar ausführlich vor.

Zusammen mit seinem Freund und Mitstreiter Edvard Scott beschloss Göran Söderström, die Geschichte der Exemplar in Stein zu meißeln. Im italienischen Pietrasanta, einer kleinen toskanischen Stadt am Fuße der Apuanischen Alpen, meißelte die Marmorschnitzerin Barbara Adamsky die drei Adressen, an denen Göran über die Jahre an der Exemplar gearbeitet hatte in den italienischen Marmor, mit dem 500 Jahre vorher auch schon Michelangelo gearbeitet hatte.

Marmor habe Stimmungen, sagt man. Er habe eine Maserung. Eine Ader, die man gestern noch nicht bemerkt hat, kann heute die Arbeit eines ganzen Monats zunichte machen. Steinmetze lesen den Stein so, wie alte Seeleute das Wetter lesen. Dazu braucht es mehr als Intelligenz und Erfahrung; es braucht Intuition und Fingerspitzengefühl. Stein verzeiht keine Fehler. Jeder Schnitt ist endgültig, Apfel-Z gibt es nicht. Exemplar hatte bereits Jahrzehnte der Überarbeitung hinter sich, als sie in Pietrasanta ankam. Dreißig Jahre des Zeichnens und Neuzeichnens macht der Stein jetzt dauerhaft.

Über den Prozess gibt es einen Kurzfilm, gedreht von Studio Kleiner, mit Sounddesign von Simon Adler, ehemals bei Radiolab. 

Noch sind die Steintafeln im Fotostudio, künftig soll eine in Göran Söderströms Büro auf Södermalm in Stockholm hängen, eine bei ihm zu Hause und eine in seinem Sommerhaus in den Stockholmer Schären.

Exemplar ist so etwas wie Göran Söderströms Lebenswerk. Dem Typedesigner ist es wichtig zu betonen, dass Exemplar nicht das Werk eines einzigen Kopfes oder einer einzigen Hand ist. Viele Menschen haben über die Jahre an ihr mitgewirkt:

Schriftgestaltung, Latein und Kyrillisch: Göran Söderström

Schriftgestaltung, Arabisch: Léo Guibert

Schriftgestaltung, Griechisch: Laurette Colmard

Schriftgestaltung, Exemplar (2008): Rodrigo Cavazos, Stefan Hattenbach

Kreativleitung: Edvard Scott

Fotografie und Kamera: Carl Kleiner

Sounddesign und Musik: Simon Adler

Abmischung: Alexander Overington

Stimme: Sir John Gielgud

Text: Edvard Scott

Buchstabengravur: Barbara Adamsky

Website: Here-Now

Besonderer Dank gilt: Sara Ferron Cima, Cynthia Sah, Serena Del Soldato

 

Exemplar1994

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