Praktikum in Agenturen: »Geld ist nicht die einzige Form der Wertschätzung«

Warum Praktika perfekt fürs Recruiting sind und wie man sie für Nachwuchskreative und Agenturen sinnvoll gestaltet, erklärt Ralf Nöcker vom Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA



Interview mit Ralf Noecker über Praktika in Agenturen

Dr. Ralf Nöcker ist Geschäftsführer des Gesamtverbands Kommunikationsagenturen GWA, der bereits 2006 Qualitätsstandards für Agenturpraktika festgelegt hat. Wir sprachen mit Ralf Nöcker über die Generation Z, den gesetzlichen Mindestlohn – und die Kreativbranche im War for Talents.

Junge Leute haben heute zu hohe Ansprüche an ihren Job – sind aber im Gegenzug nicht bereit, sich anzustrengen – so das Klischee. Lohnt es sich da für Agenturen überhaupt noch, in Praktikanten zu investieren? 
Ralf Nöcker: Absolut! Das Klischee einer »faulen Generation Z« ist aus meiner Sicht falsch. Junge Talente sind sehr wohl bereit, Energie in den Job zu stecken. Sie wollen sich dabei aber nicht so schnell festlegen. Umso wichtiger ist es für Agenturen, die Chance zu nutzen und über Praktika und andere Wege junge Talente früh an sich zu binden.

Wie schafft man das am besten?
Wir wissen längst, dass wir uns in der Kommunikationsbranche in einem Arbeitnehmermarkt befinden. Die guten Leute können sich ihre Stellen aussuchen. Insbesondere im verhältnismäßig wenig verbindlichen Praktikumsverhältnis bedeutet das: Wenn es einem Praktikanten nicht gefällt, dann geht er eben. Agenturen müssen die Arbeit ihrer Praktikanten also attraktiv gestalten. Zum Beispiel, indem sie sie ins Team einbinden, an Meetings teilnehmen und an realen Projekten mitarbeiten lassen und ihnen einen erfahrenen Ansprechpartner zur Seite stellen – sprich: ihnen auch eine gewisse Wertschätzung entgegenbringen.

Wenn es einem Praktikanten nicht gefällt, dann geht er eben. Agenturen müssen die Arbeit ihrer Praktikanten also attraktiv gestalten.

Welche Rolle spielt dabei die Vergütung?
Bei freiwilligen Praktika ist dies durch den Mindestlohn von aktuell 9,19 Euro in der Stunde geregelt. Natürlich ist Geld immer eine Form von Wertschätzung – aus meiner Sicht aber nicht die einzige für Praktikanten. Sie werden auch durch Berufspraxis und den Eintrag in ihren Lebenslauf vergütet. Durch den Mindestlohn sind leider zahlreiche Praktikumsplätze weggefallen – und damit auch die Chance für viele junge Talente, in einem ungezwungenen Rahmen Erfahrung zu sammeln.

Ihre Mitgliedsagenturen zahlen ihren Praktikanten laut GWA-Standards dennoch den gesetzlichen Mindestlohn.
Natürlich – bei freiwilligen Praktika. Bei Pflichtpraktika im Rahmen der Ausbildung, für die der gesetzliche Mindestlohn nicht gilt, haben wir uns auf eine Vergütung von mindestens 500 Euro im Monat verpflichtet. Trotzdem: In der ganzen Diskussion um die richtige Bezahlung bestimmter Arbeiten fehlt mir eine wichtige Komponente – Spaß an qualitativ hochwertiger Arbeit. Schließlich sollen Praktika jungen Leuten Lust auf eine Karriere in der Kommunikationsbranche machen.

 

Ich kann Praktikumsgebern nur empfehlen, das Thema Onboarding nicht erst bei neuen Festangestellten zu bedenken, sondern bereits bei Praktikanten.

Mit welchen Faktoren können Agenturen hier punkten?
Neben den oben genannten Einsatzgebieten ist es oft die Atmosphäre, die zählt: Fühlt sich der Praktikant wohl? Wie erlebt er den Umgangston und Hierarchien? Wird er richtig integriert? Ich kann Praktikumsgebern nur empfehlen, das Thema Onboarding nicht erst bei neuen Festangestellten zu bedenken, sondern bereits bei Praktikanten.

Ziel ist es also, den Praktikanten langfristig an sich zu binden?
Genau. Deshalb mögen Agenturen auch die Praktikanten am liebsten, die über einen längeren Zeitraum bleiben und möglichst nahe vor dem Abschluss stehen. Sie wollen ja nur ungern für die Konkurrenz ausbilden. Das heißt aber nicht, dass Studierende im Grundstudium sich nicht für ein Praktikum bewerben dürfen! Im Moment ist die Not an guten Leuten so groß, dass jeder, der mit einem Agenturjob liebäugelt, erst einmal willkommen ist.

Im Moment ist die Not an guten Leuten so groß, dass jeder, der mit einem Agenturjob liebäugelt, erst einmal willkommen ist.

Ihr Tipp für Kandidaten?
Macht euch Gedanken darüber, welche Disziplin und Branche euch interessiert, und setzt euch dann mit der Kultur eurer Wunschagentur auseinander, um den richtigen Ton für die Ansprache zu finden. Viele Praktikumsstellen werden ausgeschrieben – scheut euch aber auch nicht vor Initiativbewerbungen!


Wie müssen Praktika aussehen, damit der Kreativnachwuchs von ihnen ebenso profitiert wie die Agenturen? Dieser Frage gehen wir in PAGE 09.19 nach und geben Tipps für Praktikanten und Agenturen


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Dieser Beitrag ist erstmalig erschienen am 31.07.2019

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