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Produkt: eDossier »Digital System Design bei Neugelb Studios und der Hochschule Darmstadt«
eDossier »Digital System Design bei Neugelb Studios und der Hochschule Darmstadt«
Anforderungen, Cases und Perspektiven im Digital System Design

Neue Website relativiert Rolle von Designikone Dieter Rams für Braun

Stammen die »Zehn Thesen für gutes Design« von Dieter Rams gar nicht von Dieter Rams?

Die »Zehn Thesen für gutes Design« gelten vielleicht als die wichtigsten Leitlinien moderner Gestaltung und werden üblicherweise Dieter Rams zugeschrieben.

Vor allem wegen seiner Entwürfe für die Firma Braun gilt er hierzulande fast schon als Erfinder reduzierter modernen Produktdesigns. Der renommierte niederländische Designexperte Cees de Jong nannte 2017 sogar sein Buch über Dieter Rams »Zehn Thesen für gutes Design«.

Auch wir haben kürzlich in einem Artikel die angeblich Rams’schen Thesen erwähnt. Interactive Designer Tobias Schneider hatte anhand der zehn »Design-Gebote« sehr witzig und pointiert aufgezeigt, warum digitale Produkte heute alles andere als gut gestaltet sind.

Thomas Braun sieht die Rolle von Dieter Rams bei der Entwicklung der zehn Thesen und überhaupt bei der Firma Braun ein wenig anders. Er ist Sohn von Artur Braun, der das Unternehmen von 1951 bis 1967 zusammen mit seinem Bruder Erwin leitete – also in der Zeit, als die meisten Designikonen entstanden. Danach wurde die Firma von Gillette übernommen.

 

Zu großer Hype um Dieter Rams?

Dass heute Rams als alleiniger Autor der zehn Thesen gilt, ist aus Sicht von Thomas Braun Teil eines größeren Problems – dass nämlich Rams die Marke Braun »keineswegs allein zu einer Ikone für moderne Formgestaltung machte«, obwohl dies heute oft so dargestellt wird. Wir zitieren aus einem Schreiben, das er letzte Woche an PAGE schickte:

»Die Glorifizierung hat in letzter Zeit ein Maß erreicht, das Tatsachen und die Historie verzerrt. Viel mehr als Rams war der großartige Dr. Fritz Eichler the guiding force behind the Braun-Design. Er war seit 1954 der Regisseur der Formgebung, von 1967 bis 1973 auch Vorstand Gestaltung in der Braun AG. Bis zu seinem Tod 1991 vertrat er als Aufsichtsrat unermüdlich die Belange des Braun-Designs.

 

Braun Design: Dieter Rams und Fritz Eichler
Ausschnitt aus dem Sammlermagazin »Design+Design zero« mit einem Foto von Dieter Rams und Fritz Eichler, zu sehen unter www.designundtext.com

 

Mir ist wichtig zu betonen, daß es sich bei der Erschaffung des modernen Industriedesigns in der Braun AG um eine Gemeinschaftsleistung handelte. Schon mein Vater hatte darauf hingewiesen, dass Dieter Rams das Glück hatte, in diesem Umfeld lernen und sich langsam entfalten zu können, bis er schließlich von 1973 bis 1995 das Braun-Design verantwortlich leiten und weiter entwickeln konnte.

Mehr und mehr wird aus einer Gesamtleistung die Leistung eines Einzelnen. Männer wie Hans Gugelot, Fritz Eichler, Wilhelm Wagenfeld, Otl Aicher, Herbert Hirche, Hans G. Conrad, Herbert Lindinger, Helmut Müller-Kühn, Gerd A. Müller oder Reinhold Weiss und all die anderen, werden überblendet, beiseite gedrängt. Ich halte das nicht für fair.

Heute unterlässt Dieter Rams es gänzlich, auf die Verdienste seiner Weggefährten und Lehrer hinzuweisen, Unzutreffendes richtigzustellen.«

 

Von wem stammen nun die »Zehn Thesen für gutes Design«?

Wer alles ganz genau wissen will, hat jetzt Gelegenheit, sich auf der Website Design+Text selbst ein Bild zu machen – und zwar anhand vieler Originaldokumente.

Zum Beispiel kann man dort das Magazin »Design+Design zero« herunterladen und selbst zum direkten Vergleich schreiten.

»Auf Seite 45 sind die 10 Leitsätze abgedruckt, die Fritz Eichler 1972/73 als Ergebnis jahrelanger Gemeinschaftsarbeit aufgestellt hat. Heute werden Sie Herrn Rams zugeschrieben. Das trifft nicht zu. Er hat lediglich etwas hinzugefügt. Als Urheberschaft kann man das nicht bezeichnen«, so Thomas Braun.

Die von Dieter Rams formulierten Thesen lassen sich etwa auf der Website von Möbelhersteller Vitsœ nachlesen, eine von ihm ebenfalls stark geprägte Marke.

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Und das Rams Regal ist nicht von Dieter Rams, sondern ein unbekannter Entwurf aus Frankreich, der von Charlotte Perriand in den 1930er Jahren mehrfach verwendet wurde (eventuell auch von ihr entworfen ist)…

  2. Der Volumen-Drehknopf der Braun audio-Anlagen widersprach schon immer den Regeln 2, 3, 4, 6 und 10. Oder reduziert ausgedrückt: die Form des Volumen-Drehknopfes folgte nicht der Funktion, sondern der Ästhetik.
    Sosehr ich die Ansichten von Thomas Braun teile, hier lagen alle Beteiligten daneben.

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