Parlamentarium

Atelier Brückner und Markenfilm Crossing haben das Motto der Europäischen Union in einer riesigen interaktiven Dauerausstellung umgesetzt. Ein Blick hinter die Kulissen.



Atelier Brückner und Markenfilm Crossing haben das Motto der Europäischen Union in einer riesigen interaktiven Dauerausstellung umgesetzt. Ein Blick hinter die Kulissen.

3000 Quadratmeter Ausstellungsfläche auf drei Etagen, 700 Personal Media Guides, 27 Terabyte Daten, 40 Kilometer Kabel, 600 RFID-Tags und 140 Server vor Ort: Es lassen sich viele Zahlen heranziehen, um die Superlative der Dauer­ausstellung »parlamentarium« im Europäischen Parlament in Brüssel zu verdeutlichen. Die Kosten von 21 Millionen Euro für die Umsetzung sind in Zeiten der Euro-Krise vielen ein Dorn im Auge – allerdings wurde das Projekt vor sechs Jahr­en angestoßen, als die Verschuldung der Mitgliedsstaaten noch kein allgegenwärtiges Medienthema war. Generalplanung, Entwurf und szenografische Gestaltung der Ausstellung lagen bei Atelier Brückner in Stuttgart. Gemeinsam mit Ruedi Baur, der das grafische Erscheinungsbild gestaltete, und jangled nerves in Stuttgart entwickelten die Designer vor vier Jahren das Konzept für den Wettbewerb. Damals entstand bereits die Idee für das Logo mit den überlappenden Schriften und Sprachen, das die Kern­idee der Europäischen Gemeinschaft zum Ausdruck bringt: »United in Diversity«. Die kulturelle Vielseitigkeit der Union sowie die Vorteile der Kooperation darzustellen, war die Hauptaufgabe der Gestalter.

Das Projekt hielt einige Schwierigkeiten bereit – selbst für das erfahrene Atelier Brückner. Schließlich richtet sich die Ausstellung an sämtliche EU-Bürger jeden Alters. Der Heraus­forderung, die Informationen in 23 Sprachen plus Blinden­schrift und Gebärdensprache zur Verfügung zu stellen, begegneten die Gestalter mit einem vielfältig einsetzbaren Personal Media Guide. Das Touchscreen-Gerät – originär ein iPod – wird nicht nur als Audio-Guide genutzt, sondern dient zusätzlich als Informationslieferant mit Text, Bild und Video sowie als interaktiver Schlüssel für einzelne Aus­stel­lungs­stationen. Über RFID-Tags er­mittelt er den Stand­ort des Besuchers und reagiert auf ihn, indem er für die digitalen Anzeigen automatisch die richtige Sprache wählt. Zugleich aktivie­­rt das Gerät die Multi­media-Stationen, an denen jeder selb­st entscheidet, wie tief er in ein Thema einsteigen möchte.

Dieses von jangled nerves entwickelte Information-on-Demand-Konzept hat Markenfilm Crossing in Hamburg kon­zeptionell und visuell ausgearbeitet. Im Verlauf des Projekts verdoppelte die Markenfilm-Tochter ihre Interactive Unit und musste in ein eigenes Gebäude übersiedeln. Beim Interfacedesign achtete die Multimedia-Agentur vor allem auf einheitliche Benutzerparadigmen. So führt stets ein But­ton oben links zurück zum Hauptmenü und es gibt kaum Sub­kategorien, damit die Übersichtlichkeit gewahrt bleibt. Die Wireframes und Flowcharts gab Markenfilm Crossing an Nous Wissensmanagement in Wien weiter, die dann die Soft­ware für den Personal Media Guide programmierte. Die Agen­tur ist spezialisiert auf die Entwicklung interaktiver Mu­seums-Guides auf iPod-Basis. Ihr NousGuide kommt zum Beispiel im San Francisco Museum of Modern Art zum Einsatz.

