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Siebert-Kolumne: Die Goldenen 20er

Unser Kolumnist Jürgen Siebert sieht Parallelen zwischen den 1920er Jahren und heute.

Jürgen siebert, Sieberts FundstückeBild: Norman Posselt

Um die Coronakrise besser zu verstehen und ihre Folgen abzuwägen, ziehen Expertinnen und Experten immer wieder Vergleiche zu früheren Pandemien, vor allem zur Spanischen Grippe. Sie breitete sich in den Jahren zwischen 1918 und 1920 in drei Wellen aus und forderte weltweit zwischen 20 und 50 Millionen Menschenleben.

Jetzt, wo wir das Ende von Covid herbeisehnen, stellt sich die Frage: Wie ging es damals weiter? Die auf die Spanische Grippe folgenden Jahre waren von technischen Durchbrüchen und einer Mentalität des Aufbruchs geprägt. In den Goldenen 20ern wurden Insulin und Penicillin entdeckt, die Architektur und die Kunst feierten die Neue Sachlichkeit, das Bauhaus erlebte seine Blüte, und es gab wegweisen­de Erfindungen, von der Magnetaufzeichnung über Tonfilm und Radio bis hin zur Spraydose.

Vieles spricht dafür, das wir auch 2021 vor einer Dekade technologischer Umbrüche stehen. Erste Vorboten sind bereits am Start: in der Medizin, der Ernährung, beim Straßenverkehr, der Raumfahrt, der Kommunikation oder der Robotik. Die Basis für Innovationen ist gelegt, wobei die Rechenleistung der Computer, künstliche Intelligenz und die Vernetzung der Wirtschaft die drei wichtigsten Treiber sind. Sie bauen aufeinander auf, bedingen einander und regen sich gegenseitig an.

Die Wirtschaft geht in eine neue Epoche der Digitalisierung. Während sich unsere Kommunikation und der Datenaustausch bereits grundlegend verändert haben – und damit unter anderem auch die Unterhaltungsindustrie und der Handel –, werden im nächs­ten Schritt die Prozesse und Produktion automatisiert und mittels KI optimiert. Das Betriebssystem für die digitale Ökonomie 4.0 ist gerade im Enstehen.

Was bedeutet dies für Design und Kommunikation? Es gibt in der Ökonomie schon länger die Auffassung, dass Ideen und Kreativität das wichtigste Wirtschaftsgut des 21. Jahrhunderts sein werden. Damit sie ihre Wirkung entfalten, müssen wir aller­dings das richtige Personal an die Schaltstellen der Wirtschaft bringen, Menschen, die sich mit digitalen Prozessen auskennen und in der Lage sind, das Alte mit dem Neuen zu verlöten.

Wir müssen die Mentalität des Weiter-so durch die Kraft des Gestaltens ersetzen.

In der kreativen Ökonomie ist kein Platz mehr für Erbsenzähler und Bedenkenträgerinnen, für ein Management der System­erhaltung. Die Couragierten müssen an die Macht. Auch in der Politik übrigens. In der kommenden Dekade der Disruption geht es nicht um einen Modewechsel oder einen neuen Stil, sondern um die Umkehrung der Verhältnisse, wie wir sie bisher kannten. Wir müssen die Mentalität des Weiter-so durch die Kraft des ­Gestaltens ersetzen.

Dazu braucht es Vertrauen. Denn nichts ist leichter, als kreative Denkarbeit zu diskreditieren und sie auf dem Betonfundament des Bewährten zu zerschlagen. Das geschieht immer noch zu häufig. Ohne Zutrauen ist die kreative Gestaltung nichts wert, ohne das Vertrauen in neue Lösungen werden wir den Anschluss verlieren. Lasst es uns nicht versemmeln!

Das Geschäftsführungsmotto »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser« ist tiefstes 20. Jahrhundert. Die Kontrollettis sollen sich bitte wieder ihren Excel-Tabellen und dem finanziellen Wasserstand zuwenden, aber aus unternehmerischen Entscheidungen raushalten. Misstrauen ist der größte Feind der Kreativität.

Natürlich müssen wir Kreative uns auch an die eigene Nase fassen. Sind wir wirklich schon offen, tolerant und netzwerk­fähig genug, um die Zukunft mitzugestalten? Die Realität zeigt: Es wird noch geübt. Und das ist gut so. Lasst uns dranbleiben! Unternehmen und Teams, die Veränderung nicht zulassen, sind keine Unternehmen mehr. Sie erstarren zur Bürokratie. Und das wollen wir doch alle nicht, oder?!

Produkt: Video Die Zukunft von Design im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz
Video Die Zukunft von Design im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz
Webinar-Videoaufzeichnung von Karel Golta, Managing Director bei Indeed Innovation, 45 Min.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Sorry, Siebert – das sind mir zu viele stilistische Pirouetten und fragwürdige Kausalitäten! – Die Spanische Grippe fiel an das Ende des Ersten Weltkrieges – schon mal überlegt, ob der eventuell zu Umbrüchen geführt hat? Otto Dix-Bilder, Remarque-Romane, …, erzählen eher wenig von der Spanischen Grippe.

    Covid-19 hat die Digitalisierung (vor allem an Schulen) befeuert. Aber KI, E-Autos, neue Verkehrskonzepte? OK, wenn der aktuelle Verkehrsminister dem Virus erlegen wäre vielkleicht, aber sonst …?

  2. Chapeau, Jürgen. Kann nur zustimmen.

  3. Absolut d’accord!

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