Naturpapier: Das gibt’s bei Druck und Weiterverarbeitung zu beachten

Es gibt so viele wunderschöne Naturpapiere – oder eher schaurig-schöne, denn Druck und Weiterverarbeitung haben es in sich. Mario Drechsler von der Produktionsagentur Highendmedia sagt, wie der Druckjob auf Naturpapier wirklich rund läuft.



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Eine Kamera hat der leidenschaftliche Skibergsteiger Mario Drechsler immer dabei. Hier eine Leica S, um das Farbverhalten des Sensors bei hoher UV-Strahlung zu dokumentieren – für ICC-Camera-Profile des Softwareherstellers basICColor

Naturpapiere verhalten sich im Druck nicht selten etwas divenhaft. Wer jedoch mit ihnen umzugehen weiß, kann tolle, überzeugende Ergebnisse erzielen. Der Reprograf und Druckvorlagenhersteller Mario Drechsler begleitete die gesamte DTP-Revolution und gründete 2001 seine Firma Highendmedia, mit der er die technische Umsetzung hochwertiger Printprodukte übernimmt. Darüber hinaus berät er Unternehmen und Druckereien vor allem in puncto Color Management und stellt für Agenturen eine Art Dolmetscher zur Druckerei dar. Wir sprachen mit dem Naturpapier-Experten darüber, wie man wolkige Farbfelder, matte Farben und andere typische Naturpapierdruck-Fauxpas vermeidet, und zeigen gelungene Beispiele aus der Welt der Naturpapiere für Corporate Design, Packaging und Editorial Design.  

Warum ist der Umgang mit Naturpapieren komplizierter als der mit Bilderdruckpapieren?
Mario Drechsler: Bilderdruck- oder auch gestrichene Papiere haben, wie der Name schon sagt, einen Strich – dadurch verhalten sie sich beim Bedrucken in der Regel sehr ähnlich. Das Papier selbst spielt für Farbwiedergabe und Farbverhalten im Druck eher eine untergeordnete Rolle. Unter den Begriff »Natur papier« fallen dagegen alle ungestrichenen Sorten, mit ganz verschiedenen Oberflächen, Volumen, Färbungen sowie unterschiedlichen Anteilen an optischen Aufhellern. Es gibt eine riesige Range und dafür derzeit nur zwei offizielle Standardprofile.

Welche sind das?
Für Bilderdruckpapiere gibt es das Profil »ISOcoated_v2_eci.icc«, mit dem man für fast alle gestrichenen Sorten einen farbverbindlichen Digtalproof bekommt. Für ungestrichene gibt’s das »PSO_Uncoated_ISO12647_eci.icc«-Profil, das allerdings keine op tischen Aufheller berücksichtigt. Da aber rund 80 Prozent der in Deutschland verwendeten Naturpapiere optische Aufheller enthalten, ist damit keine farbver bindliche Vorschau auf das Druckresultat möglich. Das Profil für gelbliche Naturpapiere – »ISOuncoatedyellowish.icc« – passt aufgrund der sehr unterschied lichen Gelbfärbungen auch nur auf wenige Sorten.

»Der Begriff ›Natur‹ kommt daher, dass das Papier naturbelassen und nicht gestrichen ist. Was auf die Ökobilanz geht, sind lange Transportwege – egal, ob das Papier einen Strich hat oder nicht«

Es ist also Zeit für neue Standardprofile?
An solchen wird derzeit gearbeitet, sie sollen spätestens im Sommer erscheinen. Jedoch kommen für die ungestrichenen Papiere maximal zwei oder drei neue, also werden sie nicht für jede Sorte gleich gut passen.

Wie kann ich sonst Farbverbindlichkeit bei Naturpapieren erreichen?
Mit einem papierspezifischen ICC-Profil unter Einhaltung der PSO (ProzessStandard Offsetdruck)-Vorgaben. Das ist das beste Werkzeug für die Farbverbindlichkeit in der Produktion. Ein spezifisches ICC-Profil kennt sein Papier sehr gut und weiß genau, was beim Druck mit der Farbe geschieht. Über das Profil werden die Daten für die Ausgabe angepasst. Gebe ich zum Beispiel in InDesign einen Farbwert ein, ein schönes Orange mit 50 Magenta und 100 Gelb, kann das ICC-Profil mir sagen, wie dieses Orange auf ungestrichenem Papier aussehen wird. Dann kann ich entscheiden, ob mir das so gefällt oder ob ich mehr oder weniger Magenta haben möchte.