So sah der »Zeittunnel« im Entwurf von Uwe R. Brückner aus

Diese Skizze  zeigt den Grundriss des Raums »United in Diversity« und der angeschlossenen Kinos

Neben den Multimediainhalten erstellte Markenfilm Cros­sing zudem das Content-Management-System, eine PHP-Eigenentwicklung auf Basis des Frameworks ZEND. »Unsere Anforderungen waren so speziell, dass es dafür keine externe Lösung gab«, erklärt Christopher Schultz, der verantwortliche Projektleiter bei Markenfilm Crossing. Besonderen Wert legte das Team auf Übersichtlichkeit und Benutzerfreundlichkeit. Kleine inhaltliche Fehler, die etwa bei Übersetzungen entstanden sind, können Mitarbeiter des Europäischen Parlaments vor Ort selbst im CMS korrigieren, für größere Arbeiten am System hat sich die Agentur einen Remote-Zugriff eingerichtet.

Den Parcours sowie die Handhabung des Personal Media Guide und der Software testete Markenfilm Crossing in mehreren Durchläufen von den frühesten Entwicklungsstadien an. Panelgroups erprobten die User Interfaces im Labor, später liefen Gruppen von bis zu 100 Leuten (der Stress­test!) durch die Ausstellung in Brüssel. Gravierende Bugs traten zu diesem Zeitpunkt dank mehrfacher Prüfung schon nicht mehr auf. Doch nicht bloß die nach den Tests anfallenden Verbesserungs­arbeiten sorgten für zahlreiche Versionen einzelner Interfaces, auch die Absprachen mit dem Auftraggeber gestalteten sich teilweise langwie­rig. So waren etwa bei der Entwicklung der als »Treaty Tables« eingesetzen Multitouchtische insgesamt 39 Runden notwendig, bis die endgültige Version stand.

Auch architektonisch galt es einige Hürden zu nehmen. Denn ursprünglich sahen die vorgesehenen Räumlichkeiten eher wie ein »Luxus-Parkhaus« aus, so Uwe R. Brückner, Mitbegründer und Kreativdirektor von Atelier Brückner. Besonders ein schlauchförmiger, niedriger, langer Raum schien sich so gar nicht für eine Ausstellung zu eignen. Die vielen Stützen im Gebäude erschwerten die Gestaltung zusätzlich. Damit sich die Wege der kommenden und gehen­den Besucher nicht kreuzen, ließ Atelier Brückner sogar eine Treppe versetzen, die den Besucher nun vom Ende des Parcours direkt zurück zum Ausgang führt.

Die größte Herausforderung allerdings war es, die Ausstellungsinhalte selbst interaktiv, haptisch, emotional und didaktisch aufzubereiten. Schließlich handelt es sich dabei nicht um Exponate, sondern um reine Information – und zwar in Massen. Um die Informationsflut zu verwalten, nutz­te Markenfilm Crossing das intern ent­wickelte Me­dien­pro­jektmanagement-Tool Copper. Mit seiner Hilfe unterteil­te das Team die Arbeit in diverse Unterprojekte – entsprechend den verschiedenen Ausstellungsstationen. Um den Überblick nicht zu verlieren, ein konsisten­tes Look-and-Feel zu garantieren und Fehler zu vermeiden, wurden sämt­liche Unter­projekte von einem für die Grafik und von einem für die Inhalte Verantwortlichen geprüft. Das sorgte dafür, dass der rote Faden innerhalb der Ausstellung nicht abreißt. Im Folgenden beleuchten wir die Umsetzung der drei Kern­elemente der Ausstellung genauer.

Making of

Abb. oben: Die Timeline visualisiert die Meilensteine der europäischen Geschichte. Vertiefende Informationen kann der Besucher über seinen Personal Media Guide abrufen. Der Bereich beginnt mit einer »Introduction Wall« (Abb. unten), auf die Zitate in bis zu acht Sprachen projiziert werden können

1. Die Timeline


Der schon erwähnte schlauchförmige Raum soll die historischen Fakten vermitteln. »Aus der Architektur heraus entstand der Gedanke, hier eine Art Zeitleiste anzulegen: Der Ausstellungsbesucher schrei­tet durch die Geschichte der EU von den ersten Visionen über gemeinsame Verträge und historische Meilen­steine bis hin zur Gegenwart. Ar­chi­tektur und Inhalt gehen hier eine the­­matische Symbiose ein«, erläutert Britta Nagel von Atelier Brückner. Am An­fang des Raums haben die Gestalter eine »Introduction Wall« installiert, auf die thematische Zitate projiziert werden. Die mit einem RFID-Tag ausgestat­tete Station reagiert auf die Besucher in ihrem Umfeld und wählt die jeweils passende Sprache aus. Maximal acht Spra­­chen können zugleich angezei­gt wer­den, die daraus resultierende Über­­lappung der Schriften erinnert an das »parlamentarium«-Logo.

