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»Ein verkürzter Designprozess führt in der Regel zu Styling«

Wir sprachen mit den Professores Leslie Speer und Gerhard Reichert, den Gründern der Simple Limb Initiative, über die Entwicklung von Prothesen für Menschen in Niedriglohn-Ländern.

Startseite Simple Limb Initiative / Fußprothese

2003 startete die Simple Limb Initiative (SLI) als Projekt im Studio für Industriedesign unter der Leitung von Profossorin Leslie Speer an der San Jose State University in Zusammenarbeit mit Professor Gerhard Reichert von Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd während seines Sabbatjahres in San Jose, CA.

Seitdem forschen sie gemeinsam mit Studierenden an der Entwicklung von Prothesen, doch nicht immer ist es dabei möglich, mit den Studierenden in die betreffenden Regionen zu reisen, um sich mit den realen, betroffenen Menschen auszutauschen, ihr Umfeld und Anforderungen zu erkennen.

Wie definieren Designer die richtigen Probleme, um vorurteilsfrei für Menschen mit Behinderung zugestalten?

In unserer hochentwickelten Welt, die bis in die Details optimiert und spezialisiert ist, ist es für Designer und Entwickler eine Herausforderung die richtigen Probleme zu entdecken. Zwei Extreme beschreiben das: Probleme werden nicht erkannt, aufgrund geringer Empathie und festgelegter Anschichten. Das andere Extrem besteht darin, dass wir selbst vermeintliche Probleme ersinnen und kreieren, um im Anschluss das Problem zu lösen und ein (unpassendes) Produkt entwickeln, für den es keinen nachhaltigen Bedarf gibt. Man muss sich auf die Menschen einlassen, für die und mit denen Produkte und/oder Service entwickelt und gestaltet werden. Steve Jobs beschrieb es treffend: »Je besser wir das menschliche Empfinden verstehen, desto besser wird das Design.«

Wie lässt sich barrierefreie Gestaltung in den gesamten Designprozess integrieren, statt nur am Ende?

Eine integrative Sicht und Zusammenarbeit der unterschiedlichen Fachbereiche für die Produktentwicklung ist von herausragender Bedeutung für sinnvolle und erfolgreiche Produkte. Als Kinder leben wir in einem Relations-Universum und betrachten Dinge nicht isoliert als Begriffe, sondern denken ganzheitlich in Zusammenhängen: Ein Haus ist kein Gebäude, sondern etwas in dem ich mit meinen Eltern lebe, spiele, wohne und schlafe. Mit dem Alter und mit der Schule lernen wir Dinge mit Begriffen zu beschreiben und zu klassifizieren und bewegen uns mehr in einem Klassifizierungs-Universum.

Diese Entwicklung verstärkt sich in der Regel durch fachspezifische Ausbildungen, die eine ganzheitliche Betrachtung von Problemen erschwert, dadurch greift man vielfach auf bisherige Lösungen zurück. Die Entwicklung von innovativen Produkten erfordert deshalb einga nzheitliches und funktionsorientiertes Denken. Zielführende Gestaltung von barrierefreien Produkten und Services sollte mit der Strategie-, Recherche- und Analysephase beginnen. Ein verkürzter Designprozess und Einstieg erst in der Entwurfsphase führt in der Regel zu »Styling«.

Wieso haben Sie die SLI gegründet?

Mit jedem Semester haben wir gemeinsam mit unseren Studierenden wertvolle Erfahrungen in der Entwicklung von Prothesen gemacht. Die Prothesen wurden in allen Bereichen wie Stupfaufnahme, mechanisches Kniegelenk und Prothesenfuß »professioneller«. Diese Erfahrungen und Ergebnisse wollten wir weltweit mit Interessierten teilen, die auf unseren Ergebnissen aufbauen und bessere Prothesen entwickeln. Der italienische Architekt und Designer Michele De Lucchi sagte es treffend: »Die beste Kreativität ist diejenige, die Kreativität bei anderen fördert.«

Können Sie bitte Ihre Strategie für die Entwicklung und Gestaltung von Prothesen für low-income countries kurz erläutern und wie Sie diese in der Praxis mit den Studenten realisieren?

Eine kostengünstige Bein- und Handprothese mit technischen und ästhetischen Leistungsmerkmalen zu entwickeln, stellt eine enorme Herausforderung für Entwickler und Designer dar und für Studierende ist das eine noch größere Herausforderung. Die Gestaltung wird dadurch erschwert, dass in den vielfaltigen Ländern und Gebieten der Welt unterschiedliche Gegebenheiten vorherrschen: diverse Kenntnisse und Fähigkeiten der Handwerker und Orthopäden und die jeweils zur Verfügung stehenden Maschinen, Werkzeuge und Materialien.

Hieraus resultieren zwei grundsätzliche Strategien für die Entwicklung und Gestaltung von Prothesen für low-income countries. Erstens, die Prothesen lassen sich komplett montiert oder in Einzelteilen in Industrieländern herstellen und von dort an die Opfer bzw. soweit vorhanden an die Orthopadiewerkstätten liefern. Eine weitere Möglichkeit bietet das Selbstbauprinzip der Prothesen in Handwerksbetrieben im Zielland anhand von Bedienungsanleitungen und Werkzeugen ggf. unter Verwendung von Schlüsselbauteilen, die z. B. in Serienfertigung (ggf. in Industrieländern) hergestellt werden.

In der Praxis steht das Klären und Präzisieren der Aufgabenstellung (wesentliches Problem) mittels Abstrahieren zur lösungsneutralen Gesamtfunktion. Die Gesamtfunktion wird in Teilfunktionen & Funktionsträger aufgeteilt, um die Komplexität zu reduzieren. Für die Teilfunktionen werden Prinziplösungen entwickelt. Die Prinziplösungen werden nach technischen und wirtschaftlichen Kriterien ausgewählt und in Prinzipkombinationen d. h. realisierbare Module oder Gesamtsysteme kombiniert. Durch diese Verknüpfung entsteht ein Lösungsspektrum (Konzepte) für die Gesamtfunktion bzw. Aufgabenstellung. Eine in der Konstruktionslehre altbekannte Methode und Elon Musk nennt es nun »First principles thinking«.

Welche verschiedenen Disziplinen umfasst der Gestaltungsprozesse?

Die integrale Entwicklung und der Gestaltungsprozess basieren in ihrer grundsätzlichen Struktur auf dem gesamten Produktlebenszyklus (engl. product-life-cycle) ausgehend von der Unternehmensstrategie über die Entwicklungsphase (Analyse, Konzept, Entwurf, Konstruktion), Umsetzungs- Wahrnehmungs-, Kauf- und Nutzungsphase bis zur Nachgebrauchsphase (in der Regel Recycling). Hierzu sollten alle im Produktlebenszyklus beteiligten Personen, wie zum Beispiel Verkäufer, Service und Nutzer und die direkt produktbeeinflussenden Personen bzw. Abteilungen wie zum Beispiel Marketing, Design, Entwicklung, Fertigung mit ihren spezifischen Kompetenzen und Anforderungen eingebunden werden.

Was lernen die Studenten bei diesem Projekt?

Einfache und funktionieren Prothesen zu entwickeln ist eine unerwartet große Herausforderung, denn Einfachheit bedeutet sich durch die Tiefen der Komplexität hindurchzuarbeiten. Die Kompetenzen die in den SLI-Projekte erarbeitet und gewonnen werden sind grundsätzlich individuell, denn die Studierenden bringen unterschiedliche Erfahrungen und Potential mit in das Projekt und das Team. Wir vermitteln grundlegende Entwicklungsmethoden, systematische Lösungssuche und Ideengenerierung für eine ergonomische, ästhetische, festigungsgerechte, werkstoffgerechte, festigkeitsbedingte und kostengerechte Gestaltung. Sowie Grundkenntnisse diverser Herstellungsverfahren mit ihren ästhetischen technischen, ökologischen und ökonomischen Potential.

Wie soll es mit der SLI weitergehen?

L. Speer: Wir befinden uns in einer Forschungs- und Designverbesserungsphase, arbeiten an der Verfeinerung aktueller Designs (Rodilla und Stance) und arbeiten daran, im nächsten Jahr weitere Konzepte und Kooperationen zu entwickeln.
G. Reichert: Für die Zukunft ist eine Vertiefung im Bereich robuste und kostengünstige Fertigung von Bauteilen für Prothesen wie z. B. Kniemechaniken in Planung.

Haben Sie Tipps für die Gestaltung von Inklusion?

Sich in die realen Welten der betroffenen Menschen begeben, nur so können die Studierenden reale Probleme erkennen. In der Konzeptphase sich von bestehenden Lösungen lösen und Neues denken. »First principles thinking«

Prof. Leslie Speer
Lehrstuhl für Produktdesign am Maryland Institute
College of Art, Gründerin und Direktorin der Simple Limb Initiative

 

 

 

 

Prof. Gerhard Reichert
Produktgestaltung und Konstruktion, Leitung goHfG
Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd
Mitgründer der Simple Limb Initiative

 

Dieser Beitrag ist erstmals am 02. September 2020 veröffentlicht worden.

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