Woher bekommen Kreative diese ICC-Profile?
Viele Papierhersteller liefern sie zu ihren Papieren mit. Allerdings habe ich mittlerweile wohl einige Hundert auf dem Markt befindliche Profile geprüft und ausgewertet und würde bei sehr vielen davon abraten, sie zu verwenden. Sie sind oft fehlerbehaftet und unfachmännisch erstellt. So fehlt etwa meist die Dokumentation wie, unter welchen Bedingungen und mit welchen Druckparametern es entstanden ist. Dann kann man es getrost in die Mülltonne werfen.

Geese Papier hat von Ihrer Firma ICC-Profile für die Sorte Lessebo erstellen lassen – dem kann man schon trauen, oder?
Gute Frage – aber natürlich (lacht). Diese Profile haben in der Praxis ihre Qualität bewiesen. Color Management ist eine unserer Kernkompetenzen, und wir haben zudem eine jahrelange Erfahrung mit Naturpapieren. Im Prinzip sind wir eine klassische Litho mit neuester Technologie, einem hochmodernen Workflow und innovativem Know-how. Heute wird dieser Part auf dem Weg von der Agentur zur Druckerei oft eingespart und dann kann es Schwierigkeiten geben – Drucker und Kreative sprechen nur selten dieselbe Sprache.

»Grundsätzlich gilt: je höher das Volumen, desto diffiziler der Prozess. Einfacher ist das Arbeiten mit satinierten, also geglätteten Sorten, bei denen Sieb- und Oberseite gleich beschaffen sind«

Von Fachleuten erstellte ICC-Profile zu ihren Sorten mitzuliefern wäre dann ja eine sinnvolle Dienstleistung der Papierhersteller.
Das könnte sicher den Absatz des ein oder anderen »Problem-Papiers« befördern. Allerdings ist ein ICC-Profil auch kein Allheilmittel. Agentur und Druckerei müssen schon das nötige Know-how mitbringen und Hand in Hand damit arbeiten, um das gewünsch te Resultat zu erzielen.

Sorgt die neue LE-UV-Technik (LE steht für Low Energy) für schönere Farben auf Naturpapier?
Prinzipiell ändert LE UV gar nichts – es sind ja letztlich lediglich andere Druckfarben und ein anderes Trocknungsverfahren. Mit LE UV kommt der Bogen trocken aus der Maschine, sodass schnellere Produktionszeiten möglich sind. Der Stapel muss nicht erst drei Tage liegen, bevor man ihn zum Buchbinder gibt. Und die Farbe ist stabil. Beim Standardoffsetdruck kann es passieren, dass die trockene Farbe etwas anders aussieht als die nasse. An der Maschine ist der visuelle Eindruck häufig sehr kontrastreich, dann aber legt sich die Farbe in den Tiefen der rauen Oberfläche ab und wirkt etwas matter, wenn sie trocken ist. Das passiert bei der LE-UV-Technik nicht so ausgeprägt, deshalb wirken die Prints farbiger und kontrastreicher.

Worauf muss man beim Einsatz von Naturpapieren noch achten?
Auf das Volumen. Naturpapiere haben oft ein 1,2- oder 1,3-faches Volumen, manchmal auch ein bis zu 1,7- oder 1,8-faches. Das macht sie so schön haptisch. Gleichzeitig wird aber die Oberfläche mit zunehmendem Volumen rauer und der Ausdruck möglicherweise wolkiger. Man kann das zwar nicht pauschalisieren – es gibt auch Sorten, die sind bei 1,5-fachem Volumen noch sehr homogen –, aber grundsätzlich gilt: je höher das Volumen, desto diffiziler der Prozess. Einfacher ist das Arbeiten mit satinierten, also geglätteten Sorten, bei denen Sieb- und Oberseite gleich beschaffen sind.

Welchen Einfluss haben optische Aufheller auf den visuellen Eindruck?
Die Aufheller wandeln UV-Strahlung in sichtbares Licht um. Es erscheint dadurch heller, aber auch bläulich-kühler. Offsetpapiere enthalten meist einen hohen Anteil optischer Aufheller, dadurch wirken gerade warme und natürliche Farbtönen wie Haut oder Holz auf ihnen nicht besonders freundlich.

Gibt es Veredelungen, die auf Naturpapier gar nicht funktionieren?
Grundsätzlich geht alles. Für Prägungen ist Naturpapier aufgrund seines hohen Volumens geradezu prädestiniert. Aber auch Laminierungen halten auf der Oberfläche sehr gut. Aber wer laminiert schon Naturpapier mit Kunststofffolie?

Wie sinnvoll sind Proofs?
Das kommt darauf an, wie gut das verwendete Profil inklusive Proofpapier zum Auflagenpapier passt. Nur wenige Druckereien bieten hier wirklich farbverbindliche Proofs an, auf jeden Fall aber sollte man ein Papier verwenden, das hinsichtlich der optischen Auf heller dem Auflagenpapier möglichst ähnlich ist. Sonst kann man erleben, dass man an der Maschine steht und einen »gelben« Digitalproof in der Hand hat, der Druck aber einen bläulichen Eindruck erweckt, weil das Papier optisch stark aufgehellt ist.