An den »Treaty Tables« ruft der Nutzer Infor­­- ma­tionen per Multitouch ab. Das Interface gestaltete Marken­film Crossing in Form eines virtuellen Hängeregisters

Der erste Teil der Timeline ist der Zeit zwischen den Weltkriegen gewidmet und entsprechend grau und dunkel gestaltet. In die Wände eingelasse­ne Sichtfenster zeigen zwanzig Vorden­ker von Europa – weitere Informatio­nen kön­nen die Besucher über ihren Perso­nal Media Guide abrufen. Für die Zeit nach 1950 ist die Timeline bunt auf den Boden gedruckt, Meilensteine sind durch ein helles Grün gekennzeichnet. In der Mitte des Gangs befinden sich die »Treaty Tables«: Diese hüft­hohen Multitouchtische mit als Hänge­­register gestaltetem Interface infor­mieren über die wichtigsten europäi­schen Ver­träge. Die Benutzeroberfläche setzte Mar­ken­film Crossing ausgehend von Moods von Atelier Brückner um.


Abb. oben: Hüfthohe Scanner erkennen über RFID-Tags die Hot Spots auf dem »Ground of Stories«. Darüber schwebt die In­stalla­tion »Sky of Opinions«, die aus 13 000 Vox­eln besteht. Darunter die entsprechende Skizze von Uwe R. Brückner

2. Der zentrale Raum

Herzstück der Ausstellung ist der Bereich »United in Diversity« sowie die beiden daran angeschlossenen 360- Grad-Kinos. Im Zentrum des Raums be­findet sich der »Ground of Stories«, eine riesige Bodenkarte, die ein Europa ohne Ländergrenzen zeigt. Die Ge­schich­ten erfahren die Besucher über hüfthohe, rollbare Scanner mit eingebau­tem Monitor, die sie über die mit Hot Spots übersäte Landkarte schieben. Eine Antenne in den Scannern erkennt die RFID-Tags; daraufhin werden Informationsvideos zu den jeweiligen Orten abgespielt, die von europäischen Institutionen oder für die EU wichtigen Ereignissen berichten. Bei der Gestaltung der Scanner legte Atelier Brückner besonderen Wert auf Ergonomie. Eine Ausbuchtung an der Vor­der­seite sorgt für Beinfreiheit, eine 18-Grad-Neigung des Bildschirms verhindert störende Reflexionen und Griffe in unterschiedlichen Höhen ermöglichen Menschen jeder Größe einen einfachen Umgang mit dem Gerät.

»Dieser Raum macht die ungeheu­ren Dimensionen der gespeichert­en Da­tenmenge in der Ausstellung deut­lich«, bemerkt Christopher Schultz. Auf der 200 Quadratmeter groß­en Land­kar­te befinden sich 90 Hot Spots, zu jedem gibt es Videos von zwei bis drei Minuten Länge – und diese jeweils in 23 Sprachen. Die Video- und Ton­spur sind voneinander getrennt und wer­den mittels Software synchronisiert. Die­se Potenzierung von Inhalten ist einer der Gründe dafür, dass während der Projektlaufzeit circa 27 Terabyte Da­ten entstanden.

