Traumjob: Wie ist es, als Gestalter für ARTE zu arbeiten?

Wir haben nachgefragt und stellen in einer kleinen Serie Inhouse-Gestalter vor, die nur mit einem einzigen Unternehmen verbandelt sind. Den Anfang macht Cécile Chavepayre, charmante Artdirektorin bei ARTE.



Cécile Chavepayre im Lastenaufzug bei ARTE

Auf ihrer Visitenkarte steht Art- oder Kreativdirektor, Design Director, Head of Design oder sogar Vice President of Design … Anders als bei ADs und CDs aus der Werbung, die mal für die eine, mal für die andere Marke arbeiten, sind Inhouse-Gestalter nur mit einem einzigen Unternehmen verbandelt.

Je designaffiner es ist, desto wichtiger sind diese kreativen Köpfe. Wir stellen einige von ihnen vor: Sie selbst erzählen von ihrem Werdegang, ihrem beruflichen Selbstverständnis und ihren spannends­ten Projekten. Das ist Cécile Chavepayre, Artdirektorin bei ARTE:

»Eine klassische Laufbahn als Kreativdirektorin (falls es so etwas überhaupt gibt) habe ich nicht. Ich habe erst französische Literatur studiert und war sogar eine Zeit lang Französischlehrerin. Eine wunderbare Erfahrung, denn man ist ganz allein quasi ein Medium, das Wissen vermittelt. Aber ich liebe es, mich weiterzuentwickeln, und weil mich das The­ma Identität schon immer interessierte, bin ich in die Medien abgezweigt: Ich war 13 Jahre lang Freelance-Konzepterin und -Realisatorin der Programm­promotion diverser TV-Stationen, darunter der öffentlich-rechtlichen Bildungssender France 5. Paral­lel hielt ich regelmäßig für Canal France International bei öffentlich-rechtlichen Sendern in Ländern auf dem Weg zur Demokratie – beispielsweise Namibia oder Thailand – Workshops darüber, warum eine Marken­identität so wichtig ist.

In all den Jahren hatte ich eine Menge gelernt, aber weil das niemand merkte, habe ich dann noch an der CELSA Paris-Sorbonne, einer Hochschule für Kommunikations- und Informationswissenschaften, einen Executive MBA erworben. Danach wusste ich erst mal nicht, was ich tun sollte, aber – oh Freude! – da bot mir ARTE die Artdirektion an.

Ich bin also keine Grafikerin, zeichne hundsmiserabel und habe keine Ahnung von Technik. Aber ich kann gut Metaphern entschlüsseln und interessiere mich für das, was außerhalb der Medien stattfindet.

Ab und zu gehe ich ins Theater oder schaue modernen Tanz an, etwa Aufführungen von Thomas Ostermeier, Wim Vandekeybus oder Lucinda Childs. Alles fließt direkt oder indirekt in die Arbeit ein. Und je älter ich werde, desto mehr vertraue ich dem seltsamen Ding, das man Instinkt nennt.

Für ARTE arbeite ich seit Mai 2012 und bin direkt dem Programmdirektor unterstellt. Ich kümmere mich um das Bild- und Tondesign on air und off air, das heißt um Programm-Promotion, in der Straßburger Zentrale produzierte Vor- und Abspänne, um Studiodekor und Programmankündigungen sowie um alle digitalen Produkte (Web und App) in beiden Ländern. Ich werfe auch einen Blick auf die Printkommunikation, ebenfalls sowohl in Frankreich als auch in Deutschland.

Eine Designabteilung in dem Sinn gibt es nicht, es ist die Produktionsabteilung, die auf meinen Rat hin interne und externe Grafiker einsetzt. Letztere sind bei kleineren Projekten mit Vorliebe Printgestal­ter, denn diese haben häufig eine grafische Strenge, die ich gerne für das Fernsehen oder die digitalen Me­dien in Bewegung versetze. Großartig ist etwa die Grafikdesignerin Sylvia Tournerie! Wir haben das Erscheinungsbild für die Reihe »Summer of Scandals« realisiert, die von dem wunderbaren Iggy Pop moderiert wurde.

Die spannendste Aufgabe ist im Moment das Redesign des On-Air-Auftritts und der Eigenwerbung von ARTE. Nachdem wir von sieben europäischen Agenturen Vorschläge eingeholt hatten, ging der Auf­trag an The Partners in London. Ihr Konzept beruht auf der einfachen und starken Idee, dass ARTE in Europa wie ein Magnet für Kultur wirkt. So behandelten sie das Logo als Magneten (immer noch oran­ge, keine Angst, aber ein orangefarbener Magnet). Wobei das Konzept eine smarte Balance zwischen Energie und Poesie hält. Ob Typo oder Bildinhalte – alles bewegt sich grundsätzlich auf das Logo zu, was die Soundebene noch unterstützt.

Ich lebe nach wie vor in Paris, komme zwei bis vier Tage in der Woche nach Straßburg. Wie bei diesem Sender alle für die Verbindung von zwei Kulturen arbeiten, das ist weltweit einzigartig. Dahinter steckt die Idee, dass Kultur ein essenzieller Faktor von Freiheit ist.«


Ich liebe es, die grafische Strenge von Print für das Fernsehen oder die digitalen Medien in Bewegung zu versetzen. Cécile Chavepayre

Seit Ende März on air: Im neuen ARTE-Design wirkt das Logo immer wie ein Magnet – ob Fische zu ihm schwimmen, sich ein ganzer Zuschauerraum darauf ausrichtet oder ob es Typo-Elemente ansaugt. Man muss das in Bewe­gung sehen, also öfter ARTE gucken!


ARTE – ein völkerverbindender Kulturkanal

Seit 1992 läuft der Sender, der von ARTE Deutschland in Baden-Baden und ARTE France in Issy-les-Moulineaux bei Paris beliefert wird. Die Zentrale ARTE G.E.I.E. hat ihren Sitz in Straßburg. Das Erscheinungsbild des Senders wurde schon vielfach preisgekrönt. Das letzte Redesign gab es 2011, unter Leitung der damaligen Artdirektorin Ulli Krieg. Beteiligt war unter anderem Joost Korngold, der das Logo als dynami­sche 3D-Skulptur inszenierte. Wir hatten damals berichtet.


Im nächsten Teil der PAGE-Miniserie »Traumjob: Inhouse-Gestalter« stellen wir Tyler Hoehne, Art-Direktor beim GOOD Magazin, vor.

 


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