Ist es sinnvoll, wenn Kreative direkt mit der Druckerei kommunizieren, oder sollten sie lieber einen Profi dazwischenschalten?
Das hängt vom Auftrag ab. Bei einer einmaligen Sache können die beiden das schon hindrehen. Will man aber mit Naturpapieren sehr hochwertig, reproduzierbar und konsistent arbeiten, sollte man wirklich etwas von der Sache verstehen. Gerade für große Unternehmen muss man die Corporate-Design-Farben farbverbindlich wiedergeben, und zwar konsistent und über die ganze Auflage oder auch bei anderen Dienstleistern. Da kann man sich nicht erlauben, auf gut Glück zu drucken.

»Will man mit Naturpapieren sehr hochwertig, reproduzierbar und konsistent arbeiten, sollte man wirklich etwas von der Sache verstehen«

Sind Naturpapiere per se umweltfreundlicher als gestrichene Sorten?
Bei Frischfaser nicht wesentlich. Der Zellstoff, der in gestrichenen und ungestrichenen Sorten verarbeitet wird, ist ja ohnehin oft der gleiche. Der Begriff »Natur« kommt daher, dass das Papier naturbelassen und nicht gestrichen ist. Was auf die Ökobilanz geht, sind lange Transportwege – egal, ob das Papier einen Strich hat oder nicht.

Also sollte man darauf achten, wo das Papier und der Zellstoff herkommen, ob er zum Beispiel FSC-zertifiziert ist?
Ja, unter anderem. Oder eben alternativ Recyclingpapier einsetzen. Im Vergleich zu Naturpapier hat es eine sehr homogene Ausdruckqualität, da durch die mehrfache Aufbereitung der Zellstoff anders beschaffen ist. Manche Sorten sind nur minimal grauer, aber die Druckqualität ist oft besser als auf einer Reihe von Naturpapieren aus frischer Faser. Recyclingpapiere liefern ein sehr schönes, auch hochwer tiges Druckbild. Und außerdem gibt es welche mit optischen Aufhellern.

Bislang sind Recyclingpapiere aber eher im Office-Bereich zu Hause.
Das stimmt, aber zunehmend setzen namhafte Unternehmen Recyclingpapiere für ihre Printprodukte ein. Immer mehr Leute sehen und verstehen, dass man schön darauf drucken kann. Das werden auch die Papierhersteller erkennen und daraufhin mehr Sorten zur Verfügung stellen. Als BMW sämtliche Printmaterialien zu seinem Elektroauto i3 auf Recyclingpapier gedruckt hat, sah das nicht nur schön aus, sondern sorgte zudem für positive Reaktionen. Ich sehe für Recyclingpapier durchaus eine Zukunft in der Druckindustrie.

 

Was Gestalter und ihre Kunden tun können, um nachhaltige Printerzeugnisse zu schaffen, lesen Sie im PAGE eDossier »Designratgeber: Umweltfreundlich drucken«.

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Was Sie beachten müssen, wenn Sie Grauschwarz, Blauschwarz und/oder Tiefschwarz auf Naturpapier drucken, lesen Sie im PAGE eDossier »Schwarz-Druck«.

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Lesen Sie auch die 4 Tipps zum Umgang mit Naturpapier von Mario Drechsler!


Weitere Tipps & Tricks zum Thema »Drucken auf Naturpapier« finden Sie in unserer Serie Druckveredelungstechniken.


In der Serie »Schwarze Kunst« erläutert Mario Drechsler die wichtigsten Punkte rund um die Printproduktion: RecyclingFarbmanagementDruckprofileVeredelung,
DesignpapiereDigitalproofsRGB oder CMYK?Neon- und MetallicfarbenBlitzer vermeiden und Überdrucken.


Weitere schöne Arbeiten auf Naturpapier finden Sie in unserer Bildergalerie zum Thema Drucken auf ungestrichenen Papieren.


Schauen Sie auch in unseren Druckdienstleister-Report: Dort stellen wir Ihnen besonders versierte und kreative Druckereien vor.


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Ein Kommentar


  1. Martin Lind

    Schade, das Mario Drechsler hier keinen Hinweis gibt, das UV-Farben im gehärteten Zustand Plastik sind (Polymer-Achrylate) mit denen die schöne Naturpapieroberfläche versiegelt wird. Diese Farben sind derzeit nicht deinkingfähig, verhindern damit ein hochwertiges Recycling wie es z. B. für die tollen Recyclingpapiere von Geese benötigt wird und verschlechtern so die Umweltbilanz eines Druckproduktes.


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