„Wir versuchen, verschüttetes Kreativpotential aufzudecken“

Die School for Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam hat kürzlich den Innovationsworkshop „Neue Chancen für die Grundschule – mit kultureller Vielfalt die Ausbildung verbessern“  durchgeführt. Prof. Ulrich Weinberg, Leiter der D-School, im exklusiven Interview mit PAGE über das Potential von Design Thinking in der Bildung



Die School for Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam hat kürzlich den Innovationsworkshop „Neue Chancen für die Grundschule – mit kultureller Vielfalt die Ausbildung verbessern“  durchgeführt. Prof. Ulrich Weinberg, Leiter der D-School, im exklusiven Interview mit PAGE über das Potential von Design Thinking in der Bildung

„Mit kultureller Vielfalt die Ausbildung verbessern“ klingt nach großen Plänen. Wie kam es zu diesem Innovationsworkshop an der D-School?

Ulrich Weinberg: Jeder, der schulpflichtige Kinder hat weiß, dass hier Innovationsbedarf besteht. Darüber hinaus erhalten wir häufig von Institutionen wie anderen Hochschulen, Volkshochschulen oder etwa Polizeischulen Anfragen, ob sich unser Konzept übertragen lässt. Deshalb ist Bildung eines der Themen, mit dem sich die HPI D-School längerfristig auseinandersetzen will. Man nennt uns nicht umsonst den „Kindergarten für Erwachsene“: Wir versuchen, verschüttetes Kreativpotential wieder aufzudecken. Meines Erachtens verhindern die Bildungseinrichtungen ab dem Kindergarten das Freisetzen von Kreativität, und mit den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen wird das nicht besser.

Im Workshop ging es darum, mit D-School-Studenten neue Impulse für eine bessere Grundschulbildung zu entwickeln und dabei das Potential der multikulturell besetzten Schulklassen aktiv für den Unterricht zu nutzen.

Wie ist das Institut dabei vorgegangen?

Zunächst haben wir die Situation an 15 Berliner Schulen intensiv beobachtet, die Studenten-Teams führten Gespräche mit Lehrern, Schülern, Eltern, Sozialarbeitern und Regierungsinstitutionen, um schnell zu Experten zu werden und anschließend in 7 Teams verschiedene Lösungsansätze zu entwickeln.

Wie sahen deren Ergebnisse aus?

In den Projekten entstanden Lehrkonzepte und Spiele für die Grundschüler: etwa „Split Personality“, ein Konzept, das darauf basiert, dass Lehrer oft unterschiedliche Rollen gleichzeitig einnehmen müssen – Elternersatz, Streitschlichter oder Freund. Diese Rollen sollen aufgeteilt und von „Coaches“, also Kindern aus höheren Klassen, übernommen werden, mit dem Ziel die Lehrer einerseits zu entlasten und andererseits den Schülern den Umgang mit Verantwortung beizubringen. Das Spiel „2BU“ basiert auf der Beobachtung, dass sich die einzelnen Nationalitäten an den Schulen häufig zu Gruppen formieren. Deshalb lautet die Aufgabe, eine Zeitlang in die Rollen des türkischen oder russischen Mitschülers zu schlüpfen – und zwar komplett, inklusive seiner Kleidung, auch ein paar Sätze seiner Sprache sollen gelernt werden. Prinzipiell geht es darum, Zusammenarbeit, gegenseitiges Verständnis und Kreativität zu fördern. Die Reaktionen auf die Vorschläge der Teams waren sehr positiv und es gab bei einigen die Bereitschaft, die Lösungsvorschläge umgehend in den Unterricht zu integrieren. Ziel eines einwöchigen Workshops kann es allerdings nicht sein, fertige Lösungen vorzulegen, sondern Denk- und Handlungsanstöße zu liefern.

Wie war das Feedback der Lehrer und Institutionen auf die Projektergebnisse?

Die bei der Abschlusspräsentation anwesenden Schulvertreter waren überrascht, wie intensiv sich die Studenten in kurzer Zeit in die Problematik an den Schulen eingearbeitet hatten. Die Reaktionen auf die Vorschläge der Teams waren sehr positiv und es gab bei einigen die Bereitschaft, die Lösungsvorschläge umgehend in den Unterricht zu integrieren. Ziel eines einwöchigen Workshops kann es allerdings nicht sein, fertige Lösungen vorzulegen, sondern Denk- und Handlungsanstöße zu liefern.

Was kann Design Thinking generell im pädagogischen Bereich leisten?

In den Schulen steht die messbare Leistung des Einzelnen im Vordergrund – nicht die Teamarbeit. Allerdings lassen sich mit hochqualifizierten Einzelindividuen alleine unsere Probleme heute nicht mehr lösen. Design Thinking fördert Innovationsdenken, um neue Perspektiven zu schaffen. Dabei fokussieren wir uns stark auf die interdisziplinäre Teamleistung, wir setzen auf die Leistungsfähigkeit hochmotivierter Gruppen. Wir haben auch festgestellt wie wichtig die räumlichen Bedingungen dabei sind. So wäre es etwa sinnvoll, in Schulen eine Küche, einen Activity- und einen Ruheraum einzurichten. Und an der  D-School haben wir Mobiliar entworfen, das kreative Teamarbeit ermöglicht – und das wir mittlerweile erfolgreich vertreiben. Dazu gehört ein mobiler Steh-Arbeitstisch auf Rollen, mit Materialboxen unter der Arbeitsfläche. Die Tische lassen sich modular kombinieren und mit Whiteboards umgeben, die so kleine Arbeitsräume schaffen. An der D-School steht der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten im Vordergrund, nicht die technischen Möglichkeiten. Diese Denkweise müssen unsere Studenten erst lernen, insbesondere Studierende technischer Disziplinen sind stark lösungsorientiert: Für sie wird leicht jedes Problem zum Nagel, nur weil sie einen Hammer in der Hand halten.

Welche Fragen wird die D-School in ihren Bildungsprojekten zukünftig beschäftigen?

Wir werden die Frage stellen, ob die Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche heute in Deutschland durch Kindergarten und Schule geführt werden, den Anforderungen des 21. Jahrhunderts noch standhalten kann. Bei der Durchführung unseres Workshops war ich erstaunt, wie wenig sich seit meiner eigenen Schulzeit verändert hat, wie stark der Frontalunterricht noch dominiert und wie kleinteilig die Stundenpläne nach wie vor sind. Die Lehrer selbst haben uns zum Beispiel mitgeteilt, dass sie, anstatt pro Fach eine dreiviertel Stunde zu unterrichten, lieber einen halben Tag Zeit hätten, um nicht das Fach, sondern ein spezifisches Thema in den Mittelpunkt zu stellen. Es wird also notwendig sein, mehrere Schritte zurück zu treten, um den Bildungsapparat mit möglichst großem Abstand betrachten zu können. Wir werden das nicht im Alleingang, sondern gemeinsam mit anderen Initiativen angehen und bewusst ganz Deutschland im Blick halten, da sich die Politik hier nur auf Bundesländerebene bewegen darf.

Mehr über das Potenzial von Design in aktuellen Bildungsprojekten erfahren Sie in der nächsten Ausgabe von PAGE ab Ende März

Prof. Ulrich Weinberg, Leiter der D-School


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