Während der »Ground of Stories« die Gemeinsamkeiten der EU-Mitglie­der in den Mittelpunkt stellt, spiegelt die oberhalb schwe­bende Licht­instal­lation »Sky of Opinions« ihre unterschiedlichen Auffassungen hinsichtlich gewisser Themen wider. 13 000 LEDs in Form von Tischtennisbällen – Voxel genannt – ergeben auf einer Fläche von 42 Quadratmetern auf fünf Ebenen ein dreidimensionales Mo­dell der Euro­pakarte. Die Lämpchen zeigen die Ergebnisse einer statis­tischen Langzeitstudie an, die Informa­tionen über Leben, Werte und Meinungen der EU-Bürger sammelt. Die Darstellung ist eher abstrakt, atmosphärische Klänge verstärken die hypnotische Wirkung des Lichtspiels. »Die Steuerungselektronik ist ein hei­kler Punkt«, sagt Chris­topher Schultz. »Sie muss sicherstellen, dass der jewei­lige RGB-Wert zu der ent­sprechenden LED geleitet wird.« Die 3-D-Szenen animie­rte Markenfilm Cros­sing in After Effects. Der Film wurde in einem speziellen Layout ausgegeben, das die Animation der fünf Ebe­nen nebeneinander zeigt. Das Prä­sen­tations­sys­tem Watch­out lädt die Animation und gibt sie wieder, wobei ein speziel­les Tool die Pixel abgreift und die Voxel in ihrem RGB-Wert erstrahlen lässt. Ein Pixel entspricht einem Voxel.


Wohnzimmer-Atmo­sphäre: Das Panoramakino »Daily Life« zeigt europäische Landschaften und Videointerviews. Für die Aufnahmen schickte Markenfilm Cros­­sing zwei Kamerateams mit Canon-5D-Kameras durch Europa

3. Die Panoramakinos

An den Saal sind zwei 360-Grad-Kinos angeschlossen. In dem einen sitzt der Besucher in Original-Stühlen aus dem Plenarsaal und taucht in die Welt der Parlamentarier ein. Für die dementsprechenden Panoramaaufnahmen bau­te Markenfilm eine Spezialkamera, für die Wiedergabe auf der 150 Qua­drat­meter messenden Projektionsfläche sind 14 HD-Beamer in der Mitte des Raums befestigt, die ein nahtloses Bild ergeben. Der Audioausgang passt sich der Position des Moderators in Film und Raum an, Kamerafahrten geben dem Betrachter das Gefühl, der Raum selbst bewege sich.

Durch die Leinwandgröße haben die Filme eine extrem hohe Daten­rate. Die Bilder im JPEG-Format wurden so wenig wie möglich komprimiert, um eine pixelige Wiedergabe zu vermei­den. »Anfangs hatten wir die Dimen­sionen des Raums unterschätzt und die Kamerafahrten zu schnell laufen lassen. Den Testpersonen wurde regelrecht schlecht. Wir haben die Geschwindigkeit demzufolge heruntergerechnet«, sagt Christopher Schultz. Doch trotzdem mus­sten am Eingang des Pano­ra­ma­kinos Warnhinweise befestigt wer­den. In den Pausen zwischen den Vor­führungen können Besucher die in den Tischen eingelassenen Touchscre­ens nutzen, um sich über das Europäische Parlament zu informieren.

Ein Film über das Parlament gibt dem Besucher das Gefühl, mittendrin zu sitzen. Die 150 Quadratmeter große Lein­- wand wird mit 14 HD-Beamern angestrahlt. Die Bilder wurden nur geringfügig komprimiert

In dem anderen Rundkino geht es gemütlicher zu: Auf der großen Leinwand bieten Aufnahmen von Städten, Landschaften sowie Sehenswürdigkei­ten einen atmosphärischen, emotionalen Zugang zu Europa. Für die Aufnahmen schickte Markenfilm 2009 zwei Teams mit Canon-5D-Kameras durch Europa. Der Raum ist ausgestattet mit Wohnzimmermöbeln aus unterschiedlichen Epochen. Überall verteilt stehen kleine Monitore, auf denen sich der Be­sucher Videointerviews mit 54 Men­schen aus den 27 Mitgliedsstaaten an­se­hen kann. Dort berichten britische Teen­ager, deutsche Geschäftsfrauen oder schwedische Rollstuhlfahrer jeweils drei Minuten lang von ihrem Alltag und davon, inwiefern sie die Europäische Union betrifft. Dieser Bereich greift ein Merkmal der Staatengemein­schaft besonders deutlich auf: Das Europäische Parlament besteht aus Men­schen und arbeitet für Menschen. Dieser »Human Factor« war von Beginn an ein Leitfaden für die Konzeption, sagte Uwe R. Brückner bei der Eröffnung.

(veröffentlicht in PAGE 01.2012)


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