Konzentriert inszeniert: Berlin Transit

Spannende Reise in das Berlin der 20er-Jahre: chezweitz & partner gestalten Ausstellung im Jüdischen Museum.



Filme, Fotografien, Gemälde und viele andere Dokumente trägt die Ausstellung »Berlin Transit« im Jüdischen Museum Berlin zusammen, um an eine Zeit zu erinnern, in der zehntausende osteuropäische Juden aus ihrer Heimat flohen und ihr Anlaufpunkt und ihre Zwischenstation Berlin war. Dort siedelten sie sich im Scheunenviertel an, eröffneten Betstuben, Lesehallen und Geschäfte für koschere Lebensmittel und ließen sich auch in Charlottenburg nieder, dass wegen des hohen Anteils russischer Bürger schließlich auch »Charlottengrad« genannt wurde.

chezweitz & partner haben die Reise zurück in das Berlin der 20er-Jahre ganz konzentriert und in Grau, Schwarz, Weiß und Blau auf die zahlreichen Dokumente und Zeugnisse ausgerichtet – und die packenden, bisher unerzählten und tragischen Geschichten.

Im Zentrum dabei: Eine 24 Meter lange Filminstallation, die Detlef Weitz gemeinsam mit dem Videokünstler Dominique Müller realisiert hat und die atmosphärisch Berlin als fremde Welt erfasst, Stadtszenen zeigt, herum eilende Menschen, geschäftige Handwerker und Straßenfluchten durch die die Migranten laufen. »Luftberliner« wurden sie von den Einheimischen genannt, weil sie nicht wirklich da waren, aber eben doch. Mehr als 90 Verlage gründeten sie in den 1920er Jahren, brachten großartige Illustrationen und Künstler wie Naum Gabo und El Lissitzky nach Berlin und ein reiches kulturelles Leben.

Als »Luftberliner« in weißen Scherenschnitten festgehalten, empfangen sie einen schon an der Außenfassade des Hauses und ihre Sicht ist der Ausgangspunkt der Gestaltung der Szenografie.

Die Sonderschau im Liebeskind-Bau ist nicht allzu groß, aber großartig auf den Punkt, wirft immer wieder den Spot auf einzelne Stücke wie die Zeichnungen El Lissitzkys, die wunderbar illustrierten Bücher, die einst entstanden, auf Fotodokumente und auch die Geschichte der Familie Chaim Kahan, reiche Ölunternehmer, die in Konkurrenz zu Shell standen, in der Schlüterstraße lebten und auf Druck der Nationalsozialisten ihr Unternehmen verkauften und auswanderten. Sie rückt Reiseanträge, die von tragischen Schicksalen erzählen in die Aufmerksamkeit, erschütternde Progromzeichnungen – und in einem großartig schlichten Audioraum tritt man in einen Stimmengewirr aus Jiddisch, Hebräisch, aus Russisch, Musik und Geräuschen und kann sich, zurückgelehnt in kleine Nischen, Originaltondokumente anhören. 

Gleichzeitig bindet die Ausstellung das Gesehene immer wieder in das große Ganze der Schau ein, die die Atmosphäre und das Leben als »Luftberliner« beschwört – und trägt die Historie schließlich bis in die Gegenwart hinein.

Im letzten Raum zeigen Fotografien vergessene Orte der osteuropäisch-jüdischen Migration, Straßenansichten, ein Café nahe dem Alex, Häuserfassaden und Geschäfte und läd mit Ansichts- und Info-Karten, die man mitnehmen kann, dazu ein, sich im Heute der Stadt auf Spurensuche nach dem Gestern zu begeben. 

Berlin Transit. Jüdische Migranten aus Osteuropa in den 1920er Jahren, Jüdisches Museum Berlin, bis 15.7.2012


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