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Franky’s Hats: »Eine Art ewige Vintage-Ära«

Der Onlineauftritt von Franky’s Headwear aus Amsterdam gefiel uns so gut, dass wir mit Webdesigner Huig van der Waal Kontakt aufnahmen. Im Interview berichtet uns der Gründer von den Anfängen des Brand in Portugal, seinem Designansatz und Visionen für die User Experience.

Website frankys-hats.com

Seit über 15 Jahren entwirft und programmiert der Designer Huig van der Waal Websites, bis er feststellte, dass sie vergänglicher sind als ein guter Hut. So gründete er 2018 in Amsterdam das Headwear-Label Franky’s, unter dem er seine in der Nähe von Porto handgemachten Baseball-Caps vertreibt, die ein Leben – und länger – halten sollen.

Er ist sein einziger Angestellter und kümmert sich von der Website über Fotografie bis hin zu Marketing und Verkauf um alles selbst. Franky’s ist für den Designer ein großes Experimentierfeld, auf dem er seine Erfahrung als Entwickler und Designer mit seinen Vorlieben für Vintage-Mode und Videospiele vereint (siehe auch PAGE 10.2021). Huig van der Waal erzählte uns im Interview die ganze Geschichte von der Gründung bis hin zum AR-Filter.

Wie kommt ein Webdesigner plötzlich auf die Idee, Hüte herzustellen?

Seit Anfang der 2000er Jahre entwerfe und programmiere ich bei den meisten meiner Kunden-Aufträge etwas für das Web. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass vieles, was ich mache, nicht für immer das Nonplusultra ist, dass es irgendwann durch ein besseres Design, leistungsfähigere Rechner, ein neues Framework und so weiter, ersetzt wird. Nach und nach ist die Arbeit vollständig ausgewechselt und ward nie wieder gesehen. Alles, was bleibt, sind Erinnerungen an die Nutzer:innenerfahrung und Screenshots für das Archiv. Also habe ich mir überlegt, physische Produkte zu erschaffen, die ein Leben lang halten, oder – nach meiner Mission – länger.

Handwerkskunst – Stoffe zuerst

Website frankys-hats.com
Ein strenges Raster durchzieht die Website. Bild: Franky’s Hats.

Wie geht man an so ein Produkt heran?

Um einen Hut herzustellen, der ein Leben lang hält, braucht man echte Wolle. Sie ist haltbar, atmungsaktiv und Wolle ist ein ehrliches Material. Ohne eine große Ahnung von der Mode- oder Produktionsbranche bin ich nach Porto geflogen, um gute Wolle zu finden. Und aus der Idee, Portugal zwei Wochen lang zu erkunden, wurde dann ein ganzes Jahr. Viele Webereien und Fabriken haben keine Website und es ist unmöglich mit ihnen in Kontakt zu treten, außer man fährt hin. Sie sind einfach da und es geht ihnen gut – man muss sie nur entdecken.

Und wie hast du sie gefunden?

Meine erste Tour führte mich in die Serra da Estrela auf 2000 Meter Höhe. Ein Schafhirt zeigte mir die kleine Fabrik, die aus seiner Wolle Stoffe herstellt. Mit lärmenden belgischen und deutschen Maschinen, die noch aus dem vorletzten Jahrhundert stammen, wird dort ein dicker, leinwandartiger Stoff hergestellt, der sich allerdings viel zu warm für meine Mütze herausstellte. Im Moment arbeite ich mit fünf oder sechs verschiedenen Fabriken zusammen, die von Merinowolle bis hin zu Segeltuch die jeweils besten Materialien für meine Mützen liefern und schon lange existieren.

Werden die Stoffe auch in Portugal verarbeitet?

Ja, die Stoffe und Materialien werden in renommierten Hutfabriken in São João da Madeira in der Nähe von Porto zu den Franky’s Hats zusammen genäht. Ich bin im dortigen Hutmuseum auf die lange Hutmacher-Tradion des Ortes gestoßen, weil die lokalen Betriebe bereits in den 1920 Hüte nach Hollywood verkauft haben. Handwerkskunst ist eine zentrale Säule meiner Marke, die ich beim Branding von Franky‘s immer wieder betone.

Shop frankys-hats.com
Franky’s Hats haben den klassischen Baseball-Schnitt. Bild: Screenshot www.frankys-hats.com 08/21

Vintage-Design und ein starkes Raster

Aufkleber und Plakate
Die auffälligen Typen Arnold Boecklin und VLNL Berlagebrug haben in Amsterdam eine lange Tradition. Bild: Franky’s Hats

Was hat dich beim Design von Franky’s inspiriert?

Mich inspiriert die Amsterdamer Schule, niederländische Architektur aus dem letzten Jahrhundert, unsere Urbanität und Art Deco in Amsterdam. Dazu kommt, dass ich immer online war, ich bin mit Videospielen und Webdesign aufgewachsen. Aber ich schaue – anders als das im Internet funktioniert – gerne auf echte Dinge zurück und denke: »Das waren die guten alten Zeiten«, so was wie Secondhand-Kleidung und alte Möbel. Eine Art ewige Vintage-Ära. Ich möchte etwas erschaffen, das auch in vielen Jahren noch funktioniert.

Wie setzt du diesen Urban-Vintage-Video-Stile um?

Zunächst einmal mit Typografie. Ich verwende zum Beispiel die Arnold Boecklin, die man hier oft in Cafés oder auf alten Art-Deco-Postern und Zeitungen findet. Außerdem nutze ich die VLNL Berlagebrug von Donald Beekman, die auf allen Brücken in Amsterdam zu finden ist. Dazu kommt die Maison Neue als Ode an die Schweizer Schriftmeister. Sie fällt leicht ins Auge und perfekt für das Web geeignet ist. Und ihr Gestalter Timo Gaessner hat passenderweise hier an der Rietveld Academie studierte.

Wildplakzuil Franky's Hats
Wildplakzuilen heißen Litfassäulen in den Niederlanden, die eigentlich für nicht-kommerzielle Botschaften reserviert sind, aber dennoch von vielen Außenwerbetreibenden besetzt werden. Hier mit den bunten Plakaten im Vintage-Stil, deren Art-Deco-Typen Tradition in Amsterdam haben. Bild: Franky’s Hats Bild: Copyright 2021. All rights reserved.

 

Daneben verwende ich ein stark definiertes Raster. Es ist beeinflusst von den Backsteingebäuden im Westen Amsterdams aus den 50er und 60er Jahren und schafft einerseits ein geordnetes UI und andererseits lautes Druckdesign. Außerdem spielen die Farben eine Rolle: das Brand ist hauptsächlich schwarz und weiß, aber ich arbeitet mit vier Hilfsfarben, mit denen ich unterschiedliche Kontexte schaffen kann. Schwarz steht für die Vergangenheit, Handwerkskunst, Qualität; Weiß für die Zukunft, Neues, Ungebundenheit. Das Ocker/Orange symbolisiert Aktion, Kreativität und Gegenwart; Grün den Einklang mit der Natur, ein ehrliches Produkt und Nachhaltigkeit. Und Blau verkörpert Philosophie und Traum. Und für diesem körnigen Effekt auf der Website habe ich als CSS-Animation mit einem png mit Transparenz realisiert.

Kannst du etwas zum Logo sagen? Was ist das für ein Tier?

Das Logo ist eine Hommage an den aktiven und herausfordernden Geist. Ich spiele nachts oft Schach mit Freunden und meine Lieblingsfigur ist schon immer der Springer beziehungsweise das Pferd. Es ist wendig und man kann es im Spiel vielfältig entwickeln; es ist wie ein Kreativer! Und so ähnlich ist es auch mit dem Logomark. Obwohl die Leute nicht genau wissen, ob es ein Pony, ein Hund oder ein Einhorn ist, mögen sie es einfach – oder vielleicht genau deswegen. Narsi Krishnaswamy hat es für Franky’s entworfen. Ich bin bei meiner Recherche auf ihn gestoßen. Krishnaswamy ist Mitte 60, er hat früher als Creative Director für JWT (J. Walter Thompson) gearbeitet und arbeitet jetzt im Ruhestand manchmal als Freelancer.

Für einen Shop ist die UX Shop ebenfalls ungewöhnlich, wie bist du da heran gegangen?

Ich wollte keine Standard-UX-Elemente in meinen Designs verwenden, also habe ich mir an vielen Stellen etwas anderes überlegt, wie beispielsweise das Videospiel. Anstelle der lästigen Popups mit Rabatt-Werbung, können meine Besucher:innen ein altes Arcade-Game (Breakout) spielen und sich dadurch einen Rabatt verdienen. Die Produkte von Franky’s sind nie reduziert, aber auf der Website sind ein paar Easter Eggs mit Gutscheinen versteckt. Meine Vision wäre es, eine Art Spielhalle auf der Website zu kreieren, in der man gegeneinander antreten kann, um dann zum Beispiel limitierte Modelle zu gewinnen.

 

Du hast außerdem einen AR-Filter programmiert, was hat es damit auf sich?

Mir haben einige Leute erzählt, dass sie nie einen Hut tragen würden, weil sie meinen, sie hätten nicht den passenden Kopf dafür. Also habe ich einen AR-Filter für Instagram erstellt, mit dem man die Franky‘s in Echtzeit testen kann. Das sagt eigentlich nichts über die reale Passform, aber ich hatte Spaß beim Erstellen in Spark-AR und ich freue mich, wenn die Fotos manchmal geteilt werden.

Portrait von Huig van der Waal mit Franky's HatHuig van der Waal der holländische Web-Designer lebt und arbeitet in Amsterdam